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Hallo aus Saigon

Von
Liebe treue Leser,

Ihr habt schon länger nichts mehr von mir gehört. Das ist einem spontanen Wochenend-Ausflug ins Mekong-Delta zu verdanken, an dem ich eigentlich meinen neusten Blog hätte schreiben wollen. Meine Urlaubsbekanntschaft Sa aus Phu Quoc hatte mich eingeladen, ihre Familie in Ben Tre im Delta zu besuchen. Ich hatte ein schönes entspannendes Wochenende. Ein besonderes Erlebnis war das Ernten von Wasserkokosnüssen aus einem kleinen Holzboot heraus. Wie das aussieht, könnt Ihr Euch in der Bilderstrecke ansehen.

Bilderstrecke Höchster Lehrerin zeigt ihre Vietnam-Impressionen
Die Grundschullehrerin Milena Sebestyén aus Frankfurt-Höchst lebt und unterrichtet ein Jahr lang in der vietnamesischen Metropole Saigon - und bloggt darüber auf www.fnp.de. Ihre Bilderstrecke zeigt Impressionen einer aufregenden und oft verwirrenden Welt.<br>Reisfeld in Ben Tre.Autritt bei der Geburtstagsfeier des International Club.Mitglieder des International Club.

In diesem Blog möchte ich von einer Reise berichten, die ich im März mit meinem Vater unternommen habe. Wir haben eine Woche lang den Norden Vietnams bereist. Unsere Ziele waren die Hauptstadt Hanoi, die Halong Bucht und das nördliche Hochland mit seiner Bergstadt Sa Pa.

Nicht nur wegen der kühleren Temperaturen habe ich den Norden sehr genossen (Der März war der bisher heißeste Monat in Saigon mit Spitzentemperaturen bis zu 40 Grad!) Hanoi ist eine wunderschöne Stadt mit beeindruckenden geschichtlichen Schauplätzen, uralten Pagoden, interessanten Museen, einem verwinkelten Straßennetz mit bunten kleinen Gassen und vor allem im Vergleich zu Saigon wesentlich ruhigerem Verkehr (wobei die Touristen dort sich kaum vorstellen können, dass es in Saigon auf den Straßen noch heftiger vor sich geht).

In der Halong Bucht habe ich die erste Nacht meines Lebens auf einem Schiff verbracht. Mit Sicherheit eine der schönsten Locations dafür, so zwischen hunderten von kleinen Inseln vor Anker liegend. Der Ausblick auf Deck war atemberaubend und die nebelige Atmosphäre mystisch. Witzig war es auch, mit einer zusammengewürfelten Mannschaft von 15 Touristen aus acht verschiedenen Ländern zwei Tage lang gemeinsam auf engstem Raum zusammen zu sein.

Zum Glück änderten mein Vater und ich noch kurzfristig unsere Reisepläne und kürzten Hanoi und Halong ab, um noch drei Tage in Sa Pa und seinen umliegenden Bergregionen zu verbringen. Ich verliebte mich sofort in diesen zauberhaften Ort und möchte deshalb an dieser Stelle etwas genauer berichten.

Mit dem Nachtzug von Hanoi aus erreichten wir Lau Cai, Hauptstadt der gleichnahmigen Provinz (Lau Cai zu Deutsch etwa „Das Gebiet der alten Straßen“). Von dort aus brachte uns ein Shuttlebus nach Sa Pa. Das kleine Städtchen mit etwa 40.000 Einwohnern liegt im Hoang-Lien-Son-Gebirge. Hier befindet sich auch der höchste Berg Vietnams, der Fansipan (3143 m).

Obwohl die Provinz Lau Cai zu den ärmsten Regionen Vietnams gehört, wirkt Sa Pa wie ein moderner Urlaubsort in den Alpen. Seit den neunziger Jahren wurde es zum Urlaubsparadies für Naturliebhaber und Kulturinteressierte. Es wurde viel Geld in den Tourismus gesteckt und das Städtchen schön herausgeputzt. Hier kann man als gestresste Saigonesin die Ruhe genießen und zwischen kleinen vernebelten Gassen und schönen Cafés mit Bergblick die Seele baumeln lassen.

Hauptattraktion in Sa Pa sind die Bergvölker der Hmong und Dao, die Sa Pa schon vor den Vietnamesen bewohnten und von dort in die angrenzenden Regionen vertrieben wurden. Es sind Wandervölker, die einst aus dem Süden Chinas nach Nordvietnam umsiedelten. Das Volk der Hmong ist außerdem in Nordthailand, Laos und Myanmar angesiedelt.
Die Straßen Sa Pa's sind von den bunten Trachten der Hmong und Dao-Frauen gespickt, die ihre Ware, hauptsächlich handgearbeitete Stickereien, vertreiben und sich in Trauben um die Touristen sammeln. Viele Frauen bleiben die ganze Woche über in Sa Pa, während sich in den Dörfern die Männer um Kinder und Reisanbau kümmern. Neben dem Verkauf der Handarbeiten ist der Tourismus Haupteinnahmequelle vieler Hmong und Dao. Viele Mädchen und junge Frauen arbeiten für vietnamesische Touristenbüros als Trekkingführerinnen, wobei sie nur einen Bruchteil von dem Geld bekommen, welches die Agentur den Touristen abknöpft. Ihr nahezu perfektes Englisch haben sie sich oft nur durch den Umgang mit Touristen angeeignet.

Auch mein Vater und ich haben eines der attraktiven Trecking-Angebote wahrgenommen und eine zweitägige geführte Tour mit Homestay gebucht. Zusammen mit einer zehnköpfigen gemischten Gruppe von Ausländern wurden wir durch eine faszinierende Landschaft von Bergen, Reisterrassen und kleinen ursprünglichen Dörfern zum Dorf Ta Phin geführt, in dem wir übernachteten. Unsere Führerin war Na, eine 18-jährige Hmong. Sie wirkte für ihr Alter sehr selbstbewusst, war schlagfertig und sehr bedacht. Ganz im Gegensatz zu den jungen Vietnamesinnen, die ich bisher kennengelernt hatte. Mir fiel sofort ihre besondere Persönlichkeit auf und ich wollte unbedingt mehr über ihr Leben als Hmong-Mädchen erfahren. So stellte ich ihr viele Fragen und erfuhr interessante Details ihres Lebens und ihres nicht einfachen Schicksals.

Na Li Tho (ihr voller Name) ist im Nahe an Sa Pa gelegenen Dorf Lau Chai aufgewachsen und hatte eine schöne Kindheit im Kreise ihrer Stammesangehörigen. Sie ist zur Schule gegangen, bis sie vor einigen Jahren ihren Vater verlor, der an Krebs starb. Gemeinsam mit ihrer Schwester Lem ist sie seither für das Geldverdienen in ihrer Familie zuständig. Die beiden Schwestern versorgen neben ihren beiden kleineren Brüdern auch ihre Mutter. Sie ist vor vier Jahren vom Kornspeicher gefallen und hat einen Hüftschaden davongetragen. Seither ist sie ans Bett gefesselt, denn einen Krankenhausbesuch konnte sie sich nie leisten.

Trotz ihres Schicksals ist Na ein lebenslustiges fröhliches Mädchen. Mit ihrer lustigen, ironischen Art hat sie mich oft zum Lachen und zum Staunen gebracht.

Noch am zweiten Tag der Treckingtour fasste ich den Entschluss: ich möchte Na und ihrer Familie helfen. Ganz konkret fragte ich Na, wie sich ihre Situation verbessern könnte. Da bekam Na gleich große Augen und erzählte von ihrem Traum, einem neuen Haus für sie und ihre Familie. Sie lud mich ein, ihre Mutter zu besuchen. Diese Einladung nahm ich gerne an.

Nachdem die Trekkingtour beendet und die Touristen verabschiedet waren, machten mein Vater, ich und Na uns zu Fuß auf den Weg nach Lau Chai. Dort angekommen staunte ich zunächst über die vielen neuen Häuser und Homestay-Hostels in dem kleinen Ort. Durch die Nähe zu Sa Pa ist Lau Chai zum beliebtesten Tagesausflugsziel für Touristen in Sa Pa geworden, um dort vor Ort die Kultur der Hmong zu entdecken. Erschreckenderweise wird man dort erst einmal von 20 kleinen Mädchen belagert, die anstatt die Schule zu besuchen, Armbänder an Touristen verkaufen und ihre Familie vom Betteln ernähren. Das ganze Dorf präsentiert sich fast ausschließlich für die Touristen, die in Schaaren von den Trekkingführern durch das Dorf geführt werden. Hier haben sich auch schon einige Vietnamesen angesiedelt, die den Tourismus als Einnahmequelle für sich erkannt haben und zum Beispiel Restaurants mit überteuerten Preisen eröffneten.

Inmitten der vielen schönen Häuser befindet sich ein kleines, halb zerfallendes Holzhäuschen, das Haus von Na und ihrer fünfköpfigen Familie. Ich erfuhr, dass die Familie einst ein schönes einfaches Holzhaus auf einem Berg besaß. Durch den Unfall der Mutter musste die Familie aus praktischen Gründen allerdings in das Tal umziehen.
Nun haust die Familie hier und kämpft gegen die Widerstände des Alltags. Das Haus hat weder ein Türschloss noch Fenster, dafür aber viele Ritzen und Löcher, in die der kalte Wind im Winter pfeift und das Haus zu Regenzeiten komplett überschwemmt.

Na hat ein großes Ziel vor Augen: so viel Geld zu verdienen, dass sie für ihre Familie ein neues Haus bauen kann. Doch das wird sie mit ihrem Verdienst von einem Euro pro Tag wohl kaum schaffen. Es soll kein sehr schönes, besonders großes Haus sein, sondern ein traditionelles Holzhaus ohne Löcher und zerfallene Wände und genug Schlafplätzen für alle Familienmitglieder. In einem solchen Haus kann Na sich vorstellen, auch einmal ihre eigenen Kinder großzuziehen, wenn sie den richtigen Mann zum heiraten gefunden hat. Momentan denkt sie nicht an Jungs, sondern nur an die Versorgung ihrer Mutter und ihre Geschwister.

Ihr Ziel ist außerdem den Garten zu pflegen und wieder Reis und Gemüse anzubauen, so wie die Familie es früher gemacht hat. Vielleicht sogar Tiere zu halten. Momentan tümmeln sich in ihrem Garten nur die Schweine der Nachbarn, die die ungenutzte Anbaufläche zum Schlammbad gemacht haben.

Zurück in Saigon angekommen habe ich durch Facebook von einigen Menschen erfahren, die auch schon über Nas Schicksal gestolpert sind und helfen möchten. Es wurde bereits Geld gesammelt und es gibt auch zwei Männer, die die Organisation des Hausbaus vor Ort in Angriff nehmen wollen. Das Geld reicht allerdings noch nicht aus, um das Projekt zu realisieren. Deshalb bitte ich alle meine Freunde, Bekannte und Blog-Leser um eine kleine Spende für das Bauprojekt.

Weitere Informationen befinden sich auf meiner offiziellen Spendenseite für Nas Haus.

Ich hoffe auf eure tatkräftige Unterstützung! Jeder noch so kleine Beitrag hilft. Ich werde gegen Ende meines Freiwilligenjahres im Juli/August nach Sapa reisen und dort vor Ort das Bauprojekt unterstützen. Natürlich werde ich alles dokumentieren und man wird die Resultate des Projektes durch den Blog verfolgen können.

Ich sende allen viele liebe Grüße in die Heimat.

Bis bald, Eure Milena
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