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Film-Blog: Brückenschlag

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Ich war neulich in einem Kino, das sich selbst „Deutschlands größtes Multiplexkino“ nennt. Und so fühlte es sich auch an. Weniger wegen des eher an ein Schachtelkino erinnernden Saals, in dem ich MISS PEREGRINE’S HOME FOR PECULIAR CHILDREN (Die Insel der besonderen Kinder, US, GB, BE 2016, R: Tim Burton) schaute – im Original (und in 3D), was die geringe Größe des Saals ein bisschen erklärt. Sondern wegen der Länge des Weges von der Kasse in eben diesen Saal. Gefühlt: eine Viertelstunde. Das in Nürnberg verortete Mega-Kino sieht oberirdisch eher harmlos aus, wie ein verglastes kleines Café mit Kinoverkaufsschalter. Aber dann... Zum Glück hatte ich an der Kasse noch gefragt, wo dieses Studio 2 wohl sei, woraufhin mir die Dame freundlich den Weg wies. Und dann ging es – den Weißwein immer in der Hand balancierend – endlos bergab, lange Rampen hinab, dann wieder Treppen hinauf, durch ein Café, dann wieder eine kreisförmige Rampe, wieder Treppen hinab, noch eine Bar, Treppen hinauf, das zog sich endlos, bis dann am Ende einer weiteren Treppe (oder verwechsele ich das inzwischen?) endlich das Studio 2 lag. Dieses Kino muss ein verzwicktes Escher’sches Labyrinth sein, denn auf dem Rückweg zeigte sich natürlich, dass der Weg, der mir gewiesen worden war, entsetzlich umständlich und völlig unnötig war: Raus ging es – interessanterweise vorbei an einem Tanzkurs, der auf einer der unzähligen unterirdischen Ebenen stattfand – über e i n e Treppe und schwupps – ebenerdig an die frische Luft. Tim Burtons Film war ganz so, wie man es von diesem fantasyverliebten und humor-hochbegabten Regisseur erwartet: herrlich irre, fantastisch und lustig, dabei auch noch zu Herzen gehend. Ein ganz und gar rundes Kinoerlebnis, auch wenn die Leinwand noch ein bisschen größer hätte sein dürfen.

Denn nicht zuletzt die große Leinwand ist es, die das „soziale Ereignis Kino“ ausmacht: So (oder so ähnlich) nannte der Regisseur Pepe Danquart bei der Hessischen Kinopreisverleihung vergangenen Freitag in der Alten Oper das gemeinsame Anschauen eines Filmes in einem dafür vorgesehenen abgedunkelten Saal. Regisseure wünschten sich, dass ihre Filme dort, im Kino, erlebt, erfahren, durchlitten und genossen würden und nicht mittels „elektronischer Wärmflasche auf den Oberschenkeln“. Da, auf dem Laptop oder Tablet, kann man zwar durchaus auch Filme gucken, „aber mit Kino hat das nichts zu tun“. Wie Recht er hat, und zwar nicht nur, wenn der Streaming-Dienst mal wieder infolge von Überlastung versagt und der Film weniger als Film und mehr als Stop-Motion rüberkommt, sondern auch, wenn alles glatt geht. Im Kino wird Kino erst zum Kino. Was mich nicht daran hindern soll, den per Streaming angeschauten SI-O-SE POL (Die letzten Tage des Parvis K., DE 2013, R: Henrik Peschel) ans Herz zu legen: Ein sehr zarter, irgendwie liebenswürdig-überdrehter deutscher Film, in dem sich eine Deutsche und ein Deutsch-Italiener von einem sterbenden (illegal eingereisten) Iraner in Madrid die Lust am Leben lehren lassen.

SI-O-SE POL läuft am Mittwoch, 9. November, um 18:45 Uhr im (übrigens mit dem Hessischen Kinokulturpeis ausgezeichneten Kino) Orfeo’s Erben in Anwesenheit des Regisseurs Henrik Peschel.

Sollten Sie schon vorher Lust auf das soziale Ereignis Kino haben, haben Sie dazu im (ebenfalls mit dem Hessischen Kinokulturpreis ausgezeichneten) Kino des Deutschen Filmmuseums reichlich Gelegenheit: Da bieten sich etwa KIRMES (BRD 1960, R: Wolfgang Staudte) am Samstag, 29. Oktober, um 18 Uhr oder JONAS (BRD 1957, R: Ottomar Domnick) am Sonntag, 30. Oktober, um 18 Uhr an: Zwei Perlen des Adenauer-Kinos, bei denen es so schnell keine weitere Gelegenheit geben wird, sie im Kino zu genießen.
Viel Vergnügen dabei!
 

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