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Film-Blog: Schönen Urlaub oder: Die Entdeckung der Raumzeitmaschine

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Hin- und hergerissen: Die Sonne lacht  der 67. Berlinale ins Gesicht. Foto: Maurer Hin- und hergerissen: Die Sonne lacht der 67. Berlinale ins Gesicht.
Menschen reiben sich verwundert die Augen, Unruhe macht sich breit: Seit Dienstag dominiert die Sonne über Berlin und erste Frühlingsgefühle kommen  auf. Zuvor lief alles wie gewohnt: Grau und bitterkalt waren die ersten Tage der 67. Berlinale. So grau und so bitterkalt, dass die Moderatorin einer Vorstellung den Besuchern zum Film gar „Schönen Urlaub“ wünschte. Eskapismus pur?

In der Tat sind die Kinosäle des Filmfestivals Fenster zur Welt. Wir blicken hindurch wie Romantiker - sehnsüchtig in die Ferne. Die ersten zehn Filme allein führen nach Polen, Japan und Brasilien, in die Arktis und die Lombardei, nach Texas und Oberösterreich und auf die griechische Insel Santorin. Eine Weltreise in drei Tagen - wer braucht da noch einen  Flughafen?
Auch Zeitreisen sind im Programm: Das Historiendrama VAZANTE (BRA, PRT 2017) entführt mit atemberaubend schönen Schwarz-weiß-Bildern in die brasilianische Wildnis des Jahres 1821. Doch in dieser archaischen, kolonialistischen Welt möchte man trotz der Schönheit der Bilder nicht lange verweilen.

In die Zukunft geht es auf der diesjährigen Berlinale paradoxerweise mit der Retrospektive: Kôkaku Kidôtai (GHOST IN THE SHELL, JPN 1995), ein zwanzig Jahre alter, animierter Sci-Fi-Film aus Japan, katapultiert die Zuschauer ins Jahr 2029. In einer komplett vernetzten Welt terrorisiert ein Super-Hacker Japan. Ein weiblicher Cyborg macht Jagd auf ihn. Dass jedoch auch die filmische Zukunft häufig kein erstrebenswertes Reiseziel darstellt, verrät schon der Name der Retrospektive: future imperfect. Es geht hier meist dystopisch zu.

Dennoch, das Filmfestival mit seiner unglaublichen Vielfalt ist nichts anderes als eine große Raumzeitmaschine. Elf Tage lang beamen sich Besucher ähnlich wie Doctor Who in der gleichnamigen britischen Kultserie mit seiner TARDIS, einer blauen Polizeizelle mit ungeahnten Fähigkeiten, durch die Dimensionen.

Und so muss man nur ein wenig Glück und Geduld haben und bekommt schon bald den eingangs versprochenen „Schönen Urlaub“. Nach Norditalien geht die Reise, in ein Herrenhaus im Grünen. In Luca Guadagninos Film CALL ME BY YOUR NAME (IT, FR, BR, US 2017) kommt der Nachwuchsforscher Oliver (Armie Hammer) für sechs paradiesische Sommerwochen des Jahres 1983 auf den Landsitz seines Professors. Er trifft dort auch auf dessen Sohn, den 17-jährigen Elio (Timothée Chalamet).

Im ultimativen Vintage-Look wird geradelt, gebadet, gegessen und geliebt. Der Film leuchtet und strahlt in allen Farben. Er singt und tanzt und ist niemals zynisch, immer herzerwärmend. Ein grandioser Coming-of-Age-Film, der die Melodram-Ästheten Xavier Dolan und François Ozon  glatt in den Schatten stellt.
Draußen kann die Sonne scheinen wie sie will. Mindestens bis Sonntag geben sich die Besucher der Berlinale lieber dem Licht der Projektoren hin. Denn auch ihm wohnt eine schöpferische Kraft inne.
 
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