Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Hallo aus Saigon

Von Eine Höchsterin in Vietnam - Begegnung mit Menschen, Straßen und Kakerlaken.
So bunt und trubelig geht es in Saigon jeden Tag auf der Straße zu. Klicken Sie sich durch die Bilderstrecke und erleben Sie Milenas erste Wochen in Vietnam. (Alle Fotos: Milena Sebestyén) Bilder > So bunt und trubelig geht es in Saigon jeden Tag auf der Straße zu. Klicken Sie sich durch die Bilderstrecke und erleben Sie Milenas erste Wochen in Vietnam. (Alle Fotos: Milena Sebestyén)
Eine meiner anfangs gestellten Fragen kann ich schon ganz eindeutig beantworten: Ja, es gibt Kakerlaken in der Wohnung! Ein junges Exemplar dieser netten kleinen Krabbler, ich nenne sie Kalotta, hat sich beim Hochklappen des Laptopmonitors gerade unglaublich erschreckt. Sie hatte es sich zwischen Leertaste und der Taste "Alt Gr" gemütlich gamacht. Vermutlich, um sich von der in der Mittagszeit aufkommenden Hitze zu schützen.

Ich kann sie gut verstehen. Obwohl es sich bei offener Balkontür, geöffneter Wohnungtür und zugezogenen Vorhängen doch ganz gut aushalten lässt. Wenn dann auch noch aus heiterem Himmel ein kleiner Sturzbach an Wasser vom Himmel kommt, könnte man sich fast schon erfrischt fühlen. Trotzdem musste meine neue Freundin den weiten Weg hierher in den 10. Stock unseres gigantischen Wohnkomplexes auf schnellem Weg in umgekehrte Richtung zurück nehmen, über den Balkon. Adieu, Kalotta, und auf nimmer Wiedersehen!

Von dort aus hatte sie im freien Fall zumindest eine gute Aussicht. In Richtung Norden erstreckt sich eine nicht enden wollende Mischung aus Wellblechdächern und Häuschen in allen erdenklichen Farben und Formen, gespickt von Wohnhochhäusern, großen Hotels, in die Höhe ragenden Antennen und wenigen schön geschwungenen Ziegelsteindächern der buddhistischen Pagoden. Vor dem Dächerhorizont steht das seichte grüne Wasser einer der vielen kleinen Kanäle, die in einem für mich noch undurchschaubaren Netz mit dem Saigon-Fluss verbunden sind. Er strömt durch die südlich von unserem Stadtteil „Bình Thanh“ gelegene Innenstadt und ist ein guter Anhaltspunkt, um den Heimweg zu finden.

Mit der Orientierung hapert es trotz ständigem Einsatz der Stadtkarte nämlich noch etwas. Das liegt nicht nur an der gigantischen Größe der Stadt(-karte), sondern auch an dem ständigen hohen Verkehrsaufkommen. Angeführt von Millionen von Mopeds schlängeln sich Fahrzeuge aller möglichen Bau- und Bedienart durch das Straßennetz. Das, was die Leute hier um die Mittagszeit herum einen ruhigen Verkehr nennen, ist so viel anstrengender als ein richtig dichter Feierabendverkehr um die Frankfurter Innenstadt herum. Verkehrsregeln? Braucht hier kein Mensch! Gegenseitige Rücksichtnahme ist der Weg zum Ziel, den glücklicherweise auch die meisten Menschen wählen.

Kalotta ist, nicht wie die Menschen hier, unmotorisiert unterwegs und hat es mittlerweile vielleicht zu Fuß durch das große Tor geschafft, das unseren Wohnblock vom Rest der Welt (gefühlt) abgrenzt. Sie hat es sicher unbemerkt durch die strenge Kontrolle der netten Wachmänner geschafft und musste damit auch keine Parkgebühr bezahlen. Mit dem Fahrrad und einem freundlichen Lächeln muss ich das übrigens auch nicht. Nun öffnet sich der kleinen Krabblerin das Tor zu neuen Entdeckungen. Wie ich fragt sie sich womöglich: „Bin ich hier richtig? - Egal, ich laufe einfach mal los..“ Nun steht sie vor der Wahl: Möchte sie lieber in der vergleichsweise beschaulichen Straße hier bleiben und sich in einer der zahllosen Garküchen an einer Nudelsuppe oder einer auf den Boden gefallenen Muschelschale laben? Oder ein paar Hundert Meter weiter krabbeln und versuchen, auf dem Markt im hektischen Getümmel zwischen Obst, Gemüse, Fisch, Fleischständen und einer Schar feilschender Männer, Frauen und Kinder etwas Leckeres zu ergattern?


Oder sie könnte auf der Lehne eines Plastikstühlchens Platz nehmen und einen erfrischenden Eiskaffee aus dem Strohhalm eines Jugendlichen schlürfen. Ich bin mir sicher, sie wird ihren Weg gehen. Auch wenn sie sich noch schlechter auskennt als ich (vielleicht ist sie ja in unserem Küchenschrank geboren und war noch nie draußen in dieser hektischen, lauten, nie schlafen wollenden Stadt), werden ihr die freundlichen Menschen hier höflich und aufmerksam entgegentreten und sie wie mich bei ihrer Reise durch das Unbekannte unterstützen.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich hier „richtig“ bin. Saigon ist unglaublich spannend, vielfältig und vor allem eins: anstregend. Ich bin gespannt, wann sich der erste Schock gelegt hat und sich ein Alltag einspielt, in dem all das alles zur Selbstverständlichkeit wird und ich mich ganz auf meine Arbeit als Freiwillige an der Uni konzentrieren kann. Zumindest sind kürzlich zwei andere vifi-Freiwillige bei uns ausgezogen, die wir seit unserer Ankunft bei ihrer Suche nach der passenden Unterkunft durch kostenlose Wohnplätze unterstützt haben.

Ich habe jetzt also meistens eines der zwei Betten (die wir uns zu dritt teilen) für mich allein. Eine gute Voraussetzung, wenn man um 5 Uhr aufsteht und den beschwerlichen Weg zum Unicampus außerhalb der Stadt antritt. Aber davon berichte ich dann in meinem nächsten Blog-Eintrag. Und freue mich über viele begeisterte Leser (und Kommentierer!), die ich alle aus der Ferne herzlich Grüße. So spannend Saigon auch ist: Frankfurt, ich vermisse dich jetzt schon!

Diskutieren Sie mit unserer Bloggerin! Wenn Sie sich noch nicht registriert haben, können Sie das kostenlos nachholen: Klicken Sie dafür einfach unter dem Kommentarfeld am Seitenende auf den beige hinterlegten Reiter „Für nicht registrierte Nutzer“. Dort können Sie sich ganz unkompliziert mit einem Benutzernamen Ihrer Wahl, einem Passwort und Ihrer E-Mail-Adresse anmelden. Anschließend erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink, den Sie nur noch anklicken müssen – und schon können Sie kommentieren. Natürlich werden Ihre persönlichen Daten nur intern verwendet und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben. Unsere Blogger freuen sich auf Ihre Beiträge!

Zur Startseite Mehr aus Milena Sebestyén

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse