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Café-Besuch

Entspannung ist das Sahnehäubchen des Lebens. Theoretisch zumindest.
Ein verführerisches Stück Waldbeerentorte lockt Cafébesucher. Foto: © Thomas Francois - Fotolia.com Foto: © Thomas Francois - Fotolia.com Ein verführerisches Stück Waldbeerentorte lockt Cafébesucher. Foto: © Thomas Francois - Fotolia.com
Ein Nachmittag mit Kaffee und Kuchen kam mir als Kind wie der Gipfel der Spießigkeit vor. Doch jetzt bin ich endlich in dem Alter, wo ich total uncool sein darf. Ja, ich gestehe: Ich möchte in einem Café Kalorienbomben vernaschen, die Menschen beobachten, meine Gedanken schweifen lassen. Entspannung ist schließlich das Sahnehäubchen des Lebens. Und wo findet man Sahnehäubchen? Na also.
 
Allerdings habe ich nicht mit dem in Frankfurt üblichen Verteilungskampf gerechnet. Am Samstagnachmittag sind fast alle Cafés in der Innenstadt proppevoll. Jeder will nach dem Einkaufsbummel dorthin - und die Tüten brauchen meistens auch noch einen eigenen Sitzplatz. Das sieht nicht gut aus.
 
Im Café O. sehe ich durch die Scheibe, wie gerade etwas frei wird. Aber ich zögere. Dort wurde ich neulich nur widerwillig bedient, weil ich um 17.15 Uhr noch den Laden betrat. "Wir schließen um 18 Uhr", hieß es da abweisend. Dabei könnte ich in einem Zeitraum von einer Dreiviertelstunde theoretisch zehn Kuchenstücke verputzen! Allerdings nicht, wenn das sekundenschnell ausgewählte Tortenstück erst nach 40 Minuten kommt und die Rechnung drei Mal angefordert werden muss. Solche Erfahrungen verheißen nichts Gutes, ich gehe woanders hin.
 
Auch im nächsten Café ist nichts frei. Ich verfalle auf das Platz-Mobbing: einfach so lange neben einem Tisch mit leeren Tellern und Tassen warten, bis sich die Gästen dort unwohl fühlen und gehen. Diese unschöne, aber erfolgreiche Methode funktioniert auch diesmal. Erschöpft von der Café- und Sitzplatz-Suche plumpse ich auf den harten Holzstuhl. Die Kellnerin eilt sofort herbei, ich bestelle koffeinfreien Kaffee und ein Stück Aprikosenrahmkuchen.
 
Der Kuchen kommt wenige Minuten später, dann aber falle ich in ein Aufmerksamkeitsloch der Bedienung. Kein Kaffee. Wie in vielen Gaststätten scheint es auch hier verpönt zu sein, Getränk und Speise gleichzeitig zu bringen. Dabei verbinde ich so gern den Geschmack von süßer Backware und bitterem Kaffee. Aber das Heißgetränk kommt nicht. Der Aprikosenrahmkuchen schaut mich an. Ich widerstehe. Er zwinkert mir zu. Ich gebe auf, lasse ihn mit meinem Mund verschmelzen und direkt auf meine Hüften wandern.
 
Vermutlich ist schon die Hälfte der Kalorien durch Warten verbrannt, als die Kellnerin mir schließlich eine Tasse vor die Nase stellt. Ich weiß, ich sollte nicht nachfragen. Aber mich reitet der Teufel.  "Ist das koffeinfreier Kaffee?" Sie macht eine Geste, die ich nicht deuten kann. Entweder heißt sie: "Keine Ahnung", "mir doch egal" oder "wir haben gar keinen koffeinfreien Kaffee, wir tun nur so". Auf jeden Fall lässt sie die Tasse stehen. Also trinke ich.
 
Kurz darauf rast mein Herz. War doch Koffein im Kaffee? Hat mich Suche nach Café-Entspannung zu sehr gestresst? Stehen da neben meinem Tisch etwa schon zwei Notärzte? Nein, es sind nur zwei neue Gäste, die darauf warten, dass ich endlich gehe und dass mein Tisch frei wird. Macht nichts. Ich habe in jeder Hinsicht den Kaffee auf. (Pia Rolfs)
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