Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Film-Blog: Trash vom Feinsten

Von

Manchmal – wenn auch selten – lohnt es sich doch noch, fernzusehen. Und zwar meist dann, wenn man eigentlich gerade ins Bett gehen wollte. Und dann läuft da doch kurz vor Mitternacht noch eine Dokumentation, in der ein Türke unzählige Schallplatten mit Soundtracks amerikanischer Kinoklassiker in die Kamera hält – ROCKY (US 1976, R: John G. Avildsen), MAD MAX (AU 1979, R: George Miller), BEN HUR (US 1959, R: William Wyler) – und bisweilen verschmitzt grinsend erklärt, die hätten „sie“ alle für ihre Filme verwendet. Als nächstes berichtet ein anderer Mann auf Türkisch, „sie“ hätten ja nicht einmal Geld für ein Casting gehabt, wie hätten „sie“ da ein Orchester bezahlen sollen? Warum also nicht bereits produzierte Filmmusik recyceln? Oder ganze Action-Szenen internationaler Blockbuster, wenn das Geld für Special-Effects fehlt?

Im türkischen Kino der 1960er bis 80er Jahre wurden Filme wie am Fließband produziert. Das Fernsehen hielt in der Türkei erst in den 70er Jahren Einzug in die Wohnzimmer und die Bevölkerung strömte in Massen in die Kinos (www.remakeremixripoff.com). Da blieb weder Zeit noch Geld für ausgefeilte Drehbücher, tiefgründige Plots oder technische Raffinessen. Stattdessen wurden internationale Erfolgsfilme ausgeschlachtet: Sie wurden komplett neu verfilmt oder neu arrangiert und durch selbst gedrehte Szenen ergänzt und ans kulturelle Umfeld der Türkei angepasst. Was entstand, ist Mashup-Kino auf höchstem Trash-Niveau, teilweise an Experimentalfilm grenzend, und eigentlich genau das, was heute massenhaft auf Youtube zu finden ist. Der Dokumentarfilm, der diese Strömung des türkischen Kinos durchleuchtet, heißt REMAKE, REMIX, RIP-OFF (TR/DE 2014) und stammt von Cem Kaya, der in seiner Kindheit etliche dieser Filme aus türkischen Videotheken in Deutschland auslieh.

Ein Klassiker der Strömung ist DÜNYAYI KURTARAN ADAM (Der Mann, der die Welt rettet, TR 1982), international bekannt geworden als TURKISH STAR WARS. Der Regisseur Çetin Inanç, derjenige der in der Dokumentation vom fehlenden Geld für Casting und Orchester berichtet, verwendete für seinen Film nicht nur die Soundtracks zahlreicher amerikanischer Klassiker, für die Weltraum-Szenen bediente er sich einfach direkt beim großen Vorbild: STAR WARS (US 1977, R: George Lucas). Inanç schnitt Szenen daraus in seinen Film hinein oder verwendete sie als Rück-Projektion für Weltraum-Sequenzen. Dass DÜNYAYI KURTARAN ADAM in den türkischen Kinos laufen konnte, ohne in Urheberrechts-Prozesse verwickelt zu werden, ist den lockeren Copyright-Bestimmungen vor vierzig Jahren zu verdanken. Rechtlich geschützt waren in der Türkei ausschließlich türkische Erzeugnisse – ausländische Werke fielen nur dann unter den Copyright-Schutz, wenn die Produzenten ihre Rechte in der Türkei anmeldeten – was kaum eine internationale Firma tat.

Wenn die Regisseure sich also rechtlich nicht verantworten mussten, benötigte es dennoch bisweilen einen gewissen Anteil an krimineller Energie, um an das Material aus Amerika zu gelangen. Konnten die Soundtracks der Filme noch legal in Form von Schallplatten importiert werden, gestaltete sich die Wiederverwertung von Filmausschnitten schon schwieriger. Die ständige digitale Verfügbarkeit von Bild- und Tonmaterial heute täuscht darüber hinweg, wie schwer die Materialbeschaffung einst war. Für die Weltraum-Szenen in DÜNYAYI KURTARAN ADAM bestach das Filmteam den Wächter eines Kinos, in dem STAR WARS gerade regulär zu sehen war. Nachts entwendeten sie die Filmrollen, schnitten kurze Szenen heraus, fügten den verbleibenden Film wieder zusammen und brachten ihn ins Kino zurück. Dass Inanç für die Aufnahmen von Hieroglyphen und Sphinxen, die ebenfalls mehr oder weniger willkürlich in den Film eingefügt sind, nach Ägypten reiste, ist indessen ebenfalls nicht anzunehmen. Aber was soll´s? Nicht zuletzt dafür, dass die Mumien keine wirklichen Kostüme haben, sondern in Toilettenpapier eingewickelt sind, muss man seinen Film einfach lieben.

Remake Remix Rip-Off Trailer from MONOLIT on Vimeo.
 

Weitere türkische Remake- und Mashup-Klassiker:
BADI (TR 1983, R: Zafer Par): Ein türkisches Remake von E. T.
3 DEV ADAM (3 Mighty Men, TR 1973, R: Tevfik Fikret Uçak): Spider-Man terrorisiert Istanbul, die türkische Polizei bittet Captain America und den mexikanischen Wrestler Santo um Hilfe.
 

 

Zur Startseite Mehr aus Filmblog

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse