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Mein Leben in Schanghai

Raphael Iltisberger studiert in Schanghai - und macht heute einen Ausflug an den Hafen der Stadt.
Obwohl Schanghai direkt am pazifischen Ozean liegt, bekomme ich hier so gut wie nichts davon mit. Dennoch liegt hier der nach Umschlagszahlen größte Hafen der Welt. Grund genug, auch dorthin mal einen Ausflug zu machen. Was zunächst nach einer kurzen Fahrt klingt, erweist sich letztlich als knapp dreistündige Busfahrt, vorbei an unzähligen Wohngebieten und Geschäftsvierteln - und dann die letzten 30 Kilometer über eine Brücke bis zu einer Schanghai vorgelagerten Insel, auf der der Hafen errichtet wurde, um nicht länger von den Gezeiten abhängig zu sein.

So enttäuschend das lieblose Modell des Hafens zu Beginn unserer Führung ist, so faszinierend ist der Hafen selbst. Über mehrere Kilometer erstrecken sich die Kräne, Schiffe und Container, die in der Ferne wie ein Mosaik aus gigantischen Legosteinen wirken und dafür sorgen, dass chinesische Produkte so schnell wie möglich in alle Teile der Welt exportiert werden können.

Leider kommen nicht alle ausländischen Studenten so gut wie ich mit der chinesischen Kultur zurecht. Das manifestiert sich mitunter in einer herablassenden Art gegenüber den Chinesen, was ich sehr bedauerlich finde. Als Symptom des Kulturschocks sieht der ein oder andere die Chinesen tatsächlich als rückständiges Volk, ohne auch nur einmal die Entwicklung dieser Zivilisation, die über weite Strecken die der Europäer in den Schatten stellt, in Erwägung zu ziehen.

Sicherlich, die Sprachbarriere zwischen Deutschen und Chinesen ist mitunter ziemlich nervig, aber die mangelnden Englischkenntnisse der Chinesen mit ihrer Intelligenz in Verbindung zu bringen, wie ich es teilweise schon erleben musste, zeugt von Ignoranz und dem Unwillen, sich einmal mit einer ganz anderen Kultur auseinanderzusetzen. Auch kulturelle Unterschiede werden manchmal so umgedeutet, dass sie als Zeichen von Rückständigkeit interpretiert werden. Glücklicherweise muss ich solche Einstellungen aber nur bei einem Teil der anderen Studenten beobachten. Die meisten zeigen sich glücklicherweise sehr aufgeschlossen und wissbegierig.

Etwas anderes, was mir hier immer wieder auffällt, ist die Sportbegeisterung der Chinesen. Das trifft vor allem auf ältere Menschen zu, von denen viele jeden Morgen in den diversen Parks Schanghais – und manchmal auch einfach auf dem Bürgersteig – ihre Übungen durchführen. Besonders populär sind Badminton, gymnastische Übungen und Jogging, aber sehr häufig kann man auch Tai Chi beobachten. Hierbei bewegt man sich zumeist sehr langsam und konzentriert, jede Bewegung der Chinesen wirkt wie jahrelang einstudiert und besitzt eine starke Faszination, so dass ich manchmal einfach nur dasitzen und zuschauen möchte. Man kann den Menschen förmlich dabei zusehen, wie ihre innere Anspannung von ihnen abfällt und sie sich nur noch die Bewegungsabläufe konzentrieren, um alles um sich herum vergessen zu können.

Obwohl zumeist ohne Waffen praktiziert, habe ich auch schon einige Leute beobachtet, die ihre Tai Chi Übungen mit dem Schwert praktizieren, sowohl alleine, als auch mit Partnerübungen. Neben dem Bewahren von alten kulturellen Traditionen geht es den Chinesen sicherlich auch ganz pragmatisch darum, sich fit zu halten, schließlich gibt es kein Sozialsystem, das mit dem deutschen vergleichbar wäre, und auch das Rentensystem funktioniert nicht.

 
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