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Dreifache Mutter: Familienpackung

Von Manchmal gibt es den perfekten Tag, an dem alles läuft und alle zufrieden sind. Meistens läuft es genau umgekehrt...

Manchmal läuft’s. Den ganzen Tag. Schon frühmorgens: Der Kleine ist ausnahmsweise mal nicht eine Stunde vor dem Wecker wach, die Mittlere erscheint dafür keine fünf Minuten nach dem Weckerklingeln angezogen und gekämmt am Frühstückstisch. Der Große packt sein Pausenbrot ein, hilft dem Kleinen in die Schuhe und läuft gut gelaunt gen Schule. Ich kaufe ein, erledige die Post, die Wäsche, die Steuererklärung, koche, schreibe eine komplette Reportage und hole am Mittag drei friedliche und strahlende Kinder von Kita und Schule ab. Das Mittagessen läuft ab wie in der Miracoli-Werbung, die Hausaufgaben sind im Nu, korrekt und ordentlich erledigt, der Kleine schläft währenddessen seine vormittäglichen Tobereien aus, die Mittlere malt ein Bild. Wir picknicken im Garten, bauen das Planschbecken auf, der Große und sein Freund beschäftigen sich den ganzen Nachmittag lang mit Fußballspielen und Federball. Der Göttergatte hat früher Schluss, alle sitzen vereint beim Abendbrot, erzählen sich Witze und spielen „Ich packe meinen Koffer“. Um halb acht sind alle im Bett – geduscht, zufrieden, müde und entspannt. Ich setze mich neben den Liebsten auf die Couch, lege die Füße hoch und sonne mich zwei Stunden lang in Selbstverliebtheit ob meiner mütterlichen Talente. Was für ein Miracoli-Tag!

Ich sag’s nicht gerne, aber: Solche Tage sind die absolute Ausnahme. Manchmal läuft’s nämlich auch gar nicht. Und auch das schon frühmorgens. Wir stehen auf, viel zu spät. „Los, los, auf, auf!“ sind die ersten Worte des Tages. Der Kleine brüllt, weil sein Frühstück nicht sofort auf dem Tisch steht. Die Mittlere kommt mit ärmellosem T-Shirt und barfuß nach unten – leider regnet es draußen Bindfäden. Der Große will gar nicht frühstücken, weil seine Lieblingsflocken alle sind. Ich schaffe sie irgendwie und gerade noch rechtzeitig in Kita und Schule. Dafür schaffe ich Zuhause - rein gar nichts. Weil die Rolläden beim Hochziehen kaputt gegangen sind und der Monteur auf sich warten lässt. Weil ich ihn mit Kaffee versorgen will, aber keinen mehr habe und deshalb noch schnell in den Supermarkt muss. Zack, vier Stunden dahin.

Beim Mittagessen motzen die sprachkundigen Minderjährigen abwechselnd über die einzelnen Gemüse-Bestandteile; der Kleine belässt es bei einem schlichten „Bäh!“ und spuckt alles wieder aus. Schlafen will er auch nicht, erst nach langem Hin und Her. Dafür nur eine knappe halbe Stunde. In dieser Zeit hat der Große unwillig noch nicht einmal die Hälfte seiner Mathe-Hausaufgaben erledigt; den Rest macht er nur unter Androhung von mehrtägigem Spielverbot mit seinem besten Freund. Als dieser dann um kurz nach drei auf der Matte steht, sind die Jungs die nächste Stunde damit beschäftigt, die Mittlere zu ärgern und Streiche auszuhecken – so lange, bis Tränen fließen und ich den Kumpel nach Hause schicke. Der Kleine, völlig übermüdet, reiht sich solidaritätshalber in das Tränenkonzert ein.

Ich würde jetzt gerne gehen – in die Sauna, in ein Kloster, irgendwohin, wo die Lautstärke nicht die Dezibelwerte einer Überschall-Maschine erreicht. Ich bleibe, natürlich, zumal die bessere Hälfte heute einen Abendtermin hat und vor nachtschlafender Zeit nicht Zuhause sein wird. Also schaffe ich die Kinder alleine ins Bett, irgendwie und selbst schon mehr als bettreif. Die Stimmung ist nicht auf dem Nullpunkt, sondern noch weit, weit, weit darunter. Nichts ist heute gelaufen, rein gar nichts. Die Miracoli-Mama ist meilenweit entfernt.

Und dann liegt der Große im Bett und sagt: „Das war doof, dass Du heute so viel gestritten hast.“ Und ich sage: „Ja, das war es. Ich hasse Streiten.“ Und er: „Ich auch.“ Ich führe noch an, dass ich manchmal streiten muss, wenn er so gar nicht hören will. Das kann er verstehen. Und wenn er dann sagt: „Mama, es tut mir leid.“ Und ich dann antworte: „Du, es tut mir auch leid.“ Dann ist doch irgendwie am Ende alles doch noch gut gelaufen. Auch ohne Miracoli.

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