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Mein Leben in Schanghai

Raphael Iltisberger studiert in Schanghai - und feiert dort auch den Nationalfeiertag mit den Chinesen.
Die vergangene Woche stand ganz im Zeichen des chinesischen Nationalfeiertags. Dieser wird jedes Jahr am 1. Oktober, dem Gründungsdatum der vor nunmehr 65 Jahren von Mao Zedong als kommunistischer Staat gegründeten Volksrepublik begangen. Für die meisten Chinesen ist es die einzige Gelegenheit im Jahr, weiter entfernt lebende Freunde und Verwandte zu besuchen. Entsprechend voll sind zu dieser Zeit die öffentlichen Verkehrsmittel, so dass ich mich während der freien Woche dazu entschied, einige Tagesausflüge ins Umland Schanghais zu unternehmen, weiter entfernte Attraktionen aber besser zu meiden.

Unverzichtbarer Bestandteil des Nationalfeiertags sind Feuerwerke. In Schanghai gibt es davon gleich mehrere, die in der letzten Woche an verschiedenen Tagen gezündet wurden. An jedem Tag ist ein anderes Land für die erste Hälfte des einstündigen Feuerwerks verantwortlich, bevor in der zweiten Hälfte die Chinesen an der Reihe sind. Nicht nur das Feuerwerk an sich ist sehenswert, auch die Reaktionen der chinesischen Zuschauer, die das Spektakel begeistert verfolgen, sind sehr interessant: Während manche mit lauten Rufen ihre Begeisterung ausdrücken, scheinen andere das Feuerwerk nur durch die Kamera ihrer Smartphones zu betrachten. Fraglich, ob die diversen Bilder und Videos jemals wieder betrachtet werden.

Zusammen mit einigen Freunden habe ich diese Woche Ausflüge nach Suzhou und Fengjing unternommen. Suzhou, das wegen seiner zahlreichen Kanäle auch als Venedig des Ostens bezeichnet wird, liegt nur eine kurze Zugfahrt von Schanghai entfernt. Berühmt ist die Stadt vor allem für ihre mit viel Aufwand gestalteten Gärten, die ursprünglich von pensionierten Beamten im kaiserlichen China angelegt wurde. Wir haben den „Garten des Meisters der Netze“ besucht: Hier befinden sich Felsformationen, Teiche, Teehäuser und weitere Gebäude, die dem Erbauer ursprünglich als Rückzugsort dienten.

In der Altstadt kann man wunderbare klassische chinesische Gebäude sehen, deren Eleganz uns in ehrfürchtiges Staunen versetzen. Am Abend, wenn die Straßen beleuchtet sind und zahlreiche Lampions für eine authentisch chinesische Atmosphäre sorgen, kann man sich bequem in einem der vielen Restaurants niederlassen und frische Meeresfrüchte zu sich nehmen. Zwar ist der Andrang am Tag unseres Besuchs sehr groß, doch das trägt nur umso mehr zur Atmosphäre bei. Denn warum sollte man sich im bevölkerungsreichsten Land der Erde nicht auch einmal inmitten von Menschenmassen befinden?

Deutlich ruhiger ist es hingegen in Fengjing, der „Stadt des Lotus“, das sich ungefähr eine 90-minütige Busfahrt vom Zentrum Schanghais entfernt befindet. Als wir die Stadt zum Abschluss der Ferien besuchen, begegnen wir während des ganzen Tages nur zwei anderen westlichen Touristen. Genau wie Suzhou ist auch Fengjing von Kanälen durchzogen, die wir bequem in einer Gondel erkunden. Die lokale kulinarische Spezialität, gebratene Froschschenkel, wollen wir lieber nicht ausprobieren, aber glücklicherweise ist die Auswahl an anderen Gerichten recht groß.

In einer unscheinbaren Nebengasse entdecken wir ein kleines Museum, das sich ganz den sogenannten „Mao Zedong Badges“ widmet. Hierbei handelt es sich um kleine Schilder, zumeist aus Blech oder Holz, mit dem Gesicht des einstigen Regierungschefs und Gründers der Volksrepublik. In den 1960er Jahren wurden diese Schilder an Arbeiter verteilt, oder von der Bevölkerung selbst produziert und als Zeichen der Loyalität zu Mao an der Kleidung getragen. Ein chinesischer Sammler hat die Badges gesammelt und sortiert.

An diesem Ort können wir zum ersten Mal die Verehrung, die Mao von einem Großteil der Chinesen entgegengebracht wurde, nachvollziehen. Hier beginnen wir auch zu begreifen, dass sein Erbe stark im kollektiven Bewusstsein des chinesischen Volkes verankert ist.
 
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