Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Film-Blog: Den eigenen Augen nicht trauen

Beim Blick aus dem Fenster (jedenfalls an manchen Tagen), spätestens aber beim Blick in den Kalender ist klar: Es ist Sommer. Und was tut man im Sommer? Man fährt in den Urlaub. Also den Schreibtisch am Schaumainkai verlassen und für drei Wochen ins wunderschöne Slowenien, mit seinen habsburgerisch geprägten Städten, einem alpinen Nationalpark und dem Mittelmeer – verschiedenste Eindrücke auf engstem Raum (Slowenien – Achtung, nicht mit der Slowakei verwechseln! – ist mit gerade einmal 20.000 km² einer der kleinsten Flächenstaaten Europas).
 
Aber wie alles muss auch Urlaub wieder enden und so kommt man also frisch erholt ins Büro zurück und kommt ins Schwärmen: „Es ist einfach unglaublich schön in den Alpen dort. Und der Fluss Soca – türkisblau! Wie gephotoshopped!“
 
Wie „gephotoshopped“? Selbst wenn wir die unglückliche Verschränkung von Anglizismus und deutscher Grammatik ignorieren, wird hier einmal mehr eines deutlich: Die digitale Bildnachbearbeitung hat uns fest im Griff. Nicht nur, dass wir schon lange im Kino davon ausgehen müssen, dass das Bild, das wir auf der Leinwand sehen, unzählige Durchgänge digitaler Manipulation erlebt hat, dass Farben korrigiert, Mängel beseitigt, Gebäude hinzu- oder wegretuschiert, Monster, Geister und Ufos erschaffen wurden. Oder dass uns klar ist, dass die Porträts in Zeitschriften teilweise um Jahrzehnte verjüngte Personen zeigen, die dem massenmedialen Schönheitsideal angepasst wurden... Uns ist diese Form der „Korrektur“ derart in die Sehgewohnheit eingepflanzt, dass wir unsere eigenen Sinneseindrücke daraufhin hinterfragen. Betrügt uns unser Auge vielleicht mit einem Bildbearbeitungsprogramm? Nicht mehr „wie gemalt“ sieht etwas aus, wenn wir sagen wollen, es sei buchstäblich „zu schön, um wahr zu sein“, es ist „wie gephotoshopped“.
 
Und „zu schön, um wahr zu sein“, ist sie wirklich, die Soca, mit ihrem durch gelöste Gesteine türkisblauen Wasser. Kein Wunder, dass sie in The Chronicles of Narnia: Prince Caspian (US/PL/SLO/CZ 2008) einen Teil des Märchenlandes Narnia doubeln musste. Seine größte Berühmtheit hat der Fluss jedoch im Ersten Weltkrieg sammeln müssen. Von 1916 bis Mitte 1917 tobte hier eine der blutigsten Schlachten des Krieges, eine Schlacht, die auch den dort eingesetzten Sanitäter Ernest Hemingway für sein gesamtes weiteres Leben und Wirken prägte. So ist der so malerisch türkisblaue Fluss unter seinem italienischen Namen „Isonzo“ ein Inbegriff für Kriegsgräuel wie Verdun oder die Somme. Das filmische Denkmal der „Isonzo-Schlacht“, Karl Hartls und Luis Trenkers BERGE IN FLAMMEN (DE 1931), zeigt das Kino des Deutschen Filmmuseums übrigens am 13. Dezember dieses Jahres, da sich die Schlacht 2016 zum 100. Mal jährt. Bedauerlicherweise ist der Film in schwarz-weiß – bietet also in all dem Schrecken des Kriegsgeschehens nicht einmal den Trost der schönen Soca fürs Publikum. Wer das erleben will, muss wohl nach Slowenien reisen – denn seien wir ehrlich: Wer traut schon den Bildern in Reiseführern?
 
Zur Startseite Mehr aus Filmblog

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse