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Kinoblog: Unterwegs

Von Das Reisen, Unterwegssein ist ein Ur-Motiv des Kinos. Die Filmerfahrung selbst schickt uns auf einen Weg. Das Ziel: Unbekannt. Frauke Haß spürt in ihrem Blog-Beitrag dem wohligen Gefühl nach, nie anzukommen.
"Tschick": Wenn sich der Vorhang schließt, möchte man gleich losfahren. Foto: Mathias Bothor (Studiocanal GmbH) "Tschick": Wenn sich der Vorhang schließt, möchte man gleich losfahren.

Neulich lief in der U-Bahn die ruckzuck erwachsen gewordene Tochter von Nachbarn an mir vorbei. Sie sah mich nicht. Kein Wunder, hatte sie doch einen meterhohen Tramperrucksack geschultert und eilte auf ihre Freunde zu, die am Ende des Waggons schon warteten. Ich nahm’s nicht krumm. Stattdessen nahm ich ein merkwürdiges Ziehen in der Herzgegend wahr, einen eigenartigen Schmerz, vermischt mit Sehnsucht, und – Neid?!

Sofort rauschten Bilder durch den Kopf, Erinnerungsfetzen: Stundenlanges Warten an sonnenheißem Asphalt im Süden Frankreichs, halbe Tage an menschen- und autoleeren Straßen in Wales und Irland (ohne heißen Asphalt, aber tatsächlich einmal mit von einem Anwohner im Silberkännchen serviertem Tea), stürmische Zeltnächte an der Atlantikküste und ganz allmählich auch Eindrücke aus der jüngeren Vergangenheit, Bilder von mehrtägigen Wanderungen durch das oberbayerische Voralpenland. Die Freiheit, unterwegs zu sein, ob trampend (wie damals, ganz weit weg) oder laufend (wie heute): Wie sich die Sicht auf die Welt ändert, wie die langsame Fortbewegung (oder der Stillstand) die Wahrnehmung ändert, wie man beim Trampen einen bestimmten Straßenabschnitt, diesen einen, ganz speziellen Ausschnitt der Landschaft, sehr genau kennenlernt, wie man plötzlich die Oberfläche eines Steins am Wegesrand, das vermooste Holz eines Gartenzauns, den krummen Wuchs eines Buschs bis ins letzte Detail verinnerlicht. Unterwegs sein ins Irgendwo: Das war mit 18 ein Versprechen, ein Ticket für eine farbenfrohe Zukunft, die in überreicher Fülle vor einem lag: Jetzt würde das Leben anfangen und wir waren entschlossen, etwas Gigantisches daraus zu machen.

Ganz so romantisch sind die Gefühle heutzutage beim Wandern nicht mehr, aber immerhin: Beim Gang durch die Landschaft weitet sich die Brust und der Kopf wird frei für neue Gedanken – oder auch mal gar keine Gedanken, einfach nur sein, die Sonne im Gesicht genießen oder auch das stolze Gefühl, nach einem viele Stunden währenden Starkregen-Tag mit rutschigen Steilstellen ein kleines Abenteuer überstanden zu haben.

Was das alles mit dem Kino zu tun hat? Ich sage nur: THELMA & LOUISE (US 1991, R: Ridley Scott), EASY RIDER (US 1969, R: Dennis Hopper), PARIS, TEXAS (FR/DE 1984, R: Wim Wenders) und ganz aktuell TSCHICK (DE 2016). Was Wolfgang Herrndorf mit dem Buch bereits gelungen war – nämlich zehntausende Leser in einen von Aufbruch und Freiheitswillen geprägten Abschnitt ihres Lebens zurückzubeamen, das hat Fatih Akin mit dem Film auf eine neue und ebenso wunderbare Art auf der Leinwand entfaltet. Und wenn sich der Vorhang schließt, möchte man gleich losfahren nach Brandenburg, dahin, wo die Freiheit lockt – in den Wilden Osten.
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