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Film-Blog: Zusehen, wie nichts passiert . . .

Von Jim Jarmusch stellt uns mit seinem jüngsten Werk Paterson vor eine wunderbare Geduldprobe, die uns gerade rechtzeitig ins Kino ruft: nämlich jetzt, wo wir alle beginnen, gegen den unaufhaltbaren Countdown zum Jahresende anzuhetzen.
Foto: Mary Cybulski
Paterson aus Paterson liebt Gedichte. Sein Lieblingsband ist „Paterson“ von William Carlos Williams. Außerdem liebt Paterson aus Paterson noch seine wunderschöne Frau Laura, auch, wenn die sich den Namen seines Lieblingsdichters nicht merken kann („Carlo William Carlos?“), kostspielige Selbstverwirklichungspläne hat, eine omnipräsente Vorliebe für Schwarzweiß-Muster auslebt und eine unsägliche kleine Stummelbein-Dogge namens Marvin mit in die Ehe gebracht hat. Die wird von Paterson nicht geliebt.

Tagein, tagaus fährt Paterson aus Paterson mit der Buslinie „Paterson“ zahlreiche Fahrgäste durch seine Heimatstadt im nordöstlichen New Jersey und lauscht ihren Gesprächen. In der Mittagspause sitzt er am Wasserfall des Passaic River, verspeist seinen Snack, den Laura liebevoll zubereitet hat, und schreibt einige Gedichtzeilen. Abends geht er seiner Pflicht als guter Ehemann nach und führt Marvin eine Runde spazieren, stets mit Zwischenstopp für nicht mehr und nicht weniger als ein Glas Bier in der Stammkneipe. Marvin wartet solange draußen. Laura liebt es, wenn Paterson noch am nächsten Morgen nach Bier riecht. Und sie liebt Paterson. Und seine Gedichte.

Wir Zuschauerinnen und Zuschauer sind live dabei, wenn diese Gedichte entstehen. Manche Zeilen über Streichhölzer der Marke Ohio Blue Tip müssen wir uns wieder und wieder anhören. Sie wiederholen sich genauso kontinuierlich, wie sich die alltäglichen Abläufe im Leben von Paterson aus Paterson kontinuierlich wiederholen. Ein Film mit verlässlicher Handlung, kein bisschen aufregend. Wir sehen einfach dabei zu, wie die Zeit läuft. Als Paterson aus Paterson seinen Bus mitten in Paterson anhalten muss, weil er eine Panne hat, explodiert dieser Bus nicht zu einem riesengroßen Feuerball. Er wird repariert und alles geht so weiter, wie zuvor.

Auch der aktuelle vorweihnachtliche Rummel würde Paterson aus Paterson nicht beirren. Laura hätte das Haus von oben bis unten geschmückt und würde am Wochenende schwarzweiße Weihnachtsplätzchen auf dem Markt verkaufen. Paterson würde sie für ihre schönen Plätzchen loben, und sie würde sich am Abend ein Gedicht von ihm vorlesen lassen.

Jim Jarmusch stellt uns mit seinem jüngsten Werk PATERSON (US 2016) vor eine wunderbare Geduldprobe, die uns gerade rechtzeitig ins Kino ruft: nämlich jetzt, wo wir alle beginnen, gegen den unaufhaltbaren Countdown zum Jahresende anzuhetzen. Wozu eigentlich diese Hetze? Es gibt, so hat Paterson aus Paterson es schon als Kind gelernt, drei Dimensionen: Breite, Höhe und Tiefe, wie ein Schuhkarton. Und irgendwann erkennen wir, dass es eine vierte gibt: Zeit. Und die interessiert sich nicht dafür, ob wir auf der Stelle stehen, oder rennen. Sie läuft, und läuft, und läuft . . .
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