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Sternzeit

Von Rosetta ist aus dem Tiefschlaf erwacht. Das war spannend wie ein Thriller!
Größenvergleich: So groß und noch sehr viel größer ist die echte "Rosetta". (Alle Fotos: Oliver Debus) Bilder > Größenvergleich: So groß und noch sehr viel größer ist die echte "Rosetta". (Alle Fotos: Oliver Debus)
Anspannung, Gänsehaut, feuchte Hände, so lässt sich der Montag, 20. Januar 2014, zusammenfassen. Ein Tag, den ich wohl nie vergessen werde. Ein Tag, der in die Geschichte der europäischen Raumfahrt eingehen wird.  Denn an diesem Tag sollte die Europäische Raumfahrtorganisation ESA etwas durchführen, was zuvor niemand versucht hat.

Nach 957 Tagen im Tiefschlaf sollte am 20. Januar die Kometensonde Rosetta aufwachen und ihre bereits zehn Jahre andauernde Mission zur Erforschung des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko fortsetzen. Im August soll die Sonde in einen Orbit um den Kometen einschwenken, seine Oberfläche kartografieren und im November dann einen Lander absetzen. Bis Dezember 2015 soll Rosetta den Kometen bei seinem Weg durch den sonnenächsten Punkt seiner Bahn begleiten. Das ist die komplexeste und schwierigste Forschungsmission, die je unternommen wurde. Es war daher kein Wunder, dass nicht nur ich an diesem Tag sehr gespannt war.

Als ich am frühen Vormittag gegen 9.30 Uhr den großen Konferenzsaal des Europäischen Raumflugkontrollzentrum ESOC in Darmstadt betrat, konnte ich diese aufgeregte, voller Spannung knisternde Atmosphäre spüren. Diesmal wollte ich die Online Community live an dem Ereignis teilhaben. Ich fand Platz neben einer Bloggerkollegin, und die eigentümliche Spannung übertrug sich gleich auf mein Netbook, dass sich, wie immer in solchen Situationen, mit dem Hochfahren etwas mehr Zeit lies. Also erst mal Bilder machen und schauen wer noch so alles da ist.
 
Dann wurde es spannend. 11 Uhr MEZ, um die Uhrzeit sollte die Sonde geweckt werden, aber nicht von der Erde aus, sondern vom einzigen in Betrieb verbliebene Bordrechner, der auch ein kleines Heizungssystem steuerte, um die Sonde vor dem Kältetod zu bewahren. Zunächst würden die Star Tracker aufgewärmt werden, zwei kleine Teleskope, die den Himmel abbilden und so der Sonde verraten, wo sie sich befindet und wohin sie gerade schaut. Dann würden die Manöverdüsen die Sonde erst in Richtung Sonne ausrichten, damit die Sonnensegel die Batterien der Sonde wieder aufladen und so alle Bordsysteme wieder online gehen können. Dann sollte sich die Sonde, bzw. die Radioantenne der Sonde zur Erde ausrichten und ein Signal senden, dass die Sonde wieder wach ist.
 
Dass Rosetta überhaupt noch in Betrieb ist, das ist dem Flugbetriebsleiter Paolo Ferri und seinem Team zu verdanken, der uns exklusiv im Hauptkontrollraum empfing und im Gespräch berichtete, welche Schwierigkeiten die Techniker in den vergangenen zehn Jahren, die die Sonde nun schon im All unterwegs ist, zu meistern hatten. Da ist Respekt vor solch einer Leistung wirklich angesagt.
 
Der Astronom Mark McCaughrean konnte seine Anspannung auch nicht verbergen und seine Antwort auf meine Frage ob man denn genau wüsste wo die Rosetta gerade ist und wie es ihr geht, viel recht kurz aus. „No“. Okay. Die ESA-Leute können die Flugbahn berechnen und somit bis auf 1000 Kilometer genau die Position der Sonde vermuten, aber da die Sonde über zwei Jahre lang keinen Pieps von sich gab, hatte man natürlich auch keine Ahnung, in welchen Zustand sie war. Das ganze Prozedere des Wachwerdens, das die Sonde durchlaufen sollte, so nahm man an, würde etwa bis 17.30 Uhr oder 17.45 Uhr dauern, dann sollte die Sonde ihren „Hallo ich bin wach“-Ruf zu den angespannt wartenden Menschen senden.
 
Wegen der unglaublichen Entfernung von über 800 Millionen Kilometer würde das Signal 45 Minuten bis zur Erde brauchen. Eine Entfernung übrigens, die kosmisch gesehen ein Nichts ist, „wir aber beide wohl nicht zu Fuß zurück legen wollen“, da waren ESOC-Direktor Thomas Reiter und ich einer Meinung. Er gestand mir im kurzem Gespräch, dass er eine Gänsehaut habe. Das Team im ESOC hat sich sehr viel einfallen lassen, um die gespannte Wartezeit zu überbrücken und die Nerven der Gäste kulinarisch zu stärken.

Dann kam der spannende Moment. Um 18.30 Uhr, ein Blick in den Hauptkontrollraum. Die NASA Deep Space Radioantenne von Goldstone, Kalifornien, lauschte gespannt in die Richtung, wo man Rosetta vermutete. Doch es blieb stumm. Auch 15 Minuten später meldete sich der Kometenjäger nicht. 19 Uhr, kurze Unruhe im Kontrollraum, war da nicht ein Ausschlag im Radiospektrum? Nein, leider nicht. Noch gut eine halbe Stunde Zeit verblieb der Sonde, dann müsste man auf die nächsten Tage hoffen. Die Anwesenden schwankten zwischen Hoffnung und Enttäuschung.
 
Sollte der Sonde doch etwas zugestoßen sein, ein Defekt ein wichtigen Systems? Zehn Minuten immer noch nichts, Spannung pur. Doch dann, nach 45 Minuten des Terrors, wie Thomas Reiter die lange Wartezeit später nannte, änderte sich das Radiobild. Ein deutliches Signal wuchs aus dem Rauschen und die Freude und Erleichterung schwappte vom Hauptkontrollraum in den Konferenzsaal über. Ein riesiger Jubel brach aus und ich hatte weiche Knie. Sie hat es wirklich spannend gemacht, die Rosetta, aber die lange Zeit des Winterschlafs bestens überstanden. Sehr zur Freude der Flugingenieure, der Wissenschaftler, der Konstrukteure der Sonde und aller Anwesenden.
 
Auch ich freue mich immer noch, diesen besonderen Moment hautnah erlebt gehabt zu dürfen, wobei ich mir etwas weniger Spannung wünschen würde. Die nächsten Schritte der Kometensonde sind nicht weniger spannend, das Einschwenken in die Umlaufbahn um den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko und dann die Landung oder besser das Andocken des Philae, wie der Lander heißt, an den Kometen und die Reise mit dem Kometen. Unser Wissen über Kometen und die Entstehung unserer schönen Erde wird diese Mission bereichern. Davon hoffe ich im Laufe des Jahres berichten zu können. Der Blick zu Himmel ist immer spannend.

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