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Es lebe das Private!

Das Internet quillt über von Privatem. Warum eigentlich?
Dieser Text ist ein Test. Obgleich meine jüngere Tochter mich mit dramatischen Worten davor gewarnt hat. Schreib Du mal in Deiner Zeitung, hat sie gesagt, "da kann nichts schiefgehen". Aber: "Lass die Finger vom Internet. Da wird immer alles gleich privat." Nun bin ich aus dem Alter raus, in dem ich immerzu auf meine Tochter höre. Aber im Internet hat sie unbezweifelbar einen uneinholbaren Vorsprung an Erfahrung. Und deshalb hat sie auch ihre Dramen hinter sich.

Mit Facebook, zum Beispiel, muss ihr niemand mehr kommen. Tage, Wochen und vielleicht sogar Monate hat sie dort verbracht, hat täglich die Zahl ihrer Freunde vermehrt, geliked, was die Tastatur hergab - und ist irgendwann entsetzt geflüchtet, weil sie erkennen musste, wie grausam und erbarmungslos die fröhliche Community sein kann. Ein Junge, den irgendwer, vielleicht nur aus einer fiesen Laune, zum Opfer ausgeguckt hatte, wurde da öffentlich an den Pranger gestellt, mit falschen Verdächtigungen überzogen; seine hilflosen Gegenreden spornten die Facebook-Meute nur noch stärker an...

Irgendwann, als wir nicht mehr jung waren, haben wir gelernt, dass wir unsere privaten Regungen und Neigungen nur in vertrauter Umgebung offenbaren - vor allem natürlich, weil wir nicht verletzbar sein wollten. Selbstverständlich kannten wir Gestalten - die Klatschsüchtigen, die krankhaft Neugierigen, die triebhaften Hosenlatzschnüffler - die überhaupt nicht daran dachten, die Privatsphäre zu achten. Damals dachten wir, das sei eine perverse Minderheit. Und heute? Heute ist das Private anscheinend Volkssport. Auf Facebook erzählt jeder alles über sich; Beamte, Journalisten (ja, auch die!), Politiker, Verkäuferinnen, Autohändler, Banker, Schüler und Studenten waten gemeinsam im großen Teich des Seelenstriptease.

Was erhoffen sie sich davon? Mit Schaudern lesen wir, wie banal das Innenleben vieler geistiger Selbstentblößer ist. Enthüllungen über bestandene und nicht bestandene Prüfungen, Ernährungsgewohnheiten, Tante Ida, den toten Wellensittich - was gibt es uns, wenn wir derartige Belanglosigkeiten über fremde Menschen wissen? Vielleicht ist da draußen in diesem großartigen Netzwerk jemand, der mir das erklären kann, wieso sonst vernunftgeleitete, eher zugeknöpfte Zeitgenossen (oh ja, ich weiß, von wem ich rede) ihr Innerstes hemmungslos in die Welt schütten, sobald sie ihre Finger auf die Tastatur legen - wieso also im Internet immer alles gleich privat wird. Bin gespannt auf Ihre Antworten. (Rainer M. Gefeller)
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