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Amok-Atmen

Von Am Ende dieser Yoga-Übung ist man erleuchtet und schlimmstenfalls tot.
Unsere Bloggerin Pia Rolfs atmet keine frische Energie ein, sondern nach Schweiß müffelnde Luft - igitt! (Symbolbild: dpa) Unsere Bloggerin Pia Rolfs atmet keine frische Energie ein, sondern nach Schweiß müffelnde Luft - igitt! (Symbolbild: dpa)
Ich muss es gestehen. Früher habe ich gelegentlich einfach so geatmet. Ganz nebenbei, selbstverständlich - und habe dabei an etwas anderes gedacht. Heute weiß ich: Das war ein Anfängerfehler. Denn der reife Mensch atmet bewusst, achtsam - und am besten unter Anleitung.
 
Im Yoga habe ich nämlich erfahren: Atmen will gelernt sein. Die Ujjayi-Atmung klingt wie ein Schnarchen, das ein Meeresrauschen sein will. Bei „Kapalabhati“, dem leuchtenden Schädel, wird stoßweise ausgeatmet. Und bei der Wechselatmung nutzt der Entspannungswillige immer nur eines der beiden Nasenlöcher, hält zwischendurch den Atem ganz an - und ist am Ende dieser anstrengenden Übung bestenfalls erleuchtet und schlimmstenfalls tot.
 
Heute aber liege ich nach einer Yoga-Stunde erschöpft auf der Matte und soll negative Energie ausatmen. "Stell dir vor, dass sie mit deinem Atem aus dir herausfließt", säuselt die Yoga-Lehrerin sanft. Ich atme die von vielen schwitzenden Frauen verbrauchte Luft tiiiiiiiief ein - und versuche dann, alle Ärgernisse zu visualisieren. Dabei komme ich allerdings ganz schön aus der Puste.
 
Denn plötzlich fallen mir alle ein, die mir heute auf den Keks gegangen sind. Ich atme den rücksichtslosen Taxifahrer weg, der auf dem Fahrradweg geparkt hat. Die Verkäuferin, die mich ignoriert hat. Beim nächsten Schnaufen verschwinden nervende Nachbarn und Kollegen. Kein Zweifel, ich atme Amok!
 
Im Umkleideraum versuche ich, meine spirituelle Erfahrung mit den anderen Kurs-Teilnehmerinnen zu teilen. Sie sehen mich seltsam an. „Wir sollten keine Menschen wegatmen, sondern nur unsere negativen Gefühle ihnen gegenüber“, belehrt mich eine von ihnen mit tiefenentspanntem Lächeln. Wenn das nicht reiche, gebe es ja auch noch die Meditation „liebevolle Güte“. Ach so. Güte! Bei diesem Gedanken verschlägt es mir fast den Atem.
 
Mit dem nächsten Atemzug atme ich langsam die Erkenntnis ein: Ich war wohl nicht auf dem Weg der Erleuchtung, sondern nur auf einem Seitenpfad. Aber mein Ärger ist trotzdem wie weggeblasen. Ich fühle mich durch meine Entspannungsfantasie erholt und fast bereit, der gesamten Welt zu vergeben. Allerdings sollte sie mich nicht mehr unnötig reizen. Denn ich bin zu allem fähig - und kann jederzeit ausatmen…

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