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Rote Sonne über Brandenburg

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Als Redakteur von filmportal.de kommt man nicht allzu oft aus der Redaktion heraus, und entgegen anderslautenden Gerüchten schauen wir auch nicht sämtliche Filme an, die wir in unsere Enzyklopädie eintragen - sonst säßen wir bis zum Ende der Welt hier, wahrscheinlich sogar länger. Auch der Kontakt mit Filmemachern, also jenen, ohne die unsere Tätigkeit überhaupt nicht existierte, beschränkt sich in der täglichen Arbeit auf Mails und gelegentliche Telefonate.

Umso willkommener ist eine Abwechslung wie jener Kurztrip, den ich neulich mit ein paar Kolleginnen und Kollegen anderer Abteilungen ins Brandenburgische unternahm, um den "Vorlass" (so nennt man das wohl) des längst legendären Filmemachers Rudolf Thome nach Frankfurt zu holen. 1970 hat er mit Rote Sonne – in der Hauptrolle sehr sexy und gefährlich: Uschi Obermaier - den Film zum Lebensgefühl einer Generation gedreht, und seitdem noch einiges ziemlich Wunderbares, meist sanft und leicht Dahinschwebendes, etwa BERLIN CHAMISSOPLATZ, TAROT oder, erst vor wenigen Jahren, DAS ROTE ZIMMER.

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Hoch zu Ross im LKW ging es also durch halb Deutschland in ein winziges Kaff im Nirgendwo, in Kilometern gemessen nicht sonderlich weit von Berlin entfernt, in jeder sonstigen Hinsicht auf einem anderen Planeten: Felder bis zum rundum unverstellten Horizont und hübsche, auf den ersten Blick vollkommen menschenleere Dörfer. In einem von ihnen, direkt am Dorfteich mit Kirche und Spielplatz, liegt Thomes "Vierseiten"-Bauernhof – ein Bilderbuch-Idyll, nur teilweise renoviert und andernteils in unterschiedlichen Stadien pittoresken Verfalls.

Unter Anleitung des überaus freundlichen, entspannten und unkomplizierten ("Ach, das können Sie eigentlich auch mitnehmen") Filmemachers nahmen wir eine Art "Spurensicherung" seines Lebenswerks vor. Einige Dutzend Filmkopien, aber auch Drehbücher, Drehpläne, Requisiten, Kostüme und Notizen, also die materiellen Spuren des künstlerischen Schaffens, galt es nach Frankfurt zu transportieren, um sie fachgerecht zu archivieren und zu katalogisieren. Und selbstverständlich sollen Teile dieses Bestands auch in der einen und anderen Weise der Öffentlichkeit präsentiert werden.

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Angenehmerweise hatten die Kollegen der Vorhut bereits die meiste Sortier- und Packarbeit erledigt. Doch an der Bergung von Stapeln schöner Filmplakate aus einem Speicher voller Stroh und Staub arbeitete ich noch mit. Außerdem beobachtete ich ziemlich fasziniert, wie Herr Thome aus einem alten Koffer ein paar Kostüme zog, beispielsweise eine Jacke, die Bruno Ganz bei einem Banküberfall trug, und ein neckisches, rotes und spitzenbesetztes Etwas von Hannelore Elsner.

Ob Rudolf Thome noch weitere Filme dreht, ist derzeit ungewiss. Erst kürzlich ist die Finanzierung eines neuen Projekts gescheitert. Doch immerhin ist jetzt seine Tochter Joya dran: Am Tag nach unserer Abfahrt machte sie auf dem Hof ein Casting mit Kinderdarstellern für ihren ersten Spielfilm. Und der wird zumindest zum Teil auch in jenem verschlafenen Kaff im Brandenburgischen gedreht werden, von dem wohl kaum jemand vermutet hätte, dass dort in Kisten und Koffern, im Keller und auf dem Speicher, ein beachtliches Stück deutsche Filmgeschichte und unzählige damit verbundene Geschichten schlummern.

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Übrigens: Wer an der anderen Seite dieses Ausflugs interessiert ist, an der des Filmemachers nämlich, findet in Thomes liebevoll geführtem Online-Tagebuch ein paar Einträge dazu (13.04. ff).

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