Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Supermarkt-Blog

Von
Am späten Abend ist es ruhiger im Supermarkt. Viele Kunden im Anzug kommen noch kurz nach der Arbeit hier vorbei und genießen die langen Öffnungszeiten. Foto: Archiv Am späten Abend ist es ruhiger im Supermarkt. Viele Kunden im Anzug kommen noch kurz nach der Arbeit hier vorbei und genießen die langen Öffnungszeiten. Foto: Archiv
Er schaut nur kurz, mustert mich aber lange nicht so wie der Türsteher irgendeines Nachtklubs (wohin ich mich ohnehin selten verirre). Natürlich darf ich rein. In  den Supermarkt – nachts um 23.30 Uhr.  Auch dann gibt’s dort inzwischen ja was einzukaufen. Und auch zu erleben.
 
Bild-Zoom
Schon ungewohnt. Draußen auf dem Parkplatz ist es längst dunkel, aber alles sieht nach gewöhnlichem Betrieb aus: einladen, ausladen, zu- und abfahren, Geklapper mit den Einkaufswagen. Freie Parkplätze gibt’s genügend. Dann also vorbei am Wachmann und hinein in die beleuchtete Vorhalle, in der sechs junge Leute auf ihre Freunde warten. Die stehen noch an der Kasse, um ihr Bier, ihren Schnaps, Softdrinks und Mixgetränke zu berappen  – das alles  ist im Supermarkt natürlich preiswerter als an der Tanke.
 
Mit Gratis-Kaffee begrüßt uns hier zwar niemand, aber vor Brot und Fleischtheke duftet es auch jetzt noch verführerisch: Halbes Grillhähnchen oder frisches Baguette? Einfach zugreifen. So kurz vor Ladenschluss servieren das nur wenige Märkte. Allerdings bedient auch in diesem Markt heute niemand mehr. Das sichtbare Personal beschränkt sich auf zwei Mitarbeiter, die sich an der Kasse und beim Einräumen der Regale abwechseln.  „Arbeiten Sie gerne um diese Uhrzeit hier?“, frage ich. „Doch, ganz gerne“, meint der etwa 20 Jahre alte junge Mann. „Nachts ist nicht so viel los wie am Tag.“ Außerdem kriegt er für den Spätdienst einen kleinen Zuschlag, und obendrein passt ihm die Zeit besser in den Tagesablauf.
 
Die Personalfrage war es, die ein längeres Öffnen von Supermärkten in Deutschland jahrelang verhindert hat. Die Gewerkschaften sehen es auch heute noch nicht gerne. In Europa waren viele Länder indes schon lange vor uns dabei. Der Aufschrei, als die ersten Märkte hierzulande bis Mitternacht öffneten, fiel dann doch recht kurz aus. Inzwischen haben wir uns längst daran gewöhnt. Vor allem Menschen mit Schicht- oder ungewöhnlichem Dienstplan wissen solche langen Ladenzeiten sehr zu schätzen.
 
Frauen im Kostüm, Männer im Anzug – wer länger im Job  sitzen musste, rauscht noch mal spät im Markt vorbei: ein paar Netzstrümpfe, ein Deoroller, Zahnpasta. Wird ja gleich morgen früh gebraucht. Irgendwo zwischen den Regalen huscht auch eine Gestalt auf Pantoffeln vorbei, eine Tüte Milch in der Hand. Eine Frau schiebt ihr schlafendes Baby im Kinderwagen an der Kühltheke vorbei. Und vor mir an der Kasse hat sich ein Mann mit Handkäse eingedeckt. Er ist Gastronom, wie sich im Gespräch herausstellt. Der Kneipenwirt hatte falsch disponiert, deshalb der nächtliche Gang zum Handkäs‘. Und weil der Tafelspitz gerade recht günstig ist, hat der Mann den auch gleich noch mitgenommen.
 
Sind manchmal sogar noch mehr Kunden hier, so kurz vor Mitternacht?  „Kann passieren“, meint der junge Mann an der Kasse. „Vor allem dann, wenn der nächste Tag ein Feiertag ist.“ Die Kundschaft kommt zu jeder Zeit, wissen vor allem die Berliner. Sie können schon länger hier und da sogar rund um die Uhr einkaufen. Selbst nachts um 3 Uhr kurvt das Publikum mit den Einkaufswagen herum. Weltstadt eben. Einige andere Städte sind nachgezogen, Köln, Hamburg, Duisburg ... Schließlich schreibt der Gesetzgeber schon länger keine festen Ladenzeiten mehr vor. In Frankfurt hat immerhin der Markt am Fernbahnhof Flughafen 20 Stunden am Stück geöffnet. Viel fehlt also nicht mehr zum 24-Stunden-Supermarkt.
Zur Startseite Mehr aus Peter Schmitt - Supermarkt-Blog

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse