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Familienpackung

Von Termine, Termine: Das Leben ist kein Kinderspiel. Denn dafür haben Kinder von heute gar keine Zeit.
Wir wollen doch nur spielen. Besser gesagt: Unsere Kinder wollen mal wieder miteinander spielen. Also machen Katrin und ich das, was moderne Mütter heutzutage machen, wenn ein Treffen des Nachwuchses ansteht: Wir zücken unsere Terminkalender und beginnen, nach einem Nachmittag zu suchen, an dem die beiden „frei“ sind.

Donnerstag, schlägt Katrin per WhatsApp vor. Geht nicht, da ist Impftermin, antworte ich. Freitag wäre besser. Da aber hat Emilia Tanzen, und Montag ist im Kindergarten Musikschule, führt Katrin an. Dienstag wäre gut. Absolut unmöglich, tippe ich in mein Handy. Da hat meiner Fußball, und ich muss die Kleine zum Turnen bringen. Mittwoch sind „wir“ schon mit Jonas verabredet, aber Donnerstag  in zwei Wochen, das ginge. Nein, da spielt Emilia mit Hannah. Die WhatsApp-Konversation nimmt mittlerweile den Umfang eines Essays an. Aber nach zwei Tagen emsigen Schreibens haben Katrin und ich einen Tag gefunden, an dem unsere Kindergarten-Kinder Zeit zum Spielen haben.

Zeit zum Spielen – in welcher Welt leben wir eigentlich? Wenn schon die Fünfjährigen einen vollen Terminkalender haben, was läuft da falsch? Das Kind braucht freie Nachmittage, finde ich. Das Kind soll Kinderturnen machen, findet der Kinderarzt. Das Kind muss Fußball spielen, findet das Kind selbst. Und zur Mini-Feuerwehr gehen. Ein Instrument lernen, das würde ihm sicherlich auch gut tun, ergänzt mein Mann. Recht haben sie ja irgendwie alle. Nur leider gibt es hierzulande kein Zeitministerium, das einem Antrag auf Erweiterung der Woche um mindestens zwei Tage stattgeben könnte.

Wie war das eigentlich, als ich Kind war? Ich erinnere mich daran, dass ich widerwillig zum Kinderturnen ging, auch meine Mutter hat also auf ihren Kinderarzt gehört. Ab und an wurde ich bei der besten Freundin zwei Straßen weiter abgeliefert oder sie bei mir. Ihre und meine Mutter sprachen sich einfach kurz ab, als sie uns um 12 Uhr vom Kindergarten abholten. Besuchte die eine die andere, wurden wir mit Kakao und Kuchen versorgt und ansonsten in Ruhe gelassen. Es gab kein Kinder-Yoga, kein Früh-Englisch und kein Ballett, zumindest nicht für uns. Es war eine völlig andere Welt.

Und heute? Ein voller Kalender. Muten wir unseren Kindern zu viel zu? Oder andersrum: Können wir es uns leisten, sie weniger zu fördern? Die meisten meiner Freunde versuchen, einen Mittelweg zu finden: Der Nachwuchs muss nicht bereits im Mutterleib mit japanischen Lauten beschallt werden, aber einfach nur jeden Nachmittag raus auf die Wiese schicken will man Sohn oder Tochter auch nicht.

Maximal zwei feste Termine pro Woche und Kind, das habe ich mir für die Zeit nach den Sommerferien vorgenommen. Musik, Turnen, Feuerwehr, Fußball – irgendetwas wird dabei auf der Strecke bleiben. Aber hoffentlich etwas mehr Freiraum für uns alle entstehen. Und wenn eines schönen Nachmittags tatsächlich einmal gar nichts anstehen sollte, ist das auch nicht schlimm: Die kreativsten Ideen kommen meinen Kindern immer dann, wenn sie sich zuvor ausgiebig über „langweilige Weile“ beklagt haben.

Das Treffen mit Emilia fiel übrigens aus: Sie bekam zwei Tage zuvor Scharlach. Die WhatsApp-Konversation über ein neues Treffen ist seit drei Tagen in vollem Gange…
 
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