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Das Problem mit den Feelgood Movies

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Ich habe ein Problem. Seit vielen Jahren schon. Eine Art Allergie. Gegen die allermeisten Filme, die gemeinhin unter dem Label "Feelgood Movie" gehandelt werden. Allein schon diese flachsinnige Bezeichnung macht mich feel very bad! Nicht, dass sämtliche derart bezeichnete Filme schlecht wären - ganz und gar nicht. Auch große Kunst entgeht bisweilen nicht diesem Etikett. Außerdem habe ich durchaus ein Faible für humanistisches Pathos – "Alle Menschen werden Brüder!" – welches so gerne die Ziellinie solcher Filme säumt.

Doch was ich nicht ausstehen kann, ist die Aufdringlichkeit, mit der die meisten FGMs – ahhh, in dieser Form geht mir das schreckliche Wort doch gleich viel flüssiger über die Tastatur! – bei den Gefühlen der Betrachter anschaffen gehen. Mit Personal aus der Rumpelkammer der Filmgeschichte und einer Dramaturgie, wie sie Hunderte von Arthouse-Mainstream-Filmchen zuvor schon längst abgelutscht war. Mögen einzelne Konflikte im Ansatz noch lebensnah dargestellt sein, kann man sich bei deren Auflösung darauf verlassen: Jeder verbliebene Funken Glaubhaftigkeit wird in klebriger Harmonie erstickt. Ganz zu schweigen von der Musik, die bei solchen Filmen ohne Ausnahme Schmuh vom Scheußlichsten ist.

Die Strategien der Anbiederung sind bei FGMs, die keine höhere Ambition haben, als Betrachtern wohlige Gefühle zu induzieren und damit viel Geld zu verdienen, einfach zu durchsichtig. "So fühlt man Absicht und man ist verstimmt", wusste good old Feelgood-Experte Goethe schon. Auch bei handwerklich soliden und zugegebenermaßen mit ein wenig mehr Hingabe gestalteten Werken wie dem Kassenhit "Ziemlich beste Freunde" schlägt meine Allergie an. Denn das alles ist doch immer noch viel zu billig! Der wohlhabende Behinderte, der unterprivilegierte Schwarze... – erst Fremdeln, dann Freundschaft. Noch Fragen?

Lange Zeit konnte man sich wenigstens bei Dokumentarfilmen darauf verlassen, dass sie einem keine Harmonie um den Bart schmieren wollen, befassten sie sich doch meist mit sozialen Missständen, Krieg und Skandalen. Auch diese Zeit ist vorbei: Mit "Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen" (Aaaargh, schon dieser deutsche Verleihtitel...) startet jetzt der Inbegriff einer Feelgood-Doku. Nimm dir die ernsten Probleme der Welt nacheinander vor, präsentiere für jedes eine Lösung, wie sie von sympathischen, dauerlächelnden Menschen in irgendeinem schottischen oder indischen Dorf schon praktiziert wird. Verbinde dann alles mit gefälligem Popgedudel und Bildern der Filmemacher, wie sie tatendurstig und Ray-Ban-bebrillt durch herrliche Landschaften stapfen wie in einem Jack-Wolfskin-Werbespot. Und fertig ist die Weltrettungs-Wohlfühlsause. Solange die Weltrettung künstlerisch so dürftig daherkommt, ziehe ich mir lieber die x-te Apokalypse rein.
Filmisches Wohlbefinden geht doch auch anders. Etwa in Maren Ades in Cannes zu Recht umjubeltem und bedauerlicherweise mit keiner Palme bedachtem "Toni Erdmann". Keine Weltrettung oder -verbesserung, kein Glätten von Konflikten, keine Harmoniesoße aus dem Tetrapack. Eine Komödie über lauter schwierige Dinge, ein Vater-Tochter-Drama, in dem zugleich unsere ganze kaputtalistische Gegenwart aufgemischt wird, bissig, subversiv und sensibel, zugespitzt in Szenen von hyperrealistischer Absurdität, die auch sonst eher nüchternen Betrachtern Tränen der Freude wie der Pein entlocken. Kurz: ein Film, der Augen und Herz öffnet, während so viele andere Filme glauben, um unser Herz zu öffnen, müssten sie uns die Augen verkleistern. Also: Wie "Toni Erdmann" muss man das machen. Dann klappt's auch mit der guten Laune.
 

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