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Die letzte Gassifahrt

Pia Rolfs verkauft nach gut 20 Jahren ihr Auto. Das tut weh.
Pia Rolfs nannte ihren kleinen grünen Flitzer liebevoll Speedy. (Foto: Rolfs) Pia Rolfs nannte ihren kleinen grünen Flitzer liebevoll Speedy. (Foto: Rolfs)
Wer sich entspannen will, muss loslassen, heißt es. Damit sind wohl Gefühle gemeint - und keine alten Autos. Aber heute versuche ich beides zugleich. Auf der letzten Gassifahrt.
 
Eine Gassifahrt bedeutet: Ich fahre meinen Seat Marbella namens Speedy, nur um ihn zu bewegen. Und diesmal ist es eine Reise in die Vergangenheit. Auch wenn die Fahrt nur 20 Minuten dauert, zur Tankstelle nach Oberursel und zurück. Da sind wir oft hingefahren, wenn seine Batterie nach wochenlangem Stehen wiederbelebt werden musste.
 
Ich drehe den Zündschlüssel, höre das vertraute Tuckern und sinnlose Warnpiepsen. Beim dritten Versuch springt er an. So gut klappte das schon lange nicht mehr. Am 27. Juli 1992  musste ich auch erst lernen, ihn zu starten. Da holte ich ihn ihn mit meinem Vater im norddeutschen Wardenburg ab, auf der kurzen Fahrt nach Oldenburg ging er mir drei Mal aus. Er war mein erstes Auto, ich war unbeholfen. Wir verstanden uns noch nicht.
 
Mit der Zeit aber wuchsen Vertrautheit und Liebe. Ich fuhr mit ihm zum Studienort, nutze ihn für etliche Umzüge. Wenn ich seine Rückbank umklappte, konnte er mehr Möbel transportieren als manch großes Auto. "Bonzenwagen" sagten wir immer zu denen, die uns überholten, wenn wir mit 120 km/h über die Autobahn zuckelten. Sie hörten es ja nicht.
 
Aber wir überholten auch! Wenn wir wieder einscherten, war es immer, als löste sich ein Pfropfen im Verkehrsfluss. Dabei holte er aus seinen 34 PS alles raus. Einmal schaffte er sogar 160 km/h. Wir hatten Rückenwind, kein Gepäck, und es ging bergab. Ein unvergessener Moment.
 
Die Jahre vergingen. Speedy brachte mich zu den Interviews für meine Diplomarbeit, zu Bewerbungsgesprächen. Er war die Konstante, der kleine Raum aus Blech, der nur mir gehörte. Ein Jahr lang lebte ich fast im Auto, als ich einer ostfriesischen Lokalredaktion arbeitete. Wir fuhren im Nebel auf Landstraßen, nachts durchs Moor, Speedy blieb niemals liegen. Ein großes Glück im Zeitalter vor dem Handy.
 
Jetzt sind wir in Oberursel angelangt. Schon Halbzeit für die letzte Gassifahrt, und ich darf noch nicht weinen. Dabei ist dieses kleine Auto eines für große Gefühle. Wir fuhren zu Hochzeiten, zu einer Taufe und zu einer Beerdigung, überbrückten eine Fernbeziehung, fanden den Beifahrer unseres Lebens.
 
Dann wurde das Fahren seltener. In der Frankfurter Innenstadt ging es mit dem Fahrrad schneller voran, Sonntagsdienste ersetzten Wochenendausflüge. Das lange Stehen bekam ihm nicht gut. Oft musste der ADAC ihn wiederbeleben. Es war ökonomisch und ökologisch unsinnig, ihn zu behalten. Aber ich widerstand sogar den Verlockungen der Abwrackprämie, konnte ihn nicht weggeben. Bis jetzt.
 
Nun gibt es einen netten Mann, der Speedy kaufen will. Ich könnte den Wagen nicht mehr durch den TÜV bringen, aber er kann ihn selbst reparieren. Danach soll sein Sohn ihn als erstes Auto bekommen. Er wird viel mit ihm herumfahren. Das wird ihm gefallen, dem Auto natürlich.
 
Zuhause angekommen, stelle ich den Wagen aus, ziehe die Handbremse an und kann meinen Tränen endlich freien Lauf lassen. Und als sie trocknen, stelle ich fest: Die Reise in die Vergangenheit hat mich tatsächlich entspannt. Nach 21 Jahren fällt der Abschied zwar schwer. Aber Speedy wird weiterleben. Ohne mich kann er es schaffen.

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