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Film-Blog: Cui bono: Sneak

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Saroo ist auf der Suche nach seinem Bruder in LION (US/AS/GB 2016, R: Garth Davis) Saroo ist auf der Suche nach seinem Bruder in LION (US/AS/GB 2016, R: Garth Davis)
Draußen herrschen wieder Minusgrade. Ich lehne mich zurück. Langsam, genüsslich. Der Kinosessel ist bequem und lässt mich in diesem gut beheizten Saal die Witterung auf der Straße vergessen.

Was ich mir ansehen werde? Ich habe nicht den geringsten Schimmer. Sneak Preview (kurz: Sneak) heißt das Ganze in den Kinos der Republik und gehört schon seit einigen Jahren fest zum Angebot der Lichtspielhäuser. Für einen vergleichsweise geringen Preis sieht das Publikum einen Überraschungsfilm vor dem offiziellen Kinostart. Das „Risiko“ nehme ich nicht zum ersten Mal in Kauf – vom Kinderfilm, über Teenie-Komödie oder Tier-Horror, bis hin zum absoluten Blockbuster wurde mir schon einiges vorgesetzt. Ich mag Überraschungen, vor allem die guten!

Neu in Frankfurt ist allerdings eine reine Arthouse-Sneak. Das grenzt das Angebot zumindest schon mal ein wenig ein. Auch ganz böse Ausreißer in qualitativer Hinsicht sind hier vielleicht eher auszuschließen.

Auch typisch Sneak: Es gibt so etwas wie ein Rahmenprogramm mit Moderation. Immerhin diesmal ohne Gewinnspiel mit Sponsoren-Goodies und Promo-Shirts. Das Kino beschränkt sich auf eine flotte Umfrage, ob die Sneak in Zukunft in OmU oder deutscher Synchronisation laufen soll. Klarer Fall: OmU. Als Programmpunkte für künftige Abende droht der Moderator jedoch bereits mit Stand-Up Comedy und ähnlicher Bespaßung. Nach dem Film soll das Gesehene noch mit Schulnoten bewertet werden.

Der Film des Abends wird als „großer Film, der mit sechs Oscars® nominiert ist und in zwei Wochen startet“, angekündigt. Spätestens jetzt beginnt rundum das Getuschel. Auch ich überlege: vielleicht MOONLIGHT (USA 2016, R: Barry Jenkins)? Nein, der hat doch acht Nominierungen. Obwohl der gezeigte Film das Cover der Zeitschrift neben mir ziert, komme ich nicht drauf. Während der Moderator weiter redet, schweifen meine Gedanken schließlich völlig ab. Ich stelle mir die Frage: Warum überhaupt Sneak Preview?, und erinnere mich an die Worte meines ehemaligen Medienpolitik-Professors, der stets ermahnte: „Fragen Sie sich immer, wem nutzt es? Cui bono?“. Diese Frage stelle ich mir auch in diesem Moment – wem nutzt dieser Abend? Bis zum Ende der Anmoderation habe ich Zeit mir darüber Gedanken zu machen.

Meiner Erfahrung nach sind Sneak-Previews meist sehr gut besucht. Das Kino hat einen potentiell vollen Saal mit einem Film, den es eventuell später ins Programm aufnehmen möchte. Hier kommen die Filmbewertungen des Publikums ins Spiel. Sie sind eine wichtige Information, einerseits für das Kino selbst, aber vor allen Dingen auch eine Hausnummer für die Verleiher, die auf einfachem und direktem Weg eine Einschätzung erhalten, wie der Film später, wenn er im regulären Programm läuft, ankommen wird. Daneben können Sponsoren und Partner Promotion betreiben und bereits Werbeartikel für Filme, die erst viel später im Jahr laufen werden, unter die Leute bringen. Den hat das Publikum für die kommenden Monate dann schon mal auf dem Schirm und kann sich … ah, der Film fängt ja schon an.
 
Welcher Film? Gezeigt wird LION (US/AS/GB 2016, R: Garth Davis). Die wahre Geschichte über den indischen Jungen Saroo, der durch ein dummes Missgeschick der Heimat entwurzelt wird und fast 2.000 Kilometer in einem Zug durch das Land fährt. Weil es keine Möglichkeit gibt, seine Herkunft zu klären, wird Saroo von einem

australischen Paar adoptiert und wächst in Tasmanien auf. Obwohl er ein gutes und privilegiertes Leben in Melbourne führt, stürzt Saroo als junger Mann schließlich in eine Identitätskrise, die er nur durch die Erforschung seiner Wurzeln bewältigen kann. Tolle Bilder, eine schöne, wenig aufdringliche Musik. Vor allem aber ein toller Cast mit einer der außergewöhnlichsten Leistungen zweier Kinderdarsteller seit Quvenzhané Wallis als Hushpuppy in BEASTS OF THE SOUTHERN WILD (US 2012, R: Benh Zeitlin). Ab und zu schrillt in meinem Kopf jedoch auch laut die Kitsch-Alarmglocke.Insgesamt war aber es aber eine gelungene Arthouse-Sneak-Premiere. Vielleicht komme ich noch mal. Da fällt mir wieder mein früherer Prof ein: Cui bono? Mir! Mir hat es genutzt!
 
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