Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Dreifache Mutter: Familienpackung

Von Ein wenig gruselig ist es, aber auch ziemlich schön - wenn man sein Kind anschaut und sich plötzlich selbst gegenübersteht.

Es passiert uns im Schwimmbad. Auf offener Straße. Im Kinderclub, beim Einkaufen, in der Kita. „Das gibt’s ja gar nicht!“ „Mensch, die schaut ja aus wie Du!“ „Hey, Mama’s Copy!“ Wildfremde Menschen sprechen mich an: „Also ehrlich, Ihre Tochter, die ist Ihnen ja wie aus dem Gesicht geschnitten!“

Den Rest eines solchen Tages bin ich drei Zentimeter größer, mindestens. Grinse vor mich hin. Freue mich wie eine Schneekönigin und kann den Stolz nicht verbergen über die offenkundige Ähnlichkeit zwischen meiner Tochter und mir. Und liebe Eltern, ganz ehrlich: Wem von Euch geht es nicht genau so, wenn Freund oder Bekannter, Fremder oder Verwandter wieder einmal bemerkt, dass Euer Kind ganz unverkennbar Euer Kind ist?

Es gibt diese Momente, da sehe ich meine Tochter an, und es ist, als schaute ich in einen Spiegel. Der Blick, die Geste, die Bewegung – was auch immer es ist, einen Moment lang bin ich es, die mir da gegenübersteht.

Ein wenig gruselig ist das, aber auch ziemlich schön. Selbstverständlich betrifft das ausschließlich die Augenblicke, wenn sich mein Kind brav, fröhlich, ausgeschlafen, klug, erheiternd und auch sonst in jeder Art und Weise vorbildlich verhält. Natürlich.

In allen anderen Fällen muss sie ihr Verhalten vom Papa haben, kann gar nicht anders sein. „Eindeutig deine Tochter“, bedeute ich meiner besseren Hälfte dann. Seltsamerweise sagt er den gleichen Satz und schaut mich dabei an. Wir einigen uns schließlich darauf, dass es ein unbekannter Urahn sein muss, dessen Erbe sich hier durchsetzt.

Manchmal aber, da können wir uns nicht rausreden: „Jetzt leg das doch mal ordentlich zusammen!“, höre ich die kleine Maus in bestimmerischem Ton ihren Bruder anweisen. „So benimmt man sich nicht bei Tisch!“, gibt er das nächste Mal zurück, wenn sie gedankenverloren mit der Gabel im Essen stochert. „Jetzt rede ich, lass mich gefälligst ausreden!“, herrscht sie ihn bei der nächsten Tischrunde an.

In solchen Momenten schrumpfe ich wieder um mindestens drei Zentimeter. Und hoffe, dass sonst niemand zugehört hat. Nicht schön, wenn man sich selbst in dieser Weise reden hört.

Ganz klare Sache: Alles will ich gar nicht an die nächste Generation vererben. Das betrifft nicht nur die ein oder andere Redewendung. Es wäre zum Beispiel nicht so schlimm, wenn die Kinder in Sachen mathematischer Auffassungsgabe nicht allzu viel von mir hätten.

Okay: Es wäre ein Segen für sie und ihr schulisches Vorankommen. Auch, was handwerkliches Geschick betrifft, hege ich nach wie vor die Hoffnung, es mögen sich die Gene des Großvaters oder eines anderen talentvollen Ahnen durchgesetzt haben. In puncto Sportlichkeit atme ich bereits auf: So wie meine Tochter turnt und tanzt, sich verbiegt und streckt, hat sie eindeutig nichts, aber auch gar nichts von mir geerbt. Glück gehabt!

Trotzdem: Jede positive Ähnlichkeit der Kinder mit uns selbst ist für uns Eltern wie eine kleine Erfüllung, oder? Und jedes Mal, wenn sie die gleichen Vorlieben wie wir selbst haben, schmunzeln wir selig vor uns hin. Wahrscheinlich ist es die uralte Sehnsucht der Menschheit, für immer zu leben, die da offenbar wird. Ich bestehe in meinen Kindern fort, das ist grundsätzlich ein schöner Gedanke. Eventuelle mathematische Defizite und sportliche Unzulänglichkeiten hin oder her.
 

Zur Startseite Mehr aus Marina Schwabe - Familienpackung

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse