Unfreiwilliger Gast

Muss ausgerechnet das ZDF sich in unterhaltsamer Seichtheit suhlen?
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Nach einem Vortrag in Dresden (unbezahlt) kam ich zurück ins Hotelzimmer. Auf meinem Handy fand ich schon zwei SMS vor, man habe mich in der heute-Show gesehen; ähnliche Meldungen dann auf Facebook, meist versehen mit einem freundlichen „Smiley“, der wohl aufmunternd gemeint sein sollte. Ich konnte mir vorstellen um was es ging; ich hatte in der Woche zuvor eine wichtige Rede im Deutschen Bundestag gehalten. Solche Reden dann in kleinen Teilen zu zitieren und durch Verfremdung oder Kommentierung ins Lächerliche zu ziehen ist eine der Spezialitäten dieser Unterhaltungssendung. Genau so, wie ich es erwartet hatte, war es dann auch. Lustig vielleicht, aber vollkommen Sinn und Intention der Redepassage verfremdend. Das Sendekonzept der Heute-Show lebt davon, sich über alles zu mokieren, alles gemein zu machen.

Das ist legitim. Politiker müssen sich das gefallen lassen, auch wenn es manchmal unfair scheint. Keiner lässt sich gerne öffentlich vorführen. Eines müssen wir aber nicht: Mit gequältem Lächeln Beifall klatschen. Man muss den Kakao, durch den man gezogen wird, nicht auch noch trinken wollen. Das Voyeuristische, das Verächtlichmachen, der Witz auf Kosten Anderer zieht viele Zuschauer, und selbst ein öffentlich-rechtlich verfasstes Medium wie das ZDF möchte da nicht zurück stehen. Nichts und niemand ist davor sicher, außer der eigene Chefredakteur und der Intendant: menschlich und verständlich. Männerstolz vor Königsthronen (um Schiller zu zitieren) hört da auf, wo es für die eigene Karriere nachteilig wäre. Aber dennoch beschleicht mich manchmal ein ungutes Gefühl. Tragen solche Sendungen zur Aufklärung, also der Möglichkeit eines demokratischen Diskurses bei, oder befördern sie Politikferne? Muss ausgerechnet ein Sender wie das ZDF, das einen Bildungsauftrag hat, sich in Formen unterhaltsamer Seichtheit suhlen und stolz darauf sein, das Gemeinwesen ebenso zu denunzieren wie alles, was den Menschen heilig ist – etwa die katholische Kirche und der Papst, die auch zu Zielscheiben der Gemeinheiten geworden sind?

Ich persönlich glaube das nicht. Und ich glaube nicht, dass es gut ist, Sendeformate zu haben, die alles manipulieren und der Lächerlichkeit preisgeben, die für einen Witz noch die eigene Großmutter öffentlich demütigen würden. Aber das sollen die Verantwortlichen mit sich selbst ausmachen. Ich werde daran nichts ändern können. Also dann, bis demnächst: Ich als unfreiwilliger Gast bei der Heute-Show und Sie – ja, Sie hätten die Wahl in der Hand oder besser: in der Fernbedienung. Andererseits: Schwamm drüber, alle die es gesehen haben versicherten mir, es sei amüsant gewesen. Und darauf kommt es letztlich ja an, oder? (Dr. Matthias Zimmer)
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