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Hallo aus Saigon

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Milena Sebestyén mit einem Ballonverkäufer am Strand von Tuy Hoa. Klicken Sie sich durch Milenas Fotos und folgen Sie der Frankfurterin durch Vietnam. Alle Fotos: Privat Bilder > Milena Sebestyén mit einem Ballonverkäufer am Strand von Tuy Hoa. Klicken Sie sich durch Milenas Fotos und folgen Sie der Frankfurterin durch Vietnam. Alle Fotos: Privat
Die Hälfte meiner 52 Wochen in Vietnam ist vergangen und es wird Zeit für eine Zwischenbilanz. Was habe ich in den vergangenen sechs Monaten eigentlich gemacht? Ist die Arbeit, die ich hier verrichte, überhaupt sinnvoll? Habe ich es geschafft, mich der vietnamesischen Kultur anzunähern, sie zu verinnerlichen und einen Austausch zu schaffen, so wie es meine Aufgabe als weltwärts-Freiwillige ist?
 
Blicke ich auf alles, was ich bisher in Vietnam erlebt habe zurück, so kann ich zunächst erstmal kaum fassen, dass das alles in einem halben Jahr passiert sein soll. Ich habe unzählige Menschen kennengelernt, war an bezaubernden und skurrilen Orten, habe viele Facetten der vietnamesischen Kultur hautnah miterlebt und jeden Tag etwas Neues gesehen. Nachdem ich die letzten 28 Jahre ein relativ ruhiges Leben in Mittelhessen verbracht habe (abgesehen von einem achtmonatigen Italienaufenthalt) fiel es mir hier sichtlich schwer, mich an die Hektik, Unruhe, Geschäftigkeit in diesem Land und insbesondere seiner größten Metropole zu gewöhnen.
 
Noch immer passiert es, dass vietnamesisches Verhalten mich aus der Fassung bringen kann. Zum Beispiel, wenn ein stark gestikulierender Parkplatzwächter mir mit feindlichen Blicken schreiend erklären will, wo ich mein Fahrrad zu parken habe (und mir doch eigentlich nur helfen will) oder ich einer Souvenirverkäuferin geduldig auf Vietnamesisch versuche zu erklären, dass ich nicht den überteuerten Touripreis zahlen kann, als Freiwillige in ihrem Land arbeite, sie mich aber nicht versteht und keines Blickes mehr würdigt (aber eigentlich doch nur schüchtern ist). Oder wenn eine Schar vietnamesischer Jugendliche auf mich zukommt und im Chor „Helloooo“ brüllt, mich das heiße Wetter aber gerade so fertig macht, dass ich nicht in der Lage dazu bin, lächelnd stehenzubleiben und zum tausendsten Mal die gleichen Fragen zu beantworten (und ich das Interesse doch eigentlich sehr schätze und liebe).
 
Als Europäerin bin ich hier immer noch eine Attraktion. Das hat sich auch nach sechs Monaten nicht geändert. Geändert hat sich aber, wie ich damit umgehe. Manchmal nervt es, so wie in beschriebenen Szenen, aber meistens ist es auch sehr schön, im Mittelpunkt zu stehen. Die meisten Menschen behandeln mich sehr höflich, zuvorkommend und interessiert und zeigen sich stets dankbar darüber, dass ich hier bin. Wenn sie dann noch erfahren, dass ich als Freiwillige in ihrem Land arbeite und versuche, ihre Sprache zu lernen, flippen sie völlig aus und drücken dies in ihrer typischen Zurückhaltung und Scheu gegenüber Fremden aus, indem sie mir zum Beispiel ohne große Worte kleine Geschenke machen. Oft werde ich auch eingeladen und darf beim Kochen traditioneller Speisen zuschauen (selten sogar auch mal mithelfen) und mich durch allerlei Köstlichkeiten probieren.
 
Deswegen (und weil Laufen in Saigon unmöglich ist) habe ich mir auch schon einen Winterspeck angefressen, und das ganz ohne Winter ... Die Vietnamesen sind überaus gastfreundlich und freuen sich, Ausländer in ihrem Haus willkommen zu heißen. Für sie stellt es eine große Ehre dar. Dabei liegt doch die Ehre ganz meinerseits, wenn ich als erste Fremde ihr Haus betreten darf. Anfangs fiel es mir noch schwer, so viel Gastfreundschaft und Anerkennung anzunehmen. Heute fühle ich mich pudelwohl und genieße die Freude, die ich in Menschen durch meine reine Präsenz auslösen kann. Oft bleibt aber trotzdem das Gefühl, dass ich bisher in Vietnam viel mehr bekommen habe, als dass ich geben konnte.
 
Schenkt man den Aussagen meiner vielen netten Studenten und Kollegen Glauben, so haben wir weltwärts-Freiwillige hier schon viel geleistet. Was für uns mittlerweile alltäglich und selbstverständlich ist, schätzen die Studenten sehr. Nämlich dass wir einfach für sie da sind, sie sich immer mit Fragen an uns wenden können, wir ihnen zuhören, ihnen Fragen stellen, Interesse an ihrem Leben zeigen und ihnen das Gefühl geben, der deutschen Kultur ein Stück weit näher zu kommen. Als deutsche Repräsentanten unseres Landes konnten wir so einige Studenten davon überzeugen, dass Deutsche nicht arrogant, unnahbar und egoistisch sind und das man mit ihnen richtig viel Spaß haben kann.
An dieser Stelle einige Zitate von Studenten, die ich zu meiner Arbeit interviewt habe:
 
„Ich lerne viel über die deutsche Kultur und das Verhalten von Deutschen. Ich schätze die Pünktlichkeit von Milena, den Enthusiasmus und ihre Freundlichkeit gegenüber den Studenten. Sie gibt mir leidenschaftliche Unterstützung und meine Aussprache verbessert sich.“ (Phuc, 19 Jahre)
 
„Milena hilft uns sehr viel. Ihre Arbeit ist sehr wichtig für uns. Nicht nur die Armen brauchen Hilfe, auch wir Studenten brauchen das.“ (Quyinh und Thuy, 19 Jahre)
 
„Die Freiwilligen sind sehr präsent an der Deutschabteilung. Wir können sie bei allen Angelegenheiten um Hilfe bitten. Wir können ihnen Fragen zur deutschen Kultur stellen und durch ihr Verhalten viel lernen. Mit ihnen können wir viele Dinge besprechen, die wir uns im Unterricht nicht trauen, zu fragen. Wir haben nicht mehr so viel Angst, mit Deutschen zu sprechen.“ (Einige Kommentare von Teilnehmern des „Talk-Deutsch-Stammtisches“)
 
Diese Aussagen machen mich stolz und glücklich. Auch wenn ich in Vietnam keine direkte Hilfe an Bedürftige, wie den vielen Waisenkindern, Obdachlosen, Kranken und Alten leisten kann, so zeigen sie mir doch, dass ich hier eine sinnvolle Arbeit leiste. Oft ist mir eben nicht bewusst, welchen Eindruck ich in Köpfen von Menschen hinterlasse und dass ich durch mein Verhalten ihr Denken und ihre Meinung gegenüber Ausländern positiv beeinflussen kann. Ich sollte meine Studenten wohl öfters mal interviewen Mir ist dabei aber sehr wohl bewusst, dass die Studenten alle sehr höflich sind und niemals schlecht über ihre Lehrer sprechen würden. Auch wenn es nur freiwillige Nachhilfelehrer sind. Aber das Strahlen in den Augen verrät mehr als ihre Worte.
 
Nach der langen Tet-Ferien-Pause ist das Semester jetzt wieder richtig losgegangen. Die Studenten vom ersten Jahr sind von ihrer einmonatigen Ausbildung im Militärcamp zurückgekehrt und ich habe eine neue Lerngruppe bekommen. Einmal in der Woche unterrichte ich jetzt im Campus außerhalb in Thu Duc Studenten im ersten Jahr und habe dabei sogar noch Unterstützung von Charlotte, einer weiteren Freiwilligen und einer Praktikantin. Die Studenten freuen sich, montags jetzt gleich drei deutsche Lehrerinnen zu haben.
 
Der Nachhilfeunterricht in Kleingruppen mit Studenten des 2. Jahres geht wie gewohnt weiter, wobei sich mittlerweile eine so freundschaftliche Beziehung zwischen uns aufgebaut hat, dass die Nachhilfestunden zu „Plauderstündchen“ werden, in denen über alles Mögliche gesprochen wird (selbstverständlich auf Deutsch) und das Vokabelüben und Grammatiklernen eher in den Hintergrund rückt. So macht unterrichten Spaß!
 
Nachdem wir im vergangenen Halbjahr das Vertrauen vieler Studenten gewinnen konnten, haben wir vor einigen Wochen einen offiziellen Deutsch-Stammtisch für Studenten des 3. und 4. Jahres gegründet (Nachmittags um vier – denn Abends lernen die Studenten und gehen früh schlafen), der auch ganz gut frequentiert wird. Allerdings hauptsächlich von schon sehr gut sprechenden Studenten. Die anderen trauen sich leider (noch) nicht zu kommen.
 
Ein brandneues Projekt ist mein Deutsch-Sing-Klub, der vergangenen Samstag zum ersten Mal stattgefunden hat. Das attraktive Angebot, das Haus ihrer deutschen Lehrerin zu besuchen, lockte ganze zehn Studenten an. Mehr, als ich beim ersten Mal erwartet hätte. Die Studenten brauchen sehr viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen und direkte persönliche Einladungen. Von mir gab es aber nur eine Rund-SMS und mündliche Werbung – um die Eigeninitiative ein bisschen zu stärken Es traf sich eine ganz gemischte Gruppe aus allen Jahrgängen. Wir haben viel gelacht, gequatscht und natürlich gesungen. Das erste Thema war „Faschingslieder“. Einem besonders gelungenen Stück kann man im Video lauschen! Ich bin gespannt, wie sich der Singclub weiterentwickelt.

 
Zu meinen Aufgaben als Freiwillige gehört auch weiterhin das Lernen der vietnamesischen Sprache. Mein Sprachkurs, der im Oktober letzten Jahres mit zwölf Teilnehmern gestartet ist, zählt heute noch ganze acht Teilnehmer, von denen vier regelmäßig kommen (inklusive mir!). Meine Lehrerin Co Hà lobt meine schon sehr gute Aussprache und meinen Fleiß. Bei meinen Konversationen auf der Straße tritt dies leider weniger zum Vorschein. Ich habe es mittlerweile aufgegeben, richtig Vietnamesisch sprechen lernen zu wollen. Ich werde mit Sicherheit nicht gerade die einzigartige Ausländerin sein, die das innerhalb nur einen Jahres zu Stande bringt. Aber Spaß macht es trotzdem, die unaussprechlichen Wörter zu lernen und kleine Unterhaltungen zu führen.
 
Das Arbeitspensum als Freiwillige überfordert uns nicht, lässt viel Zeit für Unternehmungen und Reisen zwischendurch. Gerade war ich eine Woche mit meinem Vater im Norden Vietnams unterwegs. Besonders beeindruckt hat mich die in den Bergen gelegene Stadt Sa Pa am nördlichen Rande des Landes mit seinen vielen kleinen Dörfern drumherum, in denen ethnische Minderheiten leben. In meinem nächsten Blog möchte ich ausführlich darüber berichten und von dem Schicksal einer ganz besonderen Person erzählen, die ich dort kennengelernt habe. Aber dazu dann in drei Wochen.
 
Die Bilder zeigen diesmal einen Querschnitt einiger Höhepunkte der vergangenen Monate als Freiwillige in Saigon. Viel Spaß beim Betrachten und Kommentieren! Mir ist zu Ohren gekommen, dass der Frühling in Deutschland Einzug erhalten hat. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie zu Hause die ersten Blumen sprießen, die Vögel zwitschern und alles langsam grün wird. Komisch, jetzt verpasse ich schon die dritte Jahreszeit in Folge - und hier ist immer noch Sommer. Sonnige Grüße in die Heimat!
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