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Kinogrüße – von überall nach überall!

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(Noch fast) smartphonefreie Zone: Das Kino des Deutschen Filmmuseums. 
Bild: Uwe Dettmar (Noch fast) smartphonefreie Zone: Das Kino des Deutschen Filmmuseums. Bild: Uwe Dettmar
Neulich wurde mir etwas klar: Das Kino ist der letzte Ort auf dieser Erde, den die Hyperpräsenz  leuchtender Smartphone-Displays noch nicht vollkommen eingenommen hat. Ich meine nicht die zahlreichen Kinogäste, die bis zum letzten Moment noch eifrig Nachrichten schreiben, auf Facebook surfen, die Wettervorhersage checken oder ihre Supermarkt-Bestellungen aufgeben. Sollen sie halt machen! Und ich meine auch nicht jene Kinogäste, deren Handy mitten im Film klingelt und die davon so erschrocken sind, dass sie womöglich auch noch dran gehen. Hier handelt es sich nämlich meistens um den letzten Rest derer, die sich des kleinen Apparats in ihrer Tasche kaum je bewusst sind. Eine ganz seltene, harmlose Spezies!

Neulich jedenfalls war ich mit meiner Kollegin Sarah Hujer auf einem Konzert von AnnenMayKantereit. Für uns eine der besten Musik-Entdeckungen seit Langem, und die Menschenmassen beim restlos ausverkauften Zusatztermin in der Batschkapp geben uns Recht. Das Publikum scheint sich auf den ersten Blick ausgeglichen über alle Altersgruppen zu erstrecken. Aber plötzlich fühlen wir uns doch von Teenies umzingelt, die jede Liedzeile auswendig kennen und laut mitsingen. Nervt ein bisschen, aber der 21 Jahre alte Sänger Henning May ist ja glücklicherweise mit dieser unverkennbaren, wunderbaren Stimme eines lebensklugen und irgendwie verlebten Liedermachers – Riege Reiser – gesegnet und setzt sich mühelos durch. Während Sarah Hujer das lange Haar der jungen blonden Schönheit vor uns ins Gesicht bekommt, als diese sich einen Pferdeschwanz bindet, wedelt deren Freundin vor meinem Gesicht mit dem Smartphone herum. Und sie ist nicht die einzige.

Auch Henning May hat das längst bemerkt. Er singt „Du bist überall, nur nicht hier“ (ein Song, den mal keiner mitsingen kann) und kritisiert damit und in einer direkten Ansprache im Anschluss unmissverständlich den übermäßigen Gebrauch von Smartphones auf Konzerten. Und absurderweise gehen die Displays schon beim nächsten Song  wieder in die Höhe. Videos und Fotos in zweifelhafter Qualität werden da aufgenommen. Das entwertet nicht nur das Erlebnis eines Livekonzerts erheblich, es ist auch ungemein respektlos gegenüber den Künstlern auf der Bühne. Der neueste Schrei: die Übertragung des Lieblingssongs per WhatsApp-Voicemail an alle Freunde außerhalb der Konzerthalle. #ItsFunnyCauseItsTrue

Müssen wir diese exzessive Smartphone-Nutzung, deren Störfaktor doch ganz bestimmt so unsagbar viel höher ist als der Benefit, den wer auch immer davon haben soll, bald auch im Kinosaal fürchten? Ich könnte zum Beispiel mein Smartphone zücken um schnell ein Bild von der Vorschau zu CHOCOLAT (FR 2015, R: Roschdy Zem) zu schießen und es meiner Freundin schicken – weil sie und ich große Fans von Omar Sy sind. Oder ich nehme die kurze Sexszene zwischen der Mutter des kleinen „Junior“ und einem Nachbarn in PELO MALO (YV u.a. 2013, R: Mariana Rondón) auf. Einfach, weil sie mich in ihrer realistischen Darstellung so beeindruckt hat und ich das dann nicht mehr in eigene Worte fassen muss, wenn ich es auf Video habe. Wie bequem! Schlussendlich darf aber vor allem eines nicht fehlen.

Sorry an die Kinogäste in den Reihen vor und hinter mir, aber das kann mir jetzt keiner nehmen: ein Selfie von mir im Kinosaal, mit Frederick Lau als wunderbar dümmlich dreinschauender Schrotthändler in Max Zähles märchenhafter Komödie SCHROTTEN! (DE 2016). Das schicke ich dann an meine Kolleginnen und Kollegen, mit denen mich eine der vielen WhatsApp-Gruppen verbindet – mit den besten Grüßen aus „unserem Kino“.

Auf YouTube gibt es eine sehr schöne Playlist mit AnnenMayKantereit-Songs – ohne störende Displays und Mitsänger!
 
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