Kaputt meditiert

Von Pia Rolfs
Aus dem Lotussitz in den umgekippten Bären - mit Bänderdehnung!
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"Meditation ist das neue Joggen", las ich in einer Frauenzeitschrift. Das klang zwar ein wenig nach einer Entschuldigung für Trägheit, aber schien wie geschaffen für den nächsten Wellness-Versuch. Im Trend liegen und gleichzeitig liegen kann schließlich nicht falsch sein. Die Laufschuhe konnten stehen bleiben, bei der Reise nach Innen schienen die Anfahrtswege kurz. Dachte ich zumindest.

Ich erinnerte mich zwar noch dunkel: Im Yoga-Kurs hatte ich bei ersten Meditationsversuchen am Ende der Stunde nicht den gewünschten Zustand zwischen Wachen und Schlafen erreicht. Meistens war ich übergangslos in den Schlaf gefallen. Erst, wenn um mich herum alle anderen Frauen ihre Matten einrollten und den Raum verließen, wachte ich auf - total schläfrig, nur wenig erleuchtet. Aber es gab auch Abende, an denen mein Geist wach blieb und wanderte. Allerdings nicht durch den Körper, sondern zurück zur Arbeit. Dann fiel mir immer etwas Dringendes ein, das ich vergessen hatte. Bisweilen schlich ich unter dem Vorwand des Toilettengangs zur Umkleidekabine, um mit dem Handy beim Spätdienst anzurufen. Ein entspannungstechnischer Offenbarungseid. Aber jetzt sollte alles anders werden.

Zuhause, allein mit einem neuen Meditationsbuch und einer Meditations-CD, wollte ich mich an einem freien Tag völlig störungsfrei entspannen. Ich zog die Vorhänge zu, ließ nur eine kleine Lampe leuchten, schob die CD hinein. "7-Punkt-Meditation" kündigte eine erfreulich monotone Frauenstimme an. Um wach zu bleiben, legte ich mich bewusst nicht hin, sondern nahm auf meiner Matratze eine Art hüftsteifen Schneidersitz ein, in den man die Position "Lotussitz" aber bestimmt noch hineinmeditieren konnte. Also los! Entspannung! Sofort! Die Anweisungen der Frauenstimme waren einfach zu befolgen. Ich stellte mir ein Lächeln in meinen Augenwinkeln vor, ohne mich dabei allzu lange um die dabei entstehenden Fältchen zu sorgen.

Ich konzentrierte mich auf den Punkt, an dem die Zungenspitze den Gaumen berührt. Ich erzeugte in mir das Bild, dass mein Kopf auf dem Nacken ruht wie ein Ei im Eierbecher - und dachte dabei nur ganz kurz an die Osterdekoration, die ich noch aus dem Keller holen wollte. Ich wanderte mit meiner Wahrnehmung nacheinander in alle Spitzen meiner Finger hinein, in alle Spitzen meiner Zehen... dann schlief ich ein und fiel ich um. Einfach aus dem Schneidersitz nach vorne. Dabei wurden meine Bänder am rechten Fuß wohl überdehnt. Aua! Am nächsten Tag war ich noch nicht bereit, meine neue Erkenntnis zu teilen, dass die beste Meditation für uns hüftsteife Mitteleuropäer wohl doch "Mittagsschlaf" heißt. Ich versuchte, den Meditationsunfall zu verbergen und trotz überdehnter Bänder bei der Arbeit ganz normal zu laufen. Aber es gelang mir offenbar nicht. "Beim Joggen umgeknickt?" fragte ein besorgter Kollege. Ich nickte. Meditation ist ja schließlich das neue Joggen. (Pia Rolfs)
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