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Hallo aus Saigon

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Heute komme ich zu einem Thema, das für mich ganz besonders ist und viele von euch sicher brennend interessiert: Wie lebt es sich so als Vegetarierin in Vietnam?
Um alle zu beruhigen: Ich bin hier nicht vom Fleisch gefallen (eher im Gegenteil!) und das ganz ohne Fleischkonsum! Hauptgrund Nummer eins dafür: Reis!

Reis kann man in Vietnam immer essen. Ob zum Frühstück in der Suppe, zum Mittag fast pur, abends mit Gemüse oder süß zum Nachtisch. Reis geht immer. Nicht nur in Form von Körnern. Reispapier, Reisnudeln, Klebereis, Reiskuchen, Reisbrot, Reisdampfnudeln. Reis ersetzt hier in vielen Produkten Weizen oder anderes Getreide, das ich so sehr vermisse. Aber den Reis habe ich auch lieben gelernt, er gehört zu meinem täglichen Speiseplan.

In Vietnam funktioniert das mit dem Essen ganz einfach. In den unzähligen Garküchen am Straßenrand bekommt man für 1 € ein Essen serviert. Das geht superschnell und ist immer günstig. Leider beschränkt sich hier die Auswahl meistens auf eine (fast immer fleischhaltige) Speise. Besonders beliebt sind Hühner-, aber auch Rind- und Schweinefleisch. Es kann aber auch schon mal Hund, Krokodil oder Schlange in den Kochtopf gelangen. In vielen Garküchen kann ich das Gericht ohne Fleisch bestellen, dafür gibt es dann aber meistens Reis mit etwas Gemüse oder Ei oder eine mit Fleischbrühe gekochte Suppe ohne Fleischstücke. Als ich mir am Anfang noch nicht zu helfen wusste, war das oft die beste Wahl. So bestellte ich auch in der Uni-Mensa oft Bún bò Hue không thit (Rindfleischsuppe ohne Fleisch). Ein großer Vorteil dabei: Fleischlos kostet alles meist nur den halben Preis, eine Suppe gibt es dann also für 50 Cent. Der große Nachteil ist jedoch, dass die Suppe trotzdem nach Fleisch schmeckt und auch nicht besonders gehaltreich ist.

Bloggerin Milena Sebestyén Bild-Zoom
Bloggerin Milena Sebestyén
Aber schon nach einiger Zeit kam viel Abwechslung in meinen Speiseplan. Schon in der 2. Woche lernte ich ein veganes Restaurant in der Nähe der Uni kennen, welches seitdem zu meinen Stammlokalen gehört. Man bekommt dort hauptsächlich com chay (vegetarischer Reis). Das bedeutet einen Teller Reis mit einer Auswahl an verschiedenem lecker zubereitetem Gemüse und unzähligen Tofuvarianten, die sich in einer Glasvitrine befinden. Man braucht nur mit dem Finger auf die verschiedenen Zubereitungen zeigen. Ein Gemüsesüppchen gibt es gratis dazu, das ganze für 25.000 Dong (weniger als 1 €).

Obwohl Fleisch wirklich das Nahrungsmittel Nummer eins ist und der Durchschnittsvietnamese 3 Mal am Tag Fleisch isst, ohne darüber nachzudenken, wo das ganze Fleisch überhaupt herkommt, hat sich in Saigon in den letzten Jahren erstaunlicherweise eine leichte Tendenz zum Veganismus entwickelt. Stark gläubige Buddhisten ernähren sich sowieso vegan, und die, die es nicht ganz so ernst meinen, zumindest 2 Mal im Monat, nämlich zum 1. und 15. Tag. Es gibt aber immer mehr Menschen, vor allem junge Leute, die sich für vegane oder vegetarische Lebensweisen interessieren und es zumindest einmal ausprobieren. Menschen reagieren auf mein Vegetarierdasein auch immer sehr positiv und finden es außerordentlich aufopferungsvoll von mir. Sie loben mich immer dafür, sind geradezu stolz auf mich und stellen kaum kritische Rückfragen, so wie es zu Hause meist der Fall ist. Ein Student sagte einmal: „Ich finde, Milena ist eine sehr eindrucksvolle Person, weil sie vegetarisch lebt und trotzdem so sportlich ist.“
Seitdem ich weiß, was es bedeutet, suche ich, wann immer ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, nach den gelb leuchtenden com chay Tafeln. Es gibt richtig viele davon in Saigon. Fast wöchentlich finde ich neue vegetarische Restaurants, die meist eine große Auswahl von Speisen haben. Zum Beispiel vegetarische Frühlingsrollen, gebratene Nudeln mit Gemüse, Bananenblütensalat, Mangosalat und eine riesige Auswahl an traditionellen vietnamesischen Suppen, wie Pho oder Hu tieu.

Zwei weitere Highlights der vegetarischen vietnamesischen Küche sind Bánh xèo (herzhafte Pfannkuchen) und lau (Hotpot).Mit Bánh xèo habe ich endlich ein Gericht gefunden, das Vegetarier und Nichtvegetarier zusammen genießen können, weil es die leckeren gefüllten Maismehlpfannkuchen in verschiedenen Varianten gibt. Ein paar Minuten Fußweg von zu Hause gibt es einen leckeren Bánh xèo Stand. Man wickelt Salat und ein Stück des Pfannkuchens in Reispapier und tunkt das Ganze dann in (vegetarische) Fischsoße. Mhhh, lecker! Und vor allem so gesellig, denn man teilt, was auf dem Tisch steht.

Genauso ist es beim Hotpot. Ein heißer Topf mit Brühe und Gemüse brodelt in der Mitte des Tisches. Kein Problem, es ist ja ohnehin 39 Grad heiß! Nun gibt man (Fleisch), Gemüse (wie Wasserspinat, Okraschoten, Salat), Pilze und Reisnudeln in den heißen Topf. Kurz durchgaren lassen und wieder mit den Stäbchen aus dem Topf fischen. Das macht vor allem in einer größeren Gruppe Spaß, so wie ich es in Quy Nhon zusammen mit meinem Freund Vu in seiner Familie erleben durfte.

Das Essen ist hier generell eine sehr gesellige Angelegenheit. Geht man mit einer Gruppe essen (oder in der Familie), stehen viele Leckereien in großen Schalen auf dem Tisch, und mit Stäbchen und kleinem Schälchen bewaffnet, bedient man sich einfach nach Lust und Laune. Hat man Glück, sitzt eine jüngere Person neben einem, die dann bedienen muss, aus Respekt des Älteren gegenüber. Traditionellerweise wird auch erst dann gegessen, wenn der/die Älteste am Tisch begonnen hat oder dazu auffordert, zu beginnen.


Gerade neulich wurde ich zu Ehren meines Geburtstages zum Essen von einigen meiner Studentinnen in ein vegetarisches Restaurant eingeladen. Sie haben nicht aufgehört, immer mehr köstliche Leckereien zu bestellen, und am Ende sind wir alle nach Hause gekugelt. Auch wegen der riesigen Sahnetorte, die es zum Nachtisch als Überraschung gab. Vietnamesen verschenken gern Sahnetorten vom Bäcker mit lustigen Zuckergussaufschriften! :)

Einige Mal hatte ich bisher auch das Glück, nach Hause in eine Familie eingeladen worden zu sein. Das ist immer ein ganz besonderes Erlebnis. Die vietnamesischen Mütter und Großmütter bereiten die besten vegetarischen Speisen zu, die ich je gegessen habe, und oft weiß ich am Ende gar nicht, was da eigentlich auf dem Tisch stand.

Ich muss zugeben, dass ich durch das günstige Straßenessen sehr kochfaul geworden bin. Eigentlich frühstücke ich nur zu Hause (denn Nudel- oder Reissuppe zum Frühstück geht einfach nicht - ein Bisschen deutsch bin ich dann doch noch geblieben!) Mein Frühstück besteht meistens aus Obst (Mango, Ananas, Papaya, Guave, Banane und viele andere vietnamesische Früchte, deren deutsche Namen ich nicht weiß). Dazu gibt es Joghurt, das einzige Milchprodukt, das ich hier esse. Und Müsli aus Deutschland, das ich immer wieder von meinen netten Besuchen aus der Heimat bekommen habe.

Selten koche ich für mich. Wenn, dann nur eine schnelle Kleinigkeit wie Rührei. Den Einkauf erledige ich meistens im Supermarkt, es gibt in der Nähe einen riesigen coop.markt, in dem man eigentlich alles bekommt. Dort kann man auch bei den Preisen nicht übers Ohr gehauen werden, so wie es auf dem Markt oft der Fall ist. Dort gehe ich weniger einkaufen, und wenn, dann nur mit vietnamesischer Begleitung. Ab und zu kochen wir mit vietnamesischen Freundinnen, z.B. Studentinnen aus der Uni oder meiner guten Freundin Uyen. Dann kaufen wir auch auf dem Markt ein und bereiten etwas Vietnamesisches zu. Das ist immer sehr lustig und auch informativ!

Meine anfänglichen Sorgen, als Vegetarierin in Saigon nicht zu überleben oder mich nur von Reis zu ernähren, haben sich zum Glück nicht bestätigt. Im Gegenteil: ich esse hier unglaublich gern und habe mich schon so sehr an die fremden Geschmäcker, die Schärfe und die Vielfalt gewöhnt, dass mir das europäische Essen wahrscheinlich ganz langweilig vorkommen wird, wenn ich wieder zu Hause bin. Aber auf EIN kulinarisches Erlebnis freue ich mich jetzt schon riesig: den Genuss von KÄSEBROT! Denn Käse gibt es hier nämlich nur im überteuerten Feinkostladen. Und ein richtig gutes Vollkornbrot vom Biobäcker konnte ich hier nirgends finden. Es gibt also mindestens schon einen Grund, im August nach Deutschland zurückzukehren. Viele Grüße in die Heimat und guten Appetit!
Eure Milena
 
 
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