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Hallo aus Saigon

Von Eine Höchsterin in Vietnam - Studenten sind in Saigon ein bisschen wie Drittklässler.
Milena Sebestyén erlebt die ersten Wochenenden ihres Auslandsjahres in Vietnam wie einen bunten Rausch. Hier sieht man sie bei einer Obstpause im Distrikt 1. Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke und erleben Sie Saigon aus Milenas Augen! (Alle Fotos: Milena Sebestyén) Bilder > Milena Sebestyén erlebt die ersten Wochenenden ihres Auslandsjahres in Vietnam wie einen bunten Rausch. Hier sieht man sie bei einer Obstpause im Distrikt 1. Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke und erleben Sie Saigon aus Milenas Augen! (Alle Fotos: Milena Sebestyén)

Trotz der dämpfenden Ohrstöpsel, die ich aus weiser Voraussicht einer nächtlichen Lärmattacke (sei es ein aufheulender Motor, streitende Nachbarn oder der Heißhunger einer Mitbewohnerin) stets benutze, ist der durchdringende Wecksound meines neu erworbenen Billig-Handys deutlich zu hören. Ein Blinzeln, 5 Uhr morgens, Wecker ausschalten, nocheinmal im Bett herumdrehen. „Nein, ich will noch nicht aufstehen, es ist doch noch viel zu früh, noch nicht einmal hell. Oder?“ - „Ach stimmt Milena, du bist ja in Saigon und musst den Bus um 6 Uhr von der Innenstadt aus an den Unicampus in Thu Duc nehmen.“ Also nichts wie raus aus den Federn.

Wenn die Zeit reicht, wird nochmal der Reis oder die Süßkartoffeln vom Vortag aufgewärmt, mit Sojasoße und Chilli, einem Spiegelei oder ein paar Scheiben Gurken verzehrt. Ansonsten gibt es auf dem Weg zum Unibus ja noch vielerlei Möglichkeiten für ein nahrhaftes Frühstück. Wie wäre es mit warmer frischer Sojamilch von der netten Frau im orangenen Pyjama? Zusammen mit der Klebereis- und der Obstverkäuferin hat sie ihren Stand quasi direkt vor unserem Haus.

Im Stadtcampus der USSH (University of Social Science and Humanities) in Distrikt 1 beginnt meine Arbeit mit der täglichen Suche nach einem Abstellplatz für mein Fahrrad. Meistens sitzt am großen Gittertor ein Mann, der mir mit stummer Geste die Erlaubnis gibt, über die Rampe in die kostenlose Lehrertiefgarage zu gelangen. Andernfalls parke ich auf dem kostenpflichtigen Studentenparkplatz. Noch sind meine Sprachkenntnisse zu gering, um allen Menschen verständlich machen zu können, dass ich als FREIWILLIGE an der Uni arbeite (auch wenn ich die Worte dafür wohlgemerkt weiß - es ist eine Frage der Aussprache). In beiden Fällen bin ich eine der wenigen Fahrradbesitzerinnen, die ihr kleines Bike in der Masse der Mopeds zurücklässt. Jetzt aber schnell zum Lehrerbus gelaufen, der Busfahrer fährt abnormalerweise immer pünktlich los. Bevor ich genaueres zum Zeitgefühl der Vietnamesen berichten kann, bedarf es noch einiger Erfahrung. Momentan kommen mir Terminabsprachen und -einhaltungen noch sehr willkürlich vor. Und auch hier wieder gilt: Verpasse ich den kostenlosen Lehrerbus, fahre ich mit dem kostenpflichtigen Schülerbus. Nur ein weiteres Beispiel für die deutlich sichtbare Rangordnung.

Am Unicampus Thu Duc, außerhalb der Stadt, an dem ich drei meiner Arbeitstage verbringe, erwarten mich verschiedene Aufgaben. Ich wurde als eine von drei Freiwilligen an der Deutschabteilung dem zweiten Studienjahr zugeteilt, bin also für insgesamt 60 Studentinnen und Studenten „zuständig“. Die Interpretation dieses Begriffs ist größtenteils meine eigene Sache. Nur selten passiert es, dass mir Arbeit klar kommuniziert zugetragen wird. Also suche ich sie mir selbst oder versuche zu erraten, was denn von mir erwartet werden könnte. So hospitiere ich zum Beispiel in den dritten Klassen, helfe den vietnamesischen Deutschlehrerinnen bei Vorbereitungen und im Unterricht selbst, als Sprachassistentin sozusagen.

Alle sind sehr dankbar, dass es endlich jemanden gibt, der Worte wie „Schießbudenbesitzer“ oder „Chirotheraphie“ richtig aussprechen kann, es handelt sich ja schließlich um wesentliche Worte des Alltags! Meine momentane Lieblingstätigkeit ist es, spontan ausfallende Lehrkräfte zu vertreten. Immerhin habe ich im Bus ja eine Stunde Zeit, um mich auf die „Einführung des Konjunktiv II“ oder dem „Bilden von Finalsätzen mit damit oder um zu“ vorzubereiten. Tatsächlich komme ich beim Vertreten des fünfstündigen Unterrichts weitaus weniger ins Schwitzen, als es bei nur einer einzigen Stunde in einer dritten Grundschulklasse in Frankfurt der Fall wäre. Zwar unterscheiden sich die beiden Schülergruppen auf den ersten Blick kaum. Sie kommen kichernd und schwatzend in die Klasse, sie bilden Peergroups und vermeiden das Sitzen neben Mitschülern des anderen Geschlechts. Die lustigste Gemeinsamkeit aber ist: Sie lieben Basteln und Wettkampfspiele aller Art. Wer jetzt denkt, er hätte sich verlesen, irrt. Es gibt nichts, was eine Gruppe 19 oder 20-Jähriger vietnamesischer Deutschstudenten mehr zum Lernen motiviert, als eine Runde „Bingo“ oder „Memory“.

Mit Feuereifer lernen sie neue Lieder, wie „Auf der Mauer, auf der Lauer“ und verfallen in Kreischen, wenn ich auch noch meine Ukulele dazu im Gepäck habe. Kurzum: Ich bin als Grundschullehrerin goldrichtig an der Uni in Vietnam. Der Unterricht verläuft hier sehr ähnlich, wie ein traditioneller, mit Spielen, Partner- und Gruppenarbeiten gespickter Frontalunterricht in einer deutschen Grundschulklasse. Nur, dass die lieben Kleinen eben schlappe zehn Jahre älter sind.

Es wird streng nach Lehrwerk vorgegangen und Themen „abgearbeitet“. Wie das Ganze dann so in den Kopf gelangt, dass es zum anwendbaren Wissen wird, liegt allerdings in der Hand der Schüler. Oder eben ihrer neuen Nachhilfelehrerin Milena, die sie in sieben Gruppen wöchentlich beim Lernen unterstützt. Und das macht richtig Spaß: denn obwohl ich hier „nur Freiwillige“ bin, haben die Studenten hier weitaus mehr Respekt vor ihrer Lehrperson, als die Frankfurter Drittklässler. Was der Lehrer sagt, ist die Wahrheit und es wird nicht widersprochen. Schon früh haben die Studenten diese wichtige Regel gelernt, anders ist es bei einer Klassenstärke von 50 Kindern pro Grundschulklasse auch kaum möglich. Ich möchte hier keine Kritik üben, denn es kommt mir momentan sehr zu Gute und erlaubt mir ein angenehmes Arbeiten mit den gehorsamen und lernbereiten Studenten. Doch die Atmosphäre wissenschaftlichen Arbeitens, wie etwa an einer deutschen Universität, will irgendwie nicht so ganz aufkommen...


Ich bin gespannt, welche Aufgaben hier noch auf mich zukommen. Noch fühle ich mich jedenfalls nicht unterfordert, schließlich hält der Alltag noch so Einiges an Herausforderungen bereit. So wurde mir gestern im Bus mein Portemonnaie geklaut, in dem sich mein Hausschlüssel befand. Nicht zu vergessen die unfreiwillige spontane Übernachtung in einem Dorf nahe Saigon, nachdem der letzte Bus um 15 Uhr zurück in die Stadt gefahren war ... Nach weiteren drei Wochen ist mein Leben hier schon um Einiges überschaubarer geworden, aber von einem strukturierten Alltag ist wohl noch nicht zu sprechen. Ob es den für mich hier je geben wird? Man darf gespannt sein.


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