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Film-Blog: He's not there

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"Cate Blanchett als Bob Dylan in I´M NOT THERE (USA 2007, R: Todd Haynes)" "Cate Blanchett als Bob Dylan in I´M NOT THERE (USA 2007, R: Todd Haynes)"
Bob Dylan war seit Jahren ein ganz heißer Tipp für den  Literatur-Nobelpreis. Nun ist es so weit und die ganze Welt diskutiert, ob die Entscheidung richtig war, ob die Auszeichnung nicht besser an Donald Duck gegangen wäre (Link) und welcher Schriftsteller wohl für den nächsten Chemie-Nobelpreis nominiert wird (Link). Der Einzige, der sich aus allen Diskussionen heraushält, ist – Bob Dylan. Er ist nicht erreichbar, er hat auf einem Konzert am Tag der Entscheidungsverkündung des Nobelpreis-Komitees seine Auszeichnung mit keinem Wort erwähnt und auch ob er den Preis in Stockholm entgegennehmen wird, ist unklar. Das alles ist nur konsequent, hieß doch schon Todd Haynes´ poetische Annäherung an eine Filmbiografie über Dylan I´M NOT THERE (US/DE 2007). Bob Dylan ist nicht zu fassen, weder musikalisch noch in persona. Es wäre ihm sogar zuzutrauen, dass er den Preis komplett ablehnt – womit er sich wiederum mit einem der ganz großen Literaten verbrüdern würde: Jean-Paul Sartre lehnte den Literaturnobelpreis 1964 ab. Der Satz „Ich nehme diesen Preis nicht an“ spukt nun unweigerlich im Kopf herum, er hat sich eingebrannt ins Mediengedächtnis, aber natürlich nicht von Sartre, schließlich ist es ein deutscher Satz, gesprochen mit einem ganz charakteristischen Akzent ... ach ja, das war doch Marcel Reich-Ranicki und der Deutsche Fernsehpreis 2008 ...

Vielleicht taucht Bob Dylan aber doch noch aus der Versenkung auf, hat er doch die meisten großen Auszeichnungen, die ihm bisher verliehen wurden (diverse Grammys, ein Pulitzer-Sonderpreis, die Presidential Medal of Freedom), angenommen – wenn auch bisweilen mit ausgestellter Gleichgültigkeit. Den Oscar, der ihm 2001 für den Titelsong des Films WONDER BOYS (US/DE/GB/JP 2000, R: Curtis Hanson) verliehen wurde, nahm er ebenfalls entgegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Künstler einen Oscar ablehnt, ist aber auch verschwindend gering: In der 88-jährigen Geschichte der Academy Awards wurden mehr als 1500 Oscars verliehen und nur drei der Trophäen wurden abgelehnt: 1936 verzichtete der Drehbuch-Autor Dudley Nichols auf die Auszeichnung für das beste adaptierte Drehbuch zu DER VERRÄTER (US 1935, R: Karl Ritter). Grund war ein Streit zwischen der Screen Writers Guild und der die Oscars verleihenden Academy of Motion Picture Arts and Sciences. 1971 lehnte George C. Scott die Trophäe für seine Rolle in PATTON (US 1970, R: Franklin J. Schaffner) ab, da er nicht mit anderen Schauspielern in einen Wettstreit treten wollte. Weitaus medienwirksamer als diese beiden gestaltete allerdings Marlon Brando seine Ablehnung des Preises im Jahr 1973: Er ließ sich bei der Verleihung von der Schauspielerin Marie Cruz vertreten, die väterlicherseits von den Apachen abstammt und zur Verleihung als Sacheen Littlefeather in traditioneller Apachen-Kleidung auftrat. Sie verlas ein Statement Brandos, das seine Ablehnung des Preises und die Begründung dafür darlegte: Er kritisierte darin den Umgang der weißen Amerikaner mit der indigenen Bevölkerung des Landes im Allgemeinen und speziell die Darstellung ebendieser in Film und Fernsehen.

Besonders interessant für uns Mitarbeiter/innen der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die wir diverse Druckprodukte des Deutschen Filmmuseums zu verantworten haben, ist ein Fall eines abgelehnten Preises aus der Schweiz: Der Kanton Solothurn vergibt jährlich einen mit 20.000 Franken dotierten Kunstpreis, der 2012 an den Installationskünstler René Zäch gehen sollte. Dieser blieb allerdings aus Protest gegen die Einladungskarte der Preisverleihung fern: „Ein derart lausiges, dilettantisches Produkt habe ich seit Jahren nicht mehr in den Händen gehabt,“ wetterte Zäch. „Dass es die kantonale Administration nicht geschafft hat, eine diesem Anlass angemessene Drucksache herauszugeben und zudem bei der Gestaltung offenbar keine Sekunde an den Preisträger und dessen Arbeit denkt, ist höchst bedauerlich und zeugt von Oberflächlichkeit und Desinteresse.“ (Link) Auf der Karte waren Skulpturen eines anderen Künstlers abgebildet. Zäch kam zwar nicht zur Verleihung, den Preis und die damit verbundene Prämie hätte er dann aber doch gerne angenommen – der Solothurner Regierungsrat, der den Preis vergibt, entschied sich allerdings, das Geld auf anderem Wege Kunstprojekten im Kanton zukommen zu lassen.

Auch Jean-Paul Sartre wandte sich elf Jahre nach seiner Ablehnung des Literaturnobelpreises an das Nobelpreiskomitee und fragte, ob das mit dem Nobelpreis verbundene Preisgeld doch noch an ihn ausgezahlt werden könnte. Seine Bitte wurde allerdings abgeschlagen, da die Summe  bereits wieder in das Vermögen der Stiftung übergegangen war. 

Vielleicht sollte Dylan doch zweimal darüber nachdenken, wie er sich zum Nobelpreis verhält. Nicht immer gilt der Grundsatz: Don´t think twice, it´s alright!
 
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