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Missbrauch des Ehrenamtes

Eltern übernehmen allzu oft Kosten, die eigentlich der Schulträger zahlen müsste.
Immer öfter müssen Eltern draufzahlen. (Symbolbild) Immer öfter müssen Eltern draufzahlen. (Symbolbild)
Lernmittelfreiheit? Schön wär‘s! Und hoch lebe der Förderverein! Diese Situation kennen sicherlich die allermeisten Eltern in Hessen: Beim Frühstück teilt das Kind mit, dass es heute noch 10 Euro für die bestellte Lektüre, den bestellten Taschenrechner, für Kopiergeld, Eintritt ins Theater, Buskarten für die Exkursion und ähnliches mehr mit zur Schule bringen muss. Dazu kommen dann noch der Mitteleinsatz von Eltern für das Zubereiten von Kaffe und Kuchen beim Schulfest oder guten Gaben für das Buffet bei der Wohltätigkeitveranstaltung der Schule.

Neben den zahlreichen Aktivitäten von Eltern an Schule wie das Streichen der Klassenräume, Mitarbeit bei der Schulhofgestaltung und anderem, greifen Eltern tief in die eigene Tasche, um so die Bildung des Nachwuchses zu finanzieren. Dabei haben wir in Hessen die Lernmittelfreiheit. In der Verordnung zur Lernmittelfreiheit ist genau definiert, welche Lernmittel von der Schule zur Verfügung gestellt werden und welche nicht.

Danach sind Lernmittel Schulbücher und Lernmaterialien, die den Schülern unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden müssen. Da kann man bei dem inzwischen fast überall üblichen Kopiergeld schon mal ins Grübeln kommen, ob es damit so seine Richtigkeit hat oder ob es hier nicht um Lernmittel geht. In der Oberstufe meines Sohnes hat die Lehrerin des Physik-Leistungskurses festgestellt, dass sie mit dem von der Fachkonferenz für den Jahrgang beschlossenen Lehrbuch nicht einverstanden ist, und hat kurzerhand und ohne jede Rücksprache mit den Eltern ein anderes Fachbuch angeordnet. Kostenpunkt 48 Euro – zu zahlen von den Eltern.

Mir wurden von zahlreichen Fällen berichtet, in denen Eltern Atlanten für ihre Kinder angeschafft haben. Weil die in der Schule zur Verfügung stehenden Werke 15 Jahre nach der Wiedervereinigung noch die Bundesrepublik Deutschland und die DDR auswiesen. Ich habe mal ein ganzes Jahr konsequent alle diese Beträge aufgeschrieben, die im Laufe des Jahres von meinen vier Kindern in der Schule abgeliefert wurden. Die Addition am Jahresende ergab einen Betrag von 2000 Euro, also 500 Euro pro Kind. Dazu kamen dann noch die übliche Materialschlacht mit Heften, Stiften, Papier, Ordnern und so weiter.

Noch spannender wird das Thema aber, wenn man auf die zahlreichen Eltern- und Fördervereine in den Schulen blickt. Sie sammeln Geldspenden und unterstützen die Schule bei der Anschaffung von Büchern, Musikinstrumenten, EDV-Ausstattung. Die Fördervereine können auch bei den Aufwendungen für Klassenfahrten bezuschussen. Soweit, so gut und so wichtig. Es greift aber mehr und mehr um sich, dass der Förderverein die Mensa betreibt. Oder an der ganztägig arbeitenden Schule das zusätzlich erforderliche Personal einstellt. Oder Verträge mit Vereinen oder der Musikschule für die Schule macht. Oder größere Veranstaltungen an der Schule durchführt.

Hier übernehmen Eltern oft den Job für den Schulträger (z.B. bei Betrieb der Mensa) oder das Land (für zusätzliches Personal für Ganztagsschule). Sie stehen in der Personalverantwortung, der Verein haftet, es bestehen Dauerschuldverpflichtungen. Die wenigsten Elternvereine wissen, dass beim Verkauf von Getränken durch den Förderverein bei einer Schulveranstaltung Umsatzsteuer abgeführt werden muss. Inzwischen gibt es einen guten Markt für Fortbildungmaßnahmen für Eltern zu dieser Problematik! Und an dieser Stelle ist aus meiner Sicht dier Grenze überschritten. Eine gute Schule hat eine aktive Elternschaft, die sich ehrenamtlich zum Wohle der Kinder einbringt. Alle Eltern sind auch gerne bereit, im Rahmen ihrer Möglichkeiten das eigene Kind zu unterstützen und zu fördern. Aber der Betrieb der Schulmensa und die Finanzierung des Ganztagsangebotes durch den Elternverein ist aus meiner Sicht Missbrauch des Ehrenamtes.

Gleiches gilt für alle anderen beschriebenen Aktivitäten der Fördervereine, mit welchem sie die mangelnde Versorgung der Schulen durch Land und Schulträger ausgleichen. In Wiesbaden bekommen die Fördervereine der Schulen vom Schulträger einen jährlichen Zuschuss von rd. 3 Mio. Euro, um so die Ganztagsschule zu gestalten. Sie bekommen damit als Ehrenamtler die Verantwortung dafür. Wollen wir hoffen, dass diese Praxis nicht in Hessen Schule macht! (Kerstin Geis)
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