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Julian Rosefeldts Videoinstallation „Manifesto!“: All that is solid melts into air!

Von Papier ist geduldig – Manifeste sind es nicht. Ein Manifest, das im stillen Kämmerlein verfasst wird und anschließend in einer Schublade landet, ist kein Manifest. Seit jeher ist es Künstlern ein Bedürfnis, ihre Proklamationen vom Papier zu lösen, sie vorzulesen, hinauszuschreien. Wer die Gesellschaft, die Kunst, die Welt verändern möchte, muss sich Gehör verschaffen.
In den vergangenen 120 Jahren, seit der Übernahme dieser Textform aus der Politik (Kriegserklärung, Parteiprogramm) und ihrer inflationären Nutzung durch die verschiedenen Strömungen der klassischen Avantgarde, hat das Künstlermanifest viele Wandlungen erfahren: Von den technik- und kriegshungrigen Visionen der Futuristen über die nihilistischen Ansätze der Dadaisten ("Um ein Manifest zu lancieren, muss man das ABC wollen, gegen 1, 2, 3 wettern") bis zum öffentlichkeitswirksamen Marketinginstrument (Dogma 95). In all diesen Ausformungen sind Manifeste vor allem Grenzgänger: Sie sind verortet zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen rivalisierenden Künstlergruppen und zwischen Text und Aktion. Diese Grenzstellung, die performative Kraft von Manifesten, ist entscheidend: Die Manifeste fordern eine neue Kunstform, sind aber gleichzeitig bereits Teil von ihr. Auch der gebürtige Münchner Julian Rosefeldt ist ein Grenzgänger, ein Künstler an der „Schnittstelle zwischen narrativem Film und komplexer Filminstallation“.

Für seine 13-teilige Videoarbeit "Manifesto", die noch bis zum 10. Juli im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist, hat er unzählige Manifeste gesammelt. Er hat Ausschnitte ausgewählt und die entstehenden Puzzleteile neu sortiert. Alles ganz im Sinne der "Golden Rules of Filmmaking" von Jim Jarmusch (2002), die in einem der Videos zitiert werden: "Nothing is original. Steal from anywhere that resonates with inspiration or fuels your imagination. [...] Select only things to steal from that speak directly to your soul. If you do this, your work (and theft) will be authentic.” Die neu entstandenen Texte strotzen vor Kraft, die Übergänge zwischen Manifesten aus unterschiedlichen Jahrzehnten sind oft nicht auszumachen. Die bloßen Worte lassen die Unzufriedenheit, Wut und Hybris der Verfasser lebendig werden.
Bild-Zoom
Im ersten der 13 parallel abgespielten Videos ist der Text noch ganz bei sich, aus dem Off eingesprochen von Cate Blanchett, im Bild eine Lunte, die nach und nach orange leuchtend abbrennt. Vom zweiten Video an ist die australische Schauspielerin auch zu sehen. Im zweiten Film streift sie als obdachloser alter Mann durch städtische Ruinen und brüllt ihre Wut durch ein Megaphon in den Wind. Auf den übrigen elf Leinwänden ist es allerdings nicht weit her mit Wut und Rauheit. Die Videos sind bis aufs kleinste Detail durchkomponiert, sie sind stylisch, clean, und wirken dadurch erschreckend hohl. Selbst der trostlose Alltag einer Fabrikarbeiterin erweckt nicht den Anschein von Authentizität. Die Grenzbereiche, die die Texte ausloten, sind auf der Bildebene nicht oder nur schwach auszumachen: Die Bilder bleiben in der Gegenwart verhaftet, nichts weist in die Vergangenheit oder Zukunft. Die Gegenwart ist stilisiert, perfektioniert, durchgeplant. Konzeptkunst. Zwar gibt es in vielen der Videos eine Gruppe von Menschen, zu der die Protagonistinnen sprechen, aber immer reagieren sie höflich bis unbeteiligt auf das Vorgetragene, sie sind nicht wütend, sie stimmen den Parolen nicht lautstark zu, sie protestieren aber auch nicht – sie sind bloße Statisten. Ebenso gut könnte man die Texte durch ein Megafon in den Wind schreien. Schließlich ist auch die Grenzstellung zwischen Text und Aktion aufgehoben. Blanchett geht in ihrer jeweiligen Rolle auf und spricht ungeachtet des Textsinns wie eine Lehrerin, eine Trauerrednerin, eine Mutter beim Tischgebet. Das wirkt oft befremdlich, bisweilen sogar albern. Und immer wieder löst sich die Stimme von der Person und kommt aus dem Off. Das ist reines Rezitieren. Leidenschaft für die Inhalte? Fehlanzeige!

Der Abgrund, der sich zwischen Text und Bild auftut, ist ein Statement für sich. Die Ausstellung zeigt mitnichten, wie aktuell und revolutionär Manifesttexte heute noch sind, wie es uns der Einleitungstext zur Ausstellung und diverse Kritiken glauben machen wollen. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall: Die Ausstellung ist ein Abgesang auf die Manifestkultur. Bereits der erste Satz der Ausstellung macht dies deutlich: "All that is solid melts into air." rezitiert Cate Blanchett aus dem Off – eine eher freie Übersetzung aus dem kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels (1847/48), wo es heißt: "Alles Ständische und Stehende verdampft." Julian Rosefeldt nimmt die umstürzlerischen, kraftvollen, (mani)festen Texte und verdampft sie, setzt ihnen Bildhüllen entgegen, lässt sie als Gemurmel im Raum schweben bis jeder einzelne Satz ironisch-monoton untergraben ist und sich der Glaube an eine (künstlerische) Revolution endgültig in Luft aufgelöst hat.
 
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