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Film-Blog: Ohne Farbe, nicht farblos

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Szene aus einem Schwarz-Weiß-Film. Szene aus einem Schwarz-Weiß-Film.
Denken wir an die fernere Vergangenheit, haben wir Bilder in Schwarzweiß im Kopf. Und das ist nicht nur auf alte Filme bezogen – nein, die Welt scheint im kollektiven Gedächtnis vor ca. 1970 allgemein farblos gewesen zu sein: Willy Brandts Kniefall in Warschau – Schwarzweiß. „Ich bin ein Berliner“ – Schwarzweiß. Zerbombte Städte nach dem Zweiten Weltkrieg – Schwarzweiß. Hakenkreuze – Schwarzweiß. Soldaten mit Pickelhauben in Schützengräben – Schwarzweiß. Klar: Für alle von uns, die diese Zeiten nicht erlebt haben, sind Fotografien und Filme die einzigen Quellen – und diese waren nun einmal mehrheitlich und lange farblos.

Natürlich wurden schon in der Frühzeit des Kinos Filme Bild für Bild per Hand nachcoloriert, natürlich wurden in den USA seit Mitte der 1930er Jahren Farbfilme produziert. Disneys SNOW WHITE AND THE SEVEN DWARFS machte 1937 viel Wirbel. Flächendeckend und umfassend war diese Entwicklung freilich noch lange nicht: Obwohl von 1940 an vereinzelt auch in Deutschland Farbfilme produziert wurden, dauerte es bis weit in die 1950er Jahre, ehe die Mehrheit der Neuproduktionen farbig war. Beim Fernsehen dauerte es sogar noch länger: Der berühmte „Startschuss“ für das deutsche Farbfernsehen durch Willy Brandt erfolgte erst 1967! Und obwohl Farbfotografie schon in den 1910ern entwickelt wurde, druckten zahlreiche Zeitungen sogar noch bis in die 1990er Jahre ihre Fotos aus Kostengründen in Schwarzweiß.

Schnee von gestern wurde Schwarzweiß jedoch nie: Viele Filmemacher der Nouvelle Vague und des Neuen Deutschen Films produzierten ganz bewusst in Schwarzweiß, um sich ästhetisch abzugrenzen von den inzwischen farbenfrohen Hochglanzbildern der Filmindustrie. Später, in den 1990er Jahren, entdeckte Hollywood die „historische“ Qualität der farblosen Bilder. Ein berühmtes Beispiel ist Steven Spielbergs Holocaust-Drama SCHINDLERS LIST (US 1993). Vielleicht, weil die farblosen Bilder unbewusst eine Authentizität und Unmittelbarkeit suggerieren?

In den vergangenen Jahren scheint es geradezu eine Renaissance des Schwarzweiß-Films zu geben, wobei die „Farblosigkeit“ auf ganz unterschiedliche Weise eingesetzt wird. Als künstlerisches Element, das gleichzeitig die emotionale Distanz zwischen Protagonistin und Publikum auflöst in Noah Baumbachs FRANCES HA (US 2012), als atmosphärisches Stilmittel, das nicht nur die Düsternis der Filmwelt, sondern auch eine Kontrastfolie zu einzeln eingefärbten Elementen bildet in SIN CITY (US 2005, R: Robert Rodriguez, Frank Miller), als ultra-hochauflösende Folie für präzise Tiefenschärfe-Bilder in Nicolas Steiners Dokumentarfilm KAMPF DER KÖNIGINNEN (DE/CH 2012) oder gar als historische Hommage, wie in THE ARTIST (FR 2011. R: Michel Hazanavicius) oder auch in Tobi Baumanns DER WIXXER (DE 2004) – wo Anke Engelke Olli Dittrich ganz medienreferenziell fragt: „Warum ist denn hier alles so grau in grau?“

Auch aktuell ist ein Film im Kino, der sehr gelungen Schwarzweiß-Bilder als Stilmittel einsetzt: François Ozon verwendet in FRANTZ (FR/DE 2016) den Kontrast von farblosen und farbigen Filmbildern, um die tiefe Trauer und emotionale Zerrissenheit seiner Protagonisten aufzuzeigen, macht sich dabei geschickt aber auch die „historisierende“ Wirkung von Schwarzweiß zunutze, um das Europa des Jahres 1919 wieder aufleben zu lassen. Die Verwendung der „farblosen“ Bilder ist ganz sicher einer der Gründe, warum der Film emotional so mitreißend ist: Man erlebt buchstäblich mit, wie die Farbe aus dem Leben der Protagonisten weicht und zurückkehrt. Da hat ein Filmemacher seine Stilmittel wirklich verstanden. Und noch etwas zeigt sich hier: Die Vergangenheit mag Schwarzweiß scheinen, aber Schwarzweiß gehört deshalb noch lange nicht der Vergangenheit an.

 
Filmtipps:
FRANTZ (FR/DE 2016. R: François Ozon):
https://www.youtube.com/watch?v=6iNuy0o4jZ4
KAMPF DER KÖNIGINNEN (DE/CH 2012. R: Nicolas Steiner):
https://www.youtube.com/watch?v=c9SSavhWV7g
 
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