Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Kauen gegen Konsum!

Von
Wo ist denn die Kinowerbung, wenn man sie mal braucht? Wenn man beispielsweise an einem Samstagabend um kurz vor acht feststellt, dass aus dem gesamten Filmprogramm der Stadt einzig TONI ERDMANN (DE/AT 2016, R: Maren Ade) für den geplanten Kinoabend in Frage kommt. Und dass dieser Film um 20 Uhr in den E-Kinos läuft (mit Werbung, Anfahrtszeit 30 Minuten), um 20:15 Uhr im Cinema am Rossmarkt (ohne Werbung, Anfahrtszeit 30 Minuten) und um 20:30 Uhr in der Harmonie in Sachsenhausen (ohne Werbung, Anfahrtszeit 45 Minuten). Geblendet von den exorbitanten Zeitspannen, die im Cinestar Metropolis für Werbung draufgehen, scheinen die E-Kinos die beste Wahl zu sein. Die Bahnen fahren pünktlich, an der Kasse ist keine Schlange, alles scheint gut. Allein, die Werbung war kürzer als gedacht, gerade mal 15 Minuten müssen es gewesen sein, denn: Der Film läuft bereits seit 15 Minuten!

Das Publikum von TONI ERDMANN bietet – Arthouse lässt grüßen – vielleicht nicht die richtige Zielgruppe und Besuchermenge für ausgedehnte Werbung. Entsprechend kurz ist dann auch der Vorlauf zur aus der Not entstandenen Alternative UN HOMME À LA HAUTEUR (Mein ziemlich kleiner Freund, FR 2016, R: Laurent Tirard). Wahrscheinlich wären wir trotz Verspätung rechtzeitig zum Film gekommen, hätten wir uns von vornherein für JASON BOURNE (US 2016, R: Paul Greengrass) entschieden.

Dabei sollten sich die Werbetreibenden an ganz anderen Maßstäben orientieren als dem Filmgenre, dem Alter oder der Bildungsschicht des potenziellen Kinokonsumenten. Viel zielführender wäre – so zeigt eine Studie aus dem Jahr 2013 (Link) – die Ausrichtung am Popcorn- und Nachokonsum der Kinogänger. Drei Gruppen sahen für die Forschungsarbeit der Universität Würzburg Werbespots im Kino. Eine Gruppe aß dabei Popcorn, eine Gruppe kaute Kaugummi und eine dritte Gruppe lutschte einen Zuckerwürfel. In späteren Tests zeigte die Zuckerwürfel-Gruppe höhere Sympathiewerte für die im Kino beworbenen Produkte und eine größere Bereitschaft, diese zu kaufen. Bei den beiden kauenden Gruppen konnte dagegen kein Unterschied zwischen der Reaktion auf im Kino beworbene und komplett unbekannte Produkte festgestellt werden. Grund dafür ist, so vermuten die Forscher, dass Informationen dann besonders gut in Erinnerung bleiben, wenn sie der Rezipient innerlich „vor sich hinspricht“. Das Gehirn „simuliert“ also die Aussprache eines Wortes, etwa eines Markennamens, und aktiviert hierfür sogar die entsprechenden Teile der Mundmuskulatur. Ist diese aber mit etwas anderem beschäftigt, etwa mit dem Kauen von Kaugummi oder Popcorn, unterbleibt dieser

Effekt und die Informationen bleiben wesentlich schlechter im Gedächtnis haften. 
Die Studie bestätigt mich in meinem Vorgehen, mir im Kino durchaus Snacks zu gönnen, diese aber nach Möglichkeit bis zum Beginn des Films verzehrt zu haben. Damit verhindere ich nicht nur, durch die Suche nach der Öffnung der Popcorntüte Teile des Films zu verpassen. Ich mache mich, wie ich nun weiß, auch immun gegen die Einflüsse der Werbung. Ein starkes Argument für Popcorn im Kino – es sei denn, es gibt gar keine Werbung. So etwa im Kino des Deutschen Filmmuseums: Keine Werbung, kein Popcorn, voller Filmgenuss!
 
Zur Startseite Mehr aus Filmblog

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse