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Hallo aus Saigon

Von Ich kam als Freiwillige und ging als Popstar - eine unglaubliche Erfahrung.
Spannende Begegnung: Eine Schülerin spricht zum ersten Mal im Leben mit einer Ausländerin. Klicken Sie sich durch Milenas Vietnam-Eindrücke. (Alle Fotos: Milena Sebestyén) Bilder > Spannende Begegnung: Eine Schülerin spricht zum ersten Mal im Leben mit einer Ausländerin. Klicken Sie sich durch Milenas Vietnam-Eindrücke. (Alle Fotos: Milena Sebestyén)
Hallo aus PHUOC HIEP! Ich möchte mich bei allen lieben Lesern zunächst einmal für die Verspätung entschuldigen. In den letzten Wochen war ich viel unterwegs und habe unglaublich viel erlebt. In Vietnam wurde TET gefeiert, das Neujahrsfest nach dem Mondkalender, was hier ungefähr einen so großen Stellenwert hat wie in Deutschland Weihnachten, Geburtstag und Silvester zusammen.
 
Das ganze Land lag für die letzten zwei Wochen sozusagen lahm und somit ruhte auch mein Job als Freiwillige. Ich habe die Zeit zum Reisen durch dieses wundervolle Land genutzt. Davon dann mehr im nächsten Blog! Denn jetzt will ich unbedingt von meinen Erlebnissen VOR TET berichten, die mir schon lange unter den Fingernägeln brennen und endlich zu digitalem Papier gebracht werden wollen.
 
Ich hatte nämlich die seltene Ehre, für eine Woche lang an einem von der Uni organisierten Freiwilligenprojekt teilzunehmen und dabei so richtig in die Kultur vietnamesischer Studenten einzutauchen. Ohne einen wirklichen Plan zu haben, was mich die Woche über erwarten würde, fuhr ich Sonntagfrüh um 6 Uhr zur Uni (also nach vietnamesischer Sicht eine völlig normale Uhrzeit), wo schon die rund 300 vietnamesischen Freiwilligen fleißig die Busse beluden und sich dann in Reih und Glied aufstellten, um vor der Abfahrt in die nahegelegene Provinz Cu Chi noch gemeinsam das eigens für die sogenannte „Spring Campaign“ komponierte Lied zu singen.
 
Dabei wurde marschiert, Parolen wurden ausgerufen, Reden gehalten und schließlich noch Fotos von jedem „Team“ gemacht. In sieben Gruppen fuhren wir raus aus der Stadt und rein in die Provinz. Wider Erwarten hatte man uns vier Deutsche nicht in eine Gruppe gesteckt, wir wurden aufgeteilt, sodass gleich vier Gruppen von der Präsenz eines Ausländers bereichert werden konnte.
 
Zunächst war mir das alles unglaublich fremd. Obwohl ich nun schon fünf Monate hier bin und mich also schon intensiv mit vietnamesischen Sicht- und Verhaltensweisen auseinandergesetzt habe, für DAS konnte ich nicht gut genug vorbereitet gewesen sein! Vom ersten Moment an, als wir an unserem Ziel PHUOC HIEP, eines der kleinen Dörfer Cu Chi's, und unserer Bleibe, einem kleinen Krankenhaus, angekommen waren, fingen die fleißigen Studenten an, sich auf's Gründlichste zu organisieren. Die Essensvorräte und das tags zuvor hergestellte Bánh chung (spezieller Klebereiskuchen für TET) wurden in einer Menschenschlange ins Krankenhaus transportiert, während ein anderer Teil der Gruppe schon den Schlafsaal fegte und für alle die Betten machte.
 
Ich schloss mich einer Gruppe an, die das Mittagessen vorbereitete. Da fühlte ich mich am hilfreichsten. Ansonsten stand ich ziemlich planlos in der Gegend rum und sah dem wilden Treiben zu. So ging es mir die ganze Woche über oft. Es war mühsam, Kontakt zu den schüchternen, kaum Englisch sprechenden Studenten aufzubauen. Manche trauten sich erst am letzten Tag, mich von sich aus anzusprechen. Andere sind nach dem ersten Gespräch als meine persönlichen Diener, Beschützer und Dolmetscher nicht mehr von meiner Seite gewichen. Jeder meiner Schritte und Tritte wurde von den Studenten kritisch beäugt und darauf geachtet, dass es ihrer Cô immer gut geht. So wurde ich nämlich die Woche über genannt. Cô kann für Frau oder für Lehrerin stehen. Bei mir trifft beides zu und ich gewöhnte mich schnell daran, für eine Woche lang nicht mehr Milena, sondern eben Cô zu sein.
Weniger konnte ich mich daran gewöhnen, mich als Freiwillige in einem Camp aufzuhalten, ohne jemals das Gefühl zu haben, etwas zu arbeiten. Was auch immer ich anpackte, es wurde mir aus der Hand genommen. Wann auch immer ich versuchte, Arbeit zu „suchen“, kam irgendjemand, der sich um mich kümmern wollte. Ich musste damit leben, mich auf andere Aufgaben zu konzentrieren. Als einzige Ausländerin im Camp (und im ganzen Dorf) machte ich es mir zum Ziel, soviel Kulturaustausch wie nur möglich stattfinden zu lassen.
 
Dazu bin ich ja auch als weltwärts-Freiwillige hier im Land. Fast ununterbrochen führte ich Gespräche mit Studenten (wenn auch mit Händen und Füßen), sang mit meiner Ukulele, zeigte den Studenten Gruppenspiele (der Vietnamese an sich liiiiebt spielen!!- je zweckloser, desto besser) und überwand mich, an allen Aktionen teilzunehmen, so verrückt sie mir teilweise auch erschienen. Zum Beispiel zündete ich an einem Tempel, den wir säuberten, Räucherstäbchen an und schwenkte sie zum Gedenken meiner Ahnen vor meinem Kopf. Ich trat zum morgendlichen Apell um 6 Uhr an und nahm am Frühsport teil (am letzten Tag war ich es sogar, die den Frühsport anleitete!). Ich bastelte lustige bunte Schilder für die Dekoration von Spielaktionen, die wir auf Schulhöfen veranstalteten. Und ich erfüllte den Studenten sogar ihren einzigen Wunsch, den sie direkt an mich richteten. Ich sang auf dem großen Abschiedsfest, das für das ganze Dorf am letzten Abend auf die Beine gestellt wurde (dort gab es eine große Show mit Tanz, Theater, lustigen Spielchen – alles von den Freiwilligen in Kooperation mit den Dorfjugendlichen organisiert!) ein vietnamesisches Lied.
 
Das ganze Dorf jubelte mir zu wie einem Popstar, mir wurden Blumen von kleinen süßen Mädchen gebracht, die zu mir aufschauten, ich wurde auf der Bühne interviewt, Teenager wollten Fotos mit mir machen und zu guter Letzt wurde ich auch noch von den Studenten und den Dorfjugendlichen in die Höhe geworfen. Spätestens in diesem Moment brachen endgültig die Tränen bei mir aus. So viel Jubel, Begeisterung und Freude über meine reine Anwesenheit konnte ich kaum ertragen. Es war eines der seltsamsten und wundervollsten Erlebnisse in meinem Leben.
 
Kurz darauf stellte ich fest, dass die Begeisterung nicht nur mir galt, sondern jedem einzelnen der Freiwilligen. Das ganze Dorf war selig und überglücklich über die Arbeit, die die Freiwilligen, nur für sie, die Woche über geleistet hatten. Ein Gefühl von Anerkennung, Stolz und die pure Lebensfreude lagen in der Luft, alle Menschen sprühten vor positiver Energie, jeder umarmte jeden, viele Studenten und alle an der Organisation Beteiligen flogen durch die Luft: vom Krankenhaushausmeister bis über die Dorfkommiteesvorsitzende – alle wurden sie gefeiert. Ein unvergessliches Erlebnis für alle. Und mir öffnete der Anblick ausgelassener, energischer, freudestrahlender Menschen den Blick auf die sonst so zurückhaltenden, manchmal emotionslos wirkenden Vietnamesen.
 
Nach der großen Show, den vielen Emotionen und Freudentränen danach, wurde noch ein schönes Fest gefeiert. Zum ersten Mal in dieser Woche war Alkohol und langes Wachbleiben erlaubt (und das, obwohl es keine „Verantwortlichen“ gab! – das Camp war rein studentisch organisiert). Die Dorfjugendlichen brachten einen Kanister Reisschnaps und es wurde bis in den Morgengrauen getrunken, gesungen und gelacht. Im Gegensatz zu einer (vergleichbar) trinkfesten Deutschen lagen die meisten Studenten schon nach der zweiten Runde Schnaps unter dem Tisch – wenn es einen gegeben hätte.
 
Gefeiert wurde auf dem Boden sitzend und das Schnapsglas (abgeschnittener Plastikflaschenhals) weiterreichend. Irgendwann purzelten viele angetrunkene kichernde Vietnamesen über den Fußbodentisch und wagten sich in ihrem Zustand sogar, mir ihre Liebe zu gestehen (Jungs wie Mädchen!). Gut, dass ich nicht als Verantwortliche unter ihnen war, sondern bloß als Mitfreiwillige, oder besser, als „big sister“ (so wurde ich zum Ende hin genannt).  Wie durch ein Wunder standen am nächsten Tag wieder alle frisch auf der Matte, als wäre nichts gewesen. Der Frühsport fiel allerdings aus.
 
Ich habe in einer Woche noch nie so viele strahlende Augen gesehen. Seien es die der vielen Kinder an den Schulen, die wir besucht haben, alte und arme Menschen, denen wir das Bánh chung nach Hause gebracht und für die wir gekocht haben, alle Dorfbewohner, denen wir in der Woche begegnet sind und schließlich die Studenten selbst, die ihre Arbeit dermaßen beflügelt hat, dass sie auch nach drei Wochen noch täglich Bilder in ihrer Facebook-Gruppe posten. Trotz der vielen Zweifel, die ich anfangs hatte, hat diese Woche mich unglaublich bereichert und bleibt eines der unvergesslichen Vietnam-Erlebnisse.
 
Sollte irgendjemand noch Fragen zu diesem Projekt haben (in einem Blogeintrag kann ich doch nur Ausschnittweise berichten), gebe ich gerne Antworten per email: milena.sebestyen@gmail.com.
 
Mit liebsten Grüßen nach Deutschland - eure Milena
 
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