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Hallo aus Saigon

Von "Mot, hai, ba YO!" heißt in Vietnam so viel wie in Bayern "Eins, zwei, g'suffa!".
Bloggerin Milena Sebestyén reist durch Vietnam. Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke und sehen Sie Fotos ihrer Reise und Begegnungen. Alle Fotos: Privat Bilder > Bloggerin Milena Sebestyén reist durch Vietnam. Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke und sehen Sie Fotos ihrer Reise und Begegnungen. Alle Fotos: Privat
Nach dem chinesischen Mondkalender befinden wir uns Ende Januar im Jahr des Holz-Pferdes. Es wechseln sich nämlich nicht nur die zwölf Tierkreiszeichen jährlich ab, es werden ihnen auch abwechselnd fünf verschiedene Elemente zugeordnet: Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser. Rechenstarke haben schnell erkannt, dass also nur alle 60 Jahre die gleiche Kombination auftritt. Das Holzelement steht für Kreativität, das Pferd für Energie und Schwung. In diesem Jahr können also viele neue Ideen mit Entschlossenheit und Tatkraft umgesetzt werden. Keine Scheu vor neuen Vorhaben! Das Holzpferd hilft bei der Umsetzung. Alles ist möglich. Soviel zu chinesischer Astrologie, die auch in Vietnam weit verbreitet ist.
 
Obwohl das Neujahrsfest (Tet ) nun schon mehr als etwa drei Wochen zurückliegt, ist es mir immer noch unglaublich präsent. Wahrscheinlich deshalb, weil es für mich das erste Mal war, dass ich ein solch wichtiges Fest in einer ganz anderen (Festtags-)Kultur kennengelernt habe. Wer beim Stichwort Silvester und Neujahr an Raketen, von Menschen überfüllten Straßen und Lokalen, Sekt bis in den Morgengrauen oder an einen eher zähen Spiele- und Racletteabend denkt, der sollte sich mindestens einmal im Leben in einem ostasiatischen Land davon überzeugen lassen, dass der erste Tag des Jahres auch unter ganz anderen, in meinen Augen viel überzeugenderen Prinzipien gefeiert werden kann. Dazu sollte man sich natürlich möglichst nach Vietnam begeben, oder noch besser: in ein kleines Dorf in Nordvietnam, wo Tet noch nach alten Traditionen zelebriert wird.
 
Nachdem schon Wochen vor Tet die Vorbereitungen für das anstehende Fest in Saigon auf Hochtouren liefen (Bánh chung – Klebereiskuchen wurden hergestellt; gelbe und rosafarbene Neujahrsbäume wurden durch die Gegend gefahren; es wurde geputzt, was das Zeug hält; neue Frisuren, neue Kleider, neue Möbel mussten her; das alte Jahr wurde rückblickend gemeinsam mit Kollegen und in der Familie verabschiedet) hatte ich mich noch immer nicht entschieden, was ich mit meinen beiden Wochen Freizeit über die Tet -Ferien anfangen sollte.
 
Zwar hatte ich diverse Einladungen zu Spaziergängen auf der sogenannten „Blumenstraße“ (eine mit unzähligen Blumen geschmückte Straße) von „saigoneser“ Studenten, die nicht, wie viele ihrer Kommilitonen und gefühlte 6 der 8 Millionen Einwohner Saigons über die Ferien zu ihren Verwandten in die Heimat gefahren sind. Doch irgendwie wartete ich auf eine besondere Gelegenheit, Tet in Vietnam (und also außerhalb Saigons!) zu verbringen.
 
Und die bot sich mir dann ganz plötzlich und unerwartet. Tram, eine Deutschlernende am Goetheinstitut, die auf Wohnungssuche in der Stadt für drei Wochen Obhut in unserer Wohnung gefunden hatte, lud mich noch am selbigen Tag, an dem ich aus dem Freiwilligencamp (siehe letzter Blog) zurück geommen war, ein, Tet gemeinsam mit ihr und ihrer Familie im Haus ihres Großvaters zu verbringen. Ich zögerte natürlich nicht lange, und obwohl ich vollkommen übermüdet war, machte ich mich mit Tram und ihrer Familie auf den Weg nach Hà Tinh, eine Provinz im nördlichen Zentralvietnam. Unser Ziel war das über 1000 Kilometer entfernte Dorf Vinh Phúc, das so klein ist, dass es bei Googel Maps nicht eingezeichnet ist.
 
In einem bepackten und voll besetzten Luxusfamilienschlitten (Trams Vater verdient gut) waren wir zwei Tage und zwei Nächte unterwegs und machten nur zum Essen und für den Toilettenbesuch kurze Stopps. Mit uns war ganz Saigon auf dem Weg in Richtung Norden und es dauerte fast einen ganzen Tag, bis wir das Stadtgebiet richtig verlassen konnten. Noch im Auto wurde ich krank, ich hatte mir wohl im Freiwilligencamp einen Virus eingefangen und es wurde auch merklich kälter, je weiter wir uns vom heißen Süden entfernten. Im Haus von Trams Großvater angekommen, war es dann richtig kalt und ich verbrachte die ersten beiden Tage mit Kopf- und Halsschmerzen fast nur im Bett.
 
Trams Familie kümmerte sich rührend um mich und sowieso war ich mal wieder Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. Immerhin war ich die erste Ausländerin, die das Dorf willkommen heißen durfte, und ich konnte das volle Verwöhnprogramm genießen. Erst mal wieder richtig auf den Beinen, wurde ich mit dem ganzen Dorf bekannt gemacht, durfte viele Menschen in ihren schönen Holzhäusern besuchen, Bekanntschaft mit einer Menge Tieren machen (sogar auf ihnen durch das Dorf reiten!) und es wurde zu meiner Ehren (und, weil es schon seit Jahren passieren sollte) eine richtige Toilette gebaut! Das hat dann gerade mal zwei Stunden gedauert.
 
Endlich hatte ich mal die Gelegenheit, meine rudimentären Vietnamesischkenntnisse anzuwenden und zu erweitern, mit unfassbar süßen Kindern zu spielen, traditionelle auf dem Boden zubereitete und dem Feuer gekochte Speisen aus eigener Produktion zu kosten, an einem typischen Dorf-Familien-Tet -Leben teilzunehmen, kurz: ganz tief in ursprüngliche vietnamesische Kultur einzutauchen. Es gibt zu vieles, um davon ausführlich hier zu berichten. Ich denke die Bilder zeigen schon gut die Stimmung, die in Vinh Phúc und in mir herrschte. Ich habe eine wundervolle und anregende Zeit mit Trams Familie verbracht. Besonders beeindruckt hat mich der Zusammenhalt in der Familie. Trotz der vielen Arbeit besonders vor dem Neujahrsfest war kein Mensch gestresst und alle waren unfassbar nett zueinander. Ich konnte die tiefe Verbundenheit zwischen den Menschen spüren und sie hat mich selbst beflügelt.
 
Ganz besonders waren dann auch die Festtage selbst. In der Silvesternacht habe ich mich zurückgezogen und die Familie für sich feiern lassen. Wie mir Tram am nächsten Morgen berichtete, wurde zu Gedenken der Ahnen Papier und Feuerwerk verbrannt, Räucherstäbchen angezündet und viel für das neue Jahr gebetet. Am nächsten Tag durfte ich dann an den Verwandtenbesuchen teilnehmen. Wir stellen uns einen zwei- bis dreistündigen Kaffe- und Kuchenplausch vor, an dem alle an einem gedeckten Tisch im Wohnzimmer sitzen. Gedeckte Tische gab es auch, allerdings gab es Fleischhäppchen, überzuckerte Kokusnusbonbons, Grüntee und Reisschnaps. Schon morgens um 9 hieß es zum ersten Mal „Mot, hai, ba YO!“ (eins, zwei, drei, Prost!) und „chúc mung nam moi“ (Neujahrsgruß, wörtlich Übersetzt: wünschen willkommen neu Jahr). Innerhalb von drei Stunden besuchten wir schlappe zwölf Familien (alles Verwandte von Tram über irgendwelche Ecken – oft konnte sie mir selbst die Verwandtschaftsbeziehung nicht erklären).
 
Die Besuche liefen sehr ritualisiert ab und jeder nahm kaum mehr als zehn Minuten in Anspruch. Die Kinder bekamen ihr lang ersehntes Glücksgeld von den Verwandten. Das sind kleine rote goldverzierte Umschläge, in denen meistens 10.000 bis 50.000 Dong (bis zu 2 Euro) stecken. Der Wert spielt dabei keine große Rolle, viel wichtiger ist, dass das Geld frisch von der Bank abgehoben wurde, sodass es noch frisch gedruckt riecht und glänzt. Neues Jahr, neues Geld.
 
Nach dem Neujahrstag mit den vielen lustigen Verwandtenbesuchen hatte ich das Gefühl, die Gastfreundschaft Trams Familie genug in Anspruch genommen zu haben und ich machte mich auf eine kleine Reise, um meine zweite Ferienwoche an der Zentralküste Vietnams zu verbringen. Über Danang reiste ich zu einem Studenten nach Qui Nhon, verbrachte dort auch wieder ein paar Tage mit seiner Familie, um dann schließlich noch ein paar Tage mit anderen Mitfreiwilligen aus Saigon in Tuy Hoa zu verbringen. Dann hieß es auch schon wieder zurück nach Saigon.
 
Nachdem ich nun meine daheim gebliebenen Studenten nach ihren Ferien gefragt habe, bin ich wirklich froh, diese einmalige Chance gehabt zu haben, Tet auf dem Land zu verbringen. Die meisten Studenten haben sich zwei sehr gemütliche Wochen gemacht, in denen es drei hauptsächliche Beschäftigungen gab: Essen, schlafen und Karten spielen. Was für ein Glück, dass ich so viel mehr erleben durfte! Ein Fest, dass wichtiger ist als Weihnachten und Geburtstag zusammen und in dem es hauptsächliches um eines geht: Zeit mit der Familie zu verbringen und diese zu würdigen.
 
Viele Grüße an alle Leser und ganz besonders an meine ganze Familie! Ich freue mich jetzt schon, euch im Sommer wiederzusehen.
 
Eure Milena
 
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