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Hallo aus Saigon

Von Unser Frankfurter Mädchen singt in Vietnam - und wird sogar (fast) richtig reich!
In Vietnam würdigen Schüler ihre Lehrer jedes Jahr mit einem Fest. Unsere Bloggerin findet, dass genau das in Deutschland fehlt. Klicken Sie sich durch ihre Bilder. (Alle Fotos: Milena Sebestyén) Bilder > In Vietnam würdigen Schüler ihre Lehrer jedes Jahr mit einem Fest. Unsere Bloggerin findet, dass genau das in Deutschland fehlt. Klicken Sie sich durch ihre Bilder. (Alle Fotos: Milena Sebestyén)
Während ich es mir mit einem Gläschen guten französichen Rotweins aus Deutschland (der Dank gilt Ivan!) auf meinem Bett gemütlich gemacht habe, um meiner treuen Leserschaft wieder einmal einen kleinen Ausschnitt meines Lebens in Saigon näherzubringen, übt in irgendeinem Stockwerk über mir gerade ein vietnamesisches Kind „Jingle Bells“ auf dem Klavier. Obwohl es mittlerweile Dezember ist, für mich doch eine sehr skurile Sensation angesichts der hochsommerlichen Temperaturen. Seit einigen Wochen hat der Regen nachgelassen, es regnet jetzt nur noch alle drei bis fünf Tage, dafür kommt es dann aber richtig und unerwartet vom Himmel herunter.

Das „Jingle-Bells“-Kind übt bestimmt für den Auftriff bei irgendeiner vorweihnachtlichen Veranstaltung, die es hier in Saigon genauso gibt wie in der fernen Heimat. Bei mir will sich irgendwie noch keine Winterstimmung einstellen. Ich denke an letztes Jahr, in dem ich die Vorweihnachtszeit in meiner Referendariatsschule verbracht habe und an die vielen Vormittage, die wir mit singen und basteln verbracht haben. Kunterbunt, laut und hektisch ging es da zu. Ganz im Gegensatz zum Unterricht an der Uni hier. Die Studenten arbeiten weiterhin gesittet, ordentlich und fleißig.
Aber letzte Woche war es vorbei mit der vietnamesischen höflichen Zurückhaltung. Es wurde nämlich eines der Großereignisse des akademischen Jahres gefeiert: der LEHRERTAG!

Immer mehr Lehrer in Deutschland beklagen sich über die zunehmende Manier- und Respektlosigkeit der Schüler gegenüber ihrer Pauker. Nicht so in Vietnam: nach traditionellem kunfuzianistischem Denken hat der Lehrer hier (auch bei schlechter Bezahlung) den unangetasteten Status des Vermittlers, des Anleiters, des Wissenden. Seit Anfang der 80er Jahre haben Schüler und Eltern nun die Möglichkeit, würdevoll den Respekt gegenüber ihren aufopferungsvollen Lehrern an einem nationalen Feiertag in allen Bildungseinrichtungen zum Ausdruck zu bringen. Am 20.11. jeden Jahres fällt der Unterricht aus. Stattdessen wird gemeinsam gefeiert und den Lehrern für ihre Arbeit und Mühe gedankt.

Ich hatte gleich an zwei Tagen die Möglichkeit, dieses Spektakel mitzuerleben. In der Deutschabteilung wurde der Lehrertag auf einen Samstag vorgezogen, um den Ausfall von Lernzeit zu vermeiden. So versammelten sich am Vormittag alle Mitglieder der Deutschabteilung (von der Sekretärin bis zu den Freiwilligen) in einem schön hergerichteten Seminarraum. Kleine Snacks waren auf Tischen mit Deckchen und Blumengestecken bereitgestellt. Zwei Studenten aus dem vierten Jahr führten durch das bunte Programm. Viele kleine Gruppen von Studierenden hatten etwas vorbereitet. Es wurde gesungen, getanzt, gmeinsam gespielt und vielerlei Geschenke verteilt.

Mein persönlicher Höhepunkt war das spontane Vortragen vietnamesischer Gedichte aller deutschen Lehrkräfte, zur Belustigung aller Anwesenden, bei dem ich meine bereits ganz gute Aussprache beweisen konnte (auch wenn ich den Text natürlich nicht verstand). Doch das Spiel „Familienbeziehungen“, bei dem sich aus Lehrern und Schülern gemischte Kleingruppen nach Ansage gegenseitig hochheben mussten, löste in den sonst eher träge wirkenden Vietnamesen vollkommene Hysterie und Lachanfälle aus. Es war einfach herrlich anzusehen! Zum Abschluss sangen „meine Studenten“ aus dem 2. Jahr noch den Kanon „Heo, spann den Wagen an“, den wir zuvor gut geübt hatten, und ernteten tosenden Applaus. Alle gingen glücklich und hoch erfreut, aber irgendwie auch erleichtert, mit einem Haufen von Blumen und kleinen Geschenken nach Hause. Meiner Lehrerpersönlichkeit wurde zum ersten Mal in meinem Leben für ihre Arbeit mit einem Fest gedankt. Ein tolles Erlebnis.

Den „richtigen“ Lehrertag am 20.11. feierte ich dann nicht als Lehrerin, sondern als Schülerin in der Vietnamesisch-Abteilung. Immerhin lerne ich dort seit zwei Monaten zwei Mal pro Woche mit weiteren zehn blutigen Anfängern und meiner Lehrerin (=) Vietnamesisch. Die vietnamessichen Lehrer haben es wirklich nicht leicht mit uns hoffnungslosen Fällen. Mit viel Mühe und Hartnäckigkeit versuchen sie uns die feinen Unterschiede ihrer sechs verschiedenen Töne näherzubringen. (Das Wort 'me' zum Beispiel kann auf sechs unterschiedliche Arten betont werden und hat demnach dann auch sechs verschiedene Bedeutungen. Aber dazu mehr in einem zukünftigen Beitrag über die vietnamesische Sprache.)

Grund genug, ihnen zum Dank ihrer Mühe einen Karaokewettbewerb unter ausländischen Studierenden zu organiseren! Gemeinsam mit Stephanie und Albane, einer Amerikanerin und einer Französin aus meinem Kurs, haben wir uns in die Höhle des Löwen gewagt und uns zum Wettbewerb mit dem Lied Cây ?àn Sinh Viên von My Tâm angemeldet. Unsere Konkrurrenten: insgesamt 19 Gruppen von Studenten anderer asiatischer Herkunft (viele Koreaner und Japaner) und einige europäische Ausnahmen. Unser bunter Länder-Mix, oder auch unsere unglaublich gute Aussprache, haben uns viele Pluspunkte bei der Jury eingeheimst, die aus drei Lehrern bestand. hat während der ganzen Show die Punkteliste der Jury nicht aus den Augen gelassen, ist nach unserem erfolgreichen Aufritt immer nervöser geworden und hat uns am Ende mit strahlenden Augen signalisiert, dass wir unter den Gewinnern sind. Wir haben unsere Lehrerin mit einem stolzen 3. Platz beschenkt und selbst sogar 600.000 VD (ungefähr 20 Euro), Blumensträuße und eine Urkunde gewonnen. Unseren Gewinn haben wir diekt in ein 3-Gänge Menu in einem vegetarischen Restaurant investiert und auf uneren Erfolg angestoßen.


Insgesamt war der Lehrertag also ein ganz besonderes Erlebnis für mich, an das ich mich sicher lange erinnern werde. Auch wenn die Umsetzung des schönen Gedankens mir sehr außergewöhnlich erschien (riesige Blumengestecke, überschwengliche Bedankungen von Studenten, Karaoke, lustige Spielchen in der Uni, Samstags morgens feiern usw.), so hat mich das Fest insgesamt doch sehr überzeugt. Ich rufe hiermit das hessische Kultusministerium auf, doch auch einen Lehrertag bei uns zu feiern. Er würde mit Sicherheit zur Lehrbereitschaft und -freude und einem guten Abeitsklima beitragen!

Besonders herzliche Grüße gehen diesmal an all die Lehrer da draußen! Ich denke an euch. Und auch an alle anderen.
Eure Milena

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