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Sternzeit

Von 500 Millionen Kilometer entfernt macht die Menschheit einen großen Schritt. Und ich war hautnah dabei.
Mark McCaughrean, wissenschaftlicher Berater der ESA, zeigt wohin er Rosetta, nach dem Ende ihrer Mission Ende 2015, fliegen lassen möchte. Durch dieses markante Tal des Kometen 67P. Bilder > Mark McCaughrean, wissenschaftlicher Berater der ESA, zeigt wohin er Rosetta, nach dem Ende ihrer Mission Ende 2015, fliegen lassen möchte. Durch dieses markante Tal des Kometen 67P.
Oliver Debus
Sternengucker



Ich weiß nicht, wie es sich damals am 20. Juli 1969 angefühlt hat, als die Mondlandfähre Eagle sich der Mondoberfläche genähert hat. Als Astronaut Neil Armstrong ein Problem mit dem Landeplatz erkannte und den Adler an einem anderen Platz aufsetzte. Sieht man die Aufzeichnungen und hört man den Kommentar von damals aus dem Kontrollzentrum in Houston, mag man erahnen, dass die Welt mit äußerster Anspannung zum Mond schaute und den Atem anhielt beim Landemanöver. Groß war dann die Freude, als die erlösende Landebestätigung „...der Adler ist gelandet“ von Neil Armstrong aus dem Meer der Ruhe vom Mond übermittelt wurde. Es war wohl so Nerven aufreibend und spannend gewesen, wie nun die Landung des kleinen Philae auf dem Kometen Tschuri, die ich im europäischen Raumkontrollzentrum ESOC in Darmstadt verfolgte. Wissenschaftler und Amateurastronome wie ich hatten auf diesen 12. November jahrelang hingefiebert, so wie die Welt damals der Mondlandung.

Nun, da er überall im Fernsehen zu sehen und in den Zeitungen von ihm zu lesen war, ist Philae, der kleine Kometenlander, auch eine Art Weltstar. Im Jahre 2004 hat er sich gemeinsam mit dem europäischen Kometenjäger Rosetta von Europas Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana auf eine zehn Jahre dauernde Reise zum Kometen 67P/Churjumov-Gerasimenko, eben Tschuri, gemacht hat. Ihre Mission ist die Erforschung dieses Kometen. Kometen sind für Astronomen spannende Untersuchungsobjekte, denn sie enthalten das ursprüngliche Material, aus dem unser Sonnensystem entstanden ist. Sie verraten uns also etwas über den Ursprung der Erde und wie sie sich entwickelt hat. Vielleicht sogar etwas über unseren Ursprung. Die große Frage ist ja, ob das Wasser auf unserer Erde und wichtige organische Bausteine für die Entwicklung des Lebens durch Kometen auf die Erde kamen.
 
Kein Wunder also, dass man einen Kometen vor Ort untersuchen und Bodenproben analysieren will. Doch Kometen sind mehr als nur unförmige Gesteinsbrocken irgendwo im Sonnensystem. Wenn sie der Sonne näher kommen, werden sie durch den Sonnenwind aufgeheizt und sie verlieren kleine Bröckchen und Gas. Das kann man von der Erde aus als strahlendes Koma und als Schweif sehen, welche durchaus mehrere hundert Millionen Kilometer lang werden können. Ein beeindruckender Anblick.
 
Klar, dass ich die Rosetta-Mission mit besonderem Interesse verfolge und mich über jede Gelegenheit freue, direkt im ESOC die besonderen Etappen der Mission zu beobachten. So wie Anfang des Jahres, als die Sonde aus einem zweieinhalbjährigen Tiefschlaf geweckt wurde. Der war nötig, weil die Sonde in dieser Zeit so weit von der Sonne entfernt war, dass die Sonnensegel nicht genügend Energie erzeugen konnten. Dieser Tiefschlaf war ein großes Risiko und für Paolo Ferri, der damals Flugbetriebsleiter war, bedeutete er eine nagende Ungewissheit. Zweieinhalb Jahre hatte er keinen Kontakt „zu seinem Baby“ gehabt, wie er sagte.
 
Rosetta erwachte. Phänomenal, wenn man bedenkt, dass ein Auto nach zweieinhalb Jahren in einer Garage wohl auch nicht einfach so wieder anspringt und fährt. Auch das Einschwenken in eine Umlaufbahn um den Kometen hat im August 2014 wunderbar geklappt. Beide Manöver wurden zuvor noch nie durchgeführt. Schon das ist eine gewaltige Leistung der ESA.
 
Und nun diese sanfte Landung. Thomas Reiter, der deutsche Ex-Astronaut und ESA-Direktor, schwärmte hernach, weil Rosetta und Philae zu einem Ort vorgestoßen sind, wo noch niemand zuvor gewesen ist. Und der kleine Philae hatte es wieder sehr spannend gemacht. Teilweise fieberten wir atemlos der Landung entgegen. Es fing schon damit an, dass mir Paolo Ferri in einem persönlichen Gespräch verriet, dass es Probleme mit dem Lander gegeben habe, man sich aber trotzdem für den Touchdown entschieden habe. Als sich dann Philae erfolgreich von Rosetta gelöst hat und wir eine halbe Stunde später die Meldung erhielten, dass beide, Rosetta und Philae, auf dem richtigen Kurs seien, waren Freude und Erleichterung groß. Und wir staunten: Wir sahen wunderschöne Bilder, die die beiden Flugkörper voneinander gemacht hatten. Knapp sieben Stunden dauerte der langsame Abstieg des Landers auf den Kometen. Sieben Stunden der inneren Anspannung, die nicht nur bei mir, sondern auch bei meinem Freund und Astro-Kollegen Joachim Labudde und all den anderen Sternen-Bloggern immer mehr anstieg.
 
Die Zeit nutze ich für Gespräche mit Wissenschaftlern und Technikern, darunter Mark McCaughrean, der wissenschaftliche Berater der ESA, der mir an dem riesigen Kometenmodell zeigte, wo auf dem Kometen er am Ende der Missionszeit im Dezember 2015 die Rosettasonde gerne absetzen würde. Wie einst der „Rasende Falke" im Star-Wars-Film „Das Imperium schlägt zurück“ durch einen Asteroidengürtel flog, würde McCaughrean gerne die Rosettasonde durch die schluchtenartige Teilung des Kometen fliegen lassen. Ein ganz besonderes Highlight für mich war ein kurzes Gespräch und ein gemeinsames Foto mit Professor Klim Churyumov, der mit Svetlana Gerasimenko 1969 den Kometen 67P entdeckt hat, im Jahr meiner Geburt.
 
Doch dann hieß es wieder: Daumen drücken, Atem anhalten, Fingernägel kauen, Haare raufen, mitfiebern, kurz: Spannung und Gänsehaut pur. Um 16.40 Uhr hatte sich das Landefenster für Philae geöffnet. Nun sollte bald die Meldung über die erfolgte Landung kommen. Aber sie kam nicht. Der Blick in den Hauptkontrollraum, auf die Gesichter verriet: Da lief was schief. Sollte der Lander tatsächlich das etwa ein Fußballfeld große Landegebiet verfehlt haben. Fast 25 Minuten lang ließ uns Philae im Ungewissen. Nicht ganz so lang wie Rosetta im Januar, trotzdem eine Zeit, die nicht nur mir wie eine grausame Ewigkeit vorkam. Dann der Jubel, die Erleichterung über diesen unglaublichen Erfolg. Jetzt sollte es bald Panoramabilder von der Landesstelle und Bilder von der Landung geben.
 
So erleichtert wir waren, so schnell wurden wir von der Realität eingeholt. Irgendwas war nun tatsächlich schief gegangen. Der Lander Philae hatte nicht seine ihn am Boden festhaltenden Anker abgeschossen. Bestand jetzt die Gefahr, dass er vom Kometen abprallt und im Weltraum verschwindet? Es dauerte noch mal zwei Stunden bis zur erlösenden Nachricht: Philae sei zweimal auf dem Kometen gelandet, verkündete Stephan Ulamec, der Projektleiter. Aber die Geräte funktionierten, und Philae übertrug sofort Daten. Da brandete Jubel auf, alle fielen sich in die Arme, und Hessens Ministerpräsident Bouffier lobte die Leistung der in Darmstadt arbeitenden europäischen Wissenschaftler. Auch der große amerikanische Bruder der ESA, die NASA, lugte wohl recht neidisch über den großen Teich. Die NASA hatte an dem Projekt nicht teilnehmen wollen. Sie hatte all das, was nun Wirklichkeit geworden ist, für unmöglich gehalten.
 
Mit der Rosetta-Mission und dem Philae-Lander hat die europäische und auch die deutsche Raumfahrt einen Meilenstein der Weltraumfahrt und der Weltraumforschung aufgestellt, einen technisch genauso gewagten wie die Mondlandung, für Experten auch einen ebenso bedeutsamen. Und ich durfte in den bisher entscheidenden Momenten vor Ort dabei sein. Jetzt geht die wissenschaftliche Mission richtig los und läuft bis Ende Dezember 2015. Rosetta wird den Kometen bei seiner nächsten Annäherung an die Sonne begleiten und seine größte Aktivität beobachten. Was danach kommt, hängt vom Zustand Rosettas und Philaes ab. Denn noch steht Philae eben nicht felsenfest sicher dort oben in 500 Millionen Kilometern Entfernung. Er wird uns weiter in Atem halten.

Die Bilder, die man jetzt schon auf der Webseite der ESA sehen kann (www.esa.int/rosetta) rauben einem ohnehin den Atem, so traumhaft schön sind sie. Ich freue mich schon auf mehr.
 
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