Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Hallo aus Saigon

Von Nun werde ich in Deutschland tanzen und fliegen. Nach einem Jahr heißt es für mich: Goodbye, Vietnam!
Gerade komme ich von meinem letzten Markt-Einkauf für dieses Jahr in Vietnam nach Hause. Zum letzten Mal habe ich mich durch das Abwasser der ekelerregenden „Fischmarktstraße“ gequält und zwischen Hunderten von Motorbikes laufend bis zum Obst und Gemüse vorgekämpft. Bepackt mit vielen kleinen Plastiktüten, komme ich sichtlich weniger erschöpft nach Hause als noch vor einem Jahr. Ich habe meine „Stammverkäuferinnen“, die mich kennen und mit denen ich nicht mehr mit grimmiger Miene den Preis verhandeln muss, sondern ganz ausgelassen scherzen kann. Ich verstehe mittlerweile auch die Zahlen gut und beeindrucke alle um mich herumwuselnden Menschen mit einer für Ausländer doch sehr unüblichen Gelassenheit auf einem vietnamesischen Markt fernab des touristischen Zentrums. In meinem Gepäck sind 2 hübsch geschälte, kleine, zuckersüße Ananas (zusammen für 15.000 Dong), eine Tüte mit 7 fruchtigen Tomaten, 3 Limetten und 2 Maracujas (ebenfalls zusammen 15.000 Dong), ein Kilo Minibananen (10.000 Dong) und ein halber Liter Sojamilch (8.000 Dong). Noch mal zur Erinnerung für alle: 30.000 Dong sind 1 €. Für all die Leckereien habe ich also nicht einmal 2 € ausgegeben.

Die lebhaften Märkte und das günstige und abenteuerliche Einkaufen sind längst nicht alles, was ich an Saigon vermissen werde. So sehr mich diese Stadt anfangs noch schockiert hat - vor allem wegen des Lärms, der unendlich vielen und überfordernden Eindrücke auf den Straßen, der Millionen von Motorbikes und Menschen überall -, so sehr ist sie mir nun ans Herz gewachsen. Allem voran die Uni und „meine“ Studenten, die trotz des Altersunterschiedes zu richtigen Freunden geworden sind. Eigentlich bin ich hier hergekommen, um den Studenten beim Deutschlernen zu helfen und ihnen durch meine Präsenz die deutsche Kultur näher zu bringen. Nach meiner eigenen Einschätzung und den Aussagen der Studenten nach zu urteilen ist mir das auch gelungen.

Jetzt, da ich gehe, habe ich dennoch das Gefühl, von ihnen viel mehr bekommen zu haben als ich ihnen geben konnte. Den Studenten mit ihrer lustigen, aufgeschlossenen, herzlichen, hilfsbereiten und verständnisvollen Art habe ich es zu verdanken, in diesem Jahr in Vietnam seine Kultur und Menschen nicht nur besser kennengelernt zu haben, sondern ein Teil des Ganzen zu werden. So wurde ich zu zahlreichen Aktivitäten eingeladen, hatte so einige aufschlussreiche Gespräche, bekam immer mal wieder ganz besondere Spezialitäten zum Probieren geschenkt und Ratschläge und Hilfe bei allen kleinen Problemen des Alltags in Saigon. Sobald ich die Uni betrete, fühle ich mich ganz und gar nicht mehr fremd. Die neugierigen Blicke stören mich nicht mehr, ich halte hier und da ganz „alltägliche“ Schwätzchen mit Studenten und Lehrern und fühle mich nicht mehr wie ein Fisch im Trockenen, sondern schwimme einfach im Strom mit.

Das Im-Strom-schwimmen lernt man hier ganz schnell und von Geburt an. Und zwar nicht nur im Verkehr, in dem schon die kleinsten Einwohner auf ihren „Mofastühlchen“ mitfahren. Obwohl es im Straßenverkehr überhaupt keine Regeln gibt und auch sonst alles hier manchmal drunter und drüber geht, gibt es doch viele kleine unausgesprochene Regeln des Alltags, die sich in ganz kleinen Dingen manifestieren.

Mir ist z.B. aufgefallen, dass jede vietnamesische Hausfrau das gewaschene Geschirr auf die gleiche Art und Weise ineinander stapelt. Auch die Sitzhaltung beim Kochen auf dem Boden, das Schälen von Gemüse weg vom Körper, die Behandlung der Zutaten vor dem Kochen – alles ist immer gleich. Wie man sich beim Linksabbiegen zu verhalten hat (mit der linken Hand wedeln und schnell vor dem entgegenkommenden Verkehr „durchmogeln“), wie man seinen Roller abstellt, wie man sein Regencape verstaut - es gibt jeweils nur eine Art. Dass man nach einer Reise – wenn auch nur eine Stunde mit dem Bus – erst mal duschen geht und man sich sowieso nach der Ankunft zu Hause immer Hände und Füße wäscht, sich die „Hauskleidung“ anzieht und die getragene Straßenkleidung des Tages am Besten sofort wäscht: alles ungeschriebene Regeln.

Und so kann man das in allen Lebensbereichen weiterführen bis hin zur Art und Weise, wie man an festgelegten Tagen der Toten in der Familie gedenkt mit allen möglichen Ritualen des Ahnenkults, die für jedes Familienmitglied eine Pflicht sind und die Bindung der Familie festigen und nicht hinterfragt werden.
Mich haben all diese Dinge sehr beeindruckt und zum Nachdenken gebracht. Als Vietnamese hat man eigentlich relativ wenige Entscheidungen selbst zu fällen. Sogar die Wahl des Studienfaches liegt oft in der Hand der Eltern. So ist es eigentlich kein Wunder, dass vor allem die jungen Vietnamesen buchstäblich „ausrasten“, wenn sie Ausländer sehen, die aus einer offensichtlich ganz anderen Welt kommen, einer ohne viele Regeln und dafür mit mehr Individualismus und Entscheidungsfreiheit.

Am Anfang hatte ich immer das Gefühl, ich müsste mich anpassen und möglichst unauffällig sein, um nicht so aus dem Rahmen zu fallen und zu viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber die bekomme ich hier durch mein Aussehen so oder so. Ich habe mich an die Rolle der „Cô Tây“ (Frau aus dem Westen) gewöhnt, so wie ich hier von Kindern genannt werde. Ich werde nicht mehr rot, wenn Leute auf der Straße mir nach 5 Minuten Konversation sagen, dass sie mich lieben, weil ich als Freiwillige in ihr Land komme (und wegen meiner großen Nase). Es ist mir nicht mehr unangenehm, wenn Wildfremde mir auf der Straße zujubeln. Ich lache einfach mit.

Ich habe in diesem Jahr nicht nur viel über Vietnam erfahren und gelernt, sondern auch über mich selbst. Es gab nicht selten Herausforderungen, die mir zunächst schwierig erschienen. Das fängt schon bei ganz kleinen Dingen an wie eben dem Einkaufen und dem Fahrradfahren zwischen den vielen Motorrädern. Auch bei der Arbeit hatte ich neue Aufgaben. Von der Zeit im Referendariat war ich es gewohnt, einen strukturierten Arbeitstag vorgesetzt zu bekommen. Alle Termine für Unterrichtsbesuche waren festgelegt, und immer wurde ich beobachtet und bewertet. Meine Arbeit hier wurde zwar auch beobachtet und bewertet, aber nicht offen. Ich musste ganz gezielt nachfragen, damit ich überhaupt mal eine Rückmeldung zu dem bekam, was ich hier an der Uni tat. Und die Kritik viel auch immer sehr positiv aus. Ich musste mich also selbst kritisieren und auch selbst meinen Arbeitstag gestalten. Das war nicht immer einfach aber mit der Zeit habe ich es geliebt.

Neben der Alltagsarbeit, den Nachhilfestunden mit den Studenten und später dann auch dem Unterrichten in der Klasse konnte ich nach Lust und Laune in Zusammenarbeit mit den anderen Studenten kleine Projekte auf die Beine stellen. Wir haben den sog. „Deutsch-Talk-Stammtisch für die älteren Studenten gegründet, einen Musikclub auch, der regelmäßig bei uns zu Hause stattfand, Aktionen zu den christlichen Feiertagen organisiert u.v.m. Es war schön, genug Zeit für diese Aktivitäten zu haben und sie gründlich und in Einbeziehung der Studenten zu planen. Als Lehrer in der Schule muss man solche Dinge meistens noch „so nebenbei“ in seiner Freizeit machen. Hier wurde die Arbeit stets gewürdigt und erschien mir auch immer sehr sinnvoll.

Allerdings hat die Arbeit so viel Spaß gemacht, dass ich oftmals gar nicht das Gefühl hatte zu arbeiten. Deshalb habe ich jetzt auch Angst vor dem Zurückkehren in die „Realität“ der Arbeitswelt.

Eine andere Herausforderung war es für mich, mit dem Status der „Freiwilligen“ umzugehen. Das Zusammenleben mit den anderen viel jüngeren Freiwilligen, wenig Geld zu haben und auf die Organisation angewiesen zu sein. Wenn ich reiste, vor allem auf dem Land, hätte ich manchmal gerne mehr Zeit mit den Menschen vor Ort verbracht und als Englischlehrerin in einer kleinen Dorfschule oder einem Kinderheim gearbeitet, wo mir die Arbeit wichtiger erschien. Doch im Nachhinein bin ich so glücklich mit meiner Stelle hier an der Uni und allem, was ich dadurch erleben und lernen konnte.

Schwierig war es für mich manchmal, mich mit Westlern anzufreunden, die hier oft als Lehrer in Privatschulen arbeiten (und das ganz ohne Lehrerausbildung). Sie verdienen hier an einem Tag so viel Geld wie eine Putzfrau im ganzen Monat und auch das Dreifache von dem Gehalt eines Lehrers an der staatlichen Universität. Die „Szene“ der Expats, die sich auch um Musik- und Partyveranstaltungen kümmert, besteht aber nun mal fast nur aus Lehrern. Für sie ist es gar kein Problem, dass ich hier wenig Geld habe, aber ich kam mir in diesen Kreisen irgendwie immer anders und ausgeschlossen vor.

Das war eine sehr wichtige Erfahrung für mich, und ich lernte mit der Zeit, sehr gut damit umzugehen. Trotzdem fühle ich mich hier unter ärmeren Menschen immer noch viel wohler als unter reichen. Für mich ein gutes Beispiel für die Klassentheorie von Bourdieu. Wie eine Freundin, die mich hier besuchte, richtig feststellte: Ich befinde mich hier irgendwo zwischen den Klassen und gehöre keiner so richtig an.

Und trotzdem fühle ich mich hier jetzt sehr wohl :)

Neben der Zeit, die ich in oder außerhalb der Uni mit Studenten verbracht habe, hatte ich auch viel Zeit, neuen Hobbys nachzugehen. So habe ich vor allem das Singen für mich entdeckt. Ich habe schon immer gerne gesungen, wusste aber nicht, dass ich in der Lage bin, sogar eigene Lieder zu komponieren. Erst im Frühjahr traf ich durch Zufall einige Menschen, die mir Mut gemacht haben, mich auf die Bühne zu trauen und mir Gelegenheit dazu gaben. Insgesamt stand ich 10-mal mit meiner Ukulele und verschiedenen Menschen auf der Bühne bei open mics, kleinen Festivals, in der Uni und einmal vor einem riesigen vietnamesischen Publikum bei einer Podiumsdiskussion.

Zwei weitere Hobbys habe ich für mich hier entdeckt: das Swingtanzen und Akro(batik)-Yoga. Beides betreibe ich regelmäßig und in sehr gemischten Gruppen von Vietnamesen und hier lebenden Ausländern, und ich habe dadurch viele Freunde und Gleichgesinnte gefunden. Und diese Hobbys muss ich auch nicht aufgeben. Wie ich gehört habe, gibt es in Deutschland sowohl eine riesige Swingtanz-Szene als auch eine stets wachsende Akroyoga-Szene. Ich freue mich darauf, dann auch mal mit meinen Landsleuten zu tanzen und zu fliegen! :)
Und auch sonst freue ich mich wirklich auf meine Rückkehr nach Deutschland.

Wenn man liest, was ich hier schreibe, könnte man fast meinen, ich möchte hier gar nicht weg. Und der Abschied fällt mir auch nicht leicht. Vor allem von den Studenten und Freunden, von der köstlichen vietnamesischen Küche, von dem leckeren Eiskaffee mit Kondensmilch, von der Euphorie gegenüber mir und allen Ausländern insgesamt. Das alles hat die vergangenen 12 Monate zu einer ganz besonderen Zeit meines Lebens gemacht, die ich nie vergessen werde.

Aber es gibt auch so vieles, was in Deutschland auf mich wartet und auf das ich mich freue: die Ruhe auf den Straßen und in den Häusern, ein multikulturelles Zusammenleben von verschiedensten Menschen ohne 2-Klassenteilung (Westler/Ausländer-Vietnamese), meine Privatsphäre. Das Gefühl zu haben, unbeobachtet zu sein; im Park oder am Flussufer spazieren zu gehen, ohne dröhnenden Motorbikelärm; die Jahreszeiten (vor allem den Herbst und Winter habe ich tatsächlich vermisst!) und allen voran das gute deutsche Vollkornbrot mit Käse oder selbstgemachter Erdbeermarmelade. Aber am freudigsten sehe ich dem Wiedersehen mit meiner Familie und meinen Freunden entgegen und natürlich meinem Schatz, der ein ganzes Jahr lang auf mich gewartet hat. Ich freue mich auf einen neuen abenteuerlichen Lebensabschnitt in Deutschland.

Auf diesem Wege möchte ich all jenen danken, die mir dieses verrückte, erlebnisreiche und ganz besondere Jahr meines Lebens ermöglicht haben und ein Teil davon geworden sind. Mein größter Dank gilt den vielen Spendern, ohne die das „weltwärts“-Projekt nicht zustande gekommen wäre. Vielen Dank an meine Versendeorganisation ViFi (Vietnamesische Interkulturelle Fraueninitiative) für die Projektleitung und Organisation. Ein herzliches Dankeschön an alle Mitarbeiter und Studenten der Deutschabteilung für die Unterstützung bei meiner Arbeit und für unvergessliche Erlebnisse. Ich werde euch alle in guter Erinnerung behalten. Wir bleiben in Kontakt.
Eure Milena

Noch eine Information zu meinem Spendenprojekt: Die Sammelaktion für das Hausbauprojekt läuft noch. Das Haus für Na und ihre Familie in Sa Pa wird voraussichtlich im Frühjahr nächsten Jahres von der Hilfsorganisation 1by1 (Neuseeland) gebaut werden. Der schon gesammelte Betrag ist erst ein Anfang und reicht noch nicht aus. Jeder Euro hilft! (online Spenden unter: www.betterplace.org/p18386)
In diesem Blog war oft von Sa Pa-Reisen die Rede. Für alle daran Interessierten lohnt es sich, Kontakt mit Na aufzunehmen (facebook: trekking Sapa Na).
 
Abschiedsgruß von der Redaktion: Ein Jahr lang hat Milena Sebestyén für die Leser der FNP-Blogs von Vietnam erzählt. Mit diesem Bericht endet ihr Blog. Wir danken ihr und wünschen ihr für ihre Zukunft hier in Deutschland alles Gute. Vielleicht bloggt sie ja mal wieder für uns. Das Leben daheim steckt doch auch voller erzählenswerter Überraschungen…  
 

 
Zur Startseite Mehr aus Milena Sebestyén

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse