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Hallo aus Saigon

Von Ich habe fiese Schmerzen. Doch in Saigon einen Arzt zu finden ist gar nicht so leicht.
Bloggerin Milena Sebestyén in der weihnachtlich geschmückten Klinik in Saigon. Klicken Sie sich durch die Fotogalerie. (Alle Fotos: Milena Sebestyén) Bilder > Bloggerin Milena Sebestyén in der weihnachtlich geschmückten Klinik in Saigon. Klicken Sie sich durch die Fotogalerie. (Alle Fotos: Milena Sebestyén)
Was tun, wenn man mal krank wird in Saigon? Jedenfalls nicht das, was ich in Deutschland tun würde: Ganz einfach meinen Arzt des Vertrauens konsultieren. Denn den gibt es hier ja erstmal nicht.

Meine Geschichte beginnt damit, dass ich bei meinem Urlaub in Nha Trang mit meiner Freundin Laura vor ein paar Wochen im Meer von einer riesigen Welle überrascht wurde. Sie hat mich so stark von hinten „überrannt“, dass ich nur so durchs Wasser gewirbelt und dann auch noch mit dem Kinn im Sand aufgeschlagen bin. Das Ganze war zunächst nicht tragisch. Nach leichten Nackenschmerzen hatte ich mich schnell halbwegs erholt und ignorierte einfach das Ziehen im Rücken. Das wurde dann vor wenigen Wochen aber so stark und unerträglich, dass ich beschloss, einen Arzt aufzusuchen. Das aber stellte sich als relativ komplizierte Angelegenheit heraus. Wo findet man einen guten Arzt in Saigon? Gelbe Seiten gibt es hier nicht, und auf Erfahrungen von guten Freunden oder der Familie kann man sich auch nicht verlassen. Stattdessen bekam ich von vielen Seiten alle möglichen Tipps. Von „Ich kennen einen guten Masseur“ bishin zu „Geh doch einfach ins Krankenhaus. Die haben da gute Tabletten“ war alles dabei. Ich musste meine Genesung also selbst in die Hand nehmen, da ich keinem der Ratschläge so richtig traute.

Das Internet nach englischsprechenden Physiotherapeuten in HCMC durchforstend, wurde ich schnell auf den Ostheopathen Pierre Dupont aufmerksam. Noch am selben Tag bekam ich einen Termin in der schicken SOS-Klinik im Herzen der Stadt. Mein Fahrrad wurde von einem Security-Guide geparkt, ein Portier begrüßte mich höflich am Eingang und gleich sechs Sprechstundenhilfen nahmen mich lächelnd in Empfang. Als zahlende europäische Kundin ist man in Vietnam Königin! Nun kam ich also zum ersten Mal in den Genuss einer ganz individuellen ostheopathischen Behandung durch den französischen Arzt, der sich mit seinen großen warmen Händen meinem Nacken und Rücken annahm. Da musste ich erst nach Vietnam reisen, um zu erfahren, wie angenehm Ostheopathen arbeiten. Der gute Pierre war selbst erst ganz neu in Saigon und freute sich auch über seine europäische Patientin, mit der er ein bisschen plaudern konnte. Der ganze Spaß kostete mich dann allerdings schlappe 100 US-Dollar. Zum Glück bin ich auslandskrankenversichert! Die Versicherung zahlt natürlich erst nach Einreichung der Belege, was durch den langen Postweg ein paar Wochen dauert. Somit konnte ich mir weitere Behandungen erstmal nur in Maßen leisten.

Gut, dass sich wie durch ein Wunder noch eine zweite viel günstigere Behandungsmöglichkeit auftat. Im Aufzug unseres Wohnblocks lernte ich eines Nachmittags nach der Arbeit den Vietnamesen Tan kennen. Ich nahm seine spontane Einladung auf einen Kaffee gerne an. Während unseres angenehmen Smalltalks (was mir eher selten passiert mit Vietnamesen des anderen Geschlechts) schaffte ich es nicht, meine Nacken- und Rückenschmerzen zu verbergen, die zwei Tage nach der ersten ostheopathischen Behandlung zurückgekommen waren. Meine Wirbelsäule war durch den Aufprall so erschüttert und gestaucht worden, dass sich die Muskeln meines gesamten Rückens angespannt hatten. So eine Verspannung kann andauern ...

Tan hatte sofort zwei Lösungen parat. Die Erste: Tigerbalsam. Das hilft sowieso gegen alles. Also gleich auf zur Apotheke und eine kleine Dose für 30.000 Dong (etwa 1 Euro) gekauft. Und die zweite Lösung: Akupunktur. Tan kannte einen sehr renommierten und in Vietnam bekannten Akupunkteur und berichtete mir von seiner damaligen erfolgreichen Behandlung nach einem Motorradunfall. Ich vertraute diesem Tipp sofort blind und noch zur selben Stunde lag ich auf dem Behandlungstisch von Bac Si (Arzt) Le Hung, dem ich nach anfänglichem Zögern doch schnell vertraute, nachdem er mir mit seiner routinierten Gelassenheit die erste Nadel in den Nacken gesetzt hatte. Und wieder ein Volltreffer: Tan behielt Recht und ich entspannte mich während der Akupunktur so sehr, dass ich sogar eindöste, obwohl vor der Tür der kleinen gemütlichen Praxis die Mopedmotoren lärmten.

Kostenpunkt der alternativen Behandlung: 100.000 Dong. Eigentlich das Doppelte für Ausländer, aber wie der glückliche Zufall so will, ist der Sohn des Arztes Chan Deutschstudent. Sobald ich den kleinen durch einen Vorhang abgetrennten Raum verlassen hatte und quasi im Wohnzimmer der Familie stand, saß er dort schon wie herbeigezaubert. Die fünfminütige Konversation mit ihm erbrachte mir den Erlass. Willkommen in Vietnam, wo Beziehungen alles sind. Seitdem bin ich regelmäßige Patientin von Bac Si Le Hung und seiner kleinen Familienpraxis. Und Tan besteht jedesmal darauf, mich höchstpersönlich mit dem Moped dort vorbeizufahren und die 20 Minuten zu warten, in denen ich mit Akupunktur und Elektroschocks behandelt werde.

Die Suche nach dem richtigen Arzt in Saigon ist so, wie das Leben selbst hier: spontan, ungeordnet, überraschend und irgendwie ziemlich komisch. Aber es klappt.

Leider sind meine Rückenschmerzen immer noch nicht ganz auskuriert. Meine große Angespanntheit liegt wohl zum großen Teil auch am täglichen Stress im Straßenverkehr, in dem ich mich nur so an meinen Fahrradlenker kralle. Deshalb habe ich jetzt auch wieder mit der regelmäßigen Yoga-Praxis begonnen. Durch eine Bekannte habe ich ein schönes kleines und ruhiges Yogastudio gefunden, indem ich nun zwei Mal wöchentlich entspanne und mich von meinen Sorgen löse, die ich hier trotz der vielen schönen Erlebnisse habe. Wie soll ich das restliche Jahr in dieser riesigen, mit Menschen und Mofas vollgestopften Stadt auskommen? Werde ich doch noch Freunde unter den Vietnamesen finden (Tan und die Yoga-Bekannte sind schon mal ein Anfang ...)? Und ob das Heimweh irgendwann besser wird? Es bleibt spannend.

Aber keine Sorge liebe Leser. So dramatisch, wie es jetzt aussieht, ist es nicht. Ich wollte nur auch einmal von den Schattenseitens meines Lebens hier berichten, die in den letzten Einträgen etwas zu kurz gekommen sind. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit denke ich viel an die Heimat und vermisse eine warme Tasse Kakao am glühenden Ofen. Stattdessen trinke ich immer noch erfrischende Kokusmilch in sengender Hitze. Und sehe den Plastikweihnachtsmännern beim Hin- und Herwackeln zu. Ich wünsche allen viel Gesundheit und Glück - und besinnliche Weihnachtstage!
 
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