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Im Goldenen Zeitalter goldener Zeitalter

Ein Abstecher nach Prag zeigt nicht nur: Die Goldene Stadt hat nichts von ihrem Glanz verloren – sondern dank eines spannenden Filmfestivals auch, dass weite Horizonte sich lohnen.
Englischsprachige Kritiker von Kunst und Kultur lieben es, golden ages, goldene Zeitalter, auszurufen. So findet sich für fast jedes Filmgenre eines: Das Goldene Zeitalter des Westernfilms reicht von den 30ern bis in die 60er, das der Romantischen Komödie von 1989 bis 1998 – und das Goldene Zeitalter des Pornofilms von 1969 bis 1984. Mehr oder weniger objektiv (und stets etwas bedeutungsschwanger) versuchen Kritiker, die bedeutendsten Jahre eines Feldes aufzuspüren und herauszustellen.

Zu einer Binsenweisheit verkommen ist inzwischen die Erkenntnis, dass die Gegenwart das Goldenen Zeitalter des Fernsehens darstellt. Serien wie THE SOPRANOS (US 1999-2007), DEXTER (US 2006-2013), BREAKING BAD (2008-2013) und ORANGE IS THE NEW BLACK (US 2013-) geben unseren Leben nun schon seit rund zwei Jahrzehnten einen Sinn. Wohl aufgrund dieser langen Zeitspanne mögen sich kürzlich einige Kritiker des Guardian gedacht haben: höchste Zeit, eine neue Ära zu verkünden – „From Weiner to Making A Murderer: this is the golden age of documentaries.“ Das Goldene Zeitalter des Dokumentarfilms also?

Nun gut, beim internationalen Dokumentarfilmfestival „Jeden svet / Oneworld“ in der Goldenen Stadt Prag suche ich Indizien. Das Filmfest gibt es bereits seit 19 Jahren und ist eigenen Angaben zufolge das weltweit größte Dokumentarfilmfestival für Menschenrechte. In den vergangenen Tagen wurden 121 Dokumentarfilme aus 70 Ländern gezeigt.

Mit WEINER (US 2016) läuft im kleinen Kino Atlas am östlichen Rand der Altstadt sogar einer der vom Guardian gepriesenen Filme. Die Filmemacher Josh Kriegman und Elyse Steinberg werden darin mit ihren Kameras Teil des Comeback-Unterfangens vom Demokraten Anthony Weiner. Mit leidenschaftlichen Reden hatte er sich als junger, engagierter Abgeordneter im US-amerikanischen Kongress einen Namen gemacht. Zu seinem Unglück wird dieser allerdings nicht „Weiner“ wie im Deutschen ausgesprochen, sondern „Wiener“ wie die Wurst. Und diese schrullige Doppeldeutigkeit spielt eine Rolle, als er sich 2011 mit einem Skandal selbst zu Fall bringt: Per Kurznachrichtendienst Twitter teilte er eine anzügliche Nah-Selbstaufnahme in Unterhose. Weiner wurde daraufhin öffentlich als Perverser angeprangert – und als auch noch sein Sexting-Hobby durchsickert, aus Washington verstoßen.

An diesem Tiefpunkt setzt der Film ein und begleitet Weiners zum Scheitern verurteilten Weg zurück auf die politische Bühne: 2013 bewirbt er sich für das Amt des Bürgermeisters von New York. Es folgen 90 Minuten Fremdschämen, die unterhaltsamer sind als man es möchte und doch in einem wunderbaren Moment gipfeln. Den Regisseur hinter der Kamera beschleicht Reue, als Weiner nach neuerlichen Enthüllungen und einem verheerenden Wahlabend am Tiefpunkt angelangt ist: „Why have you let me film this?“, fragt er, „Wieso hast du mich all dies filmen lassen?“

Es ist ein seltener Moment von Ehrlichkeit in einer Geschichte, die ansonsten vor allem eines zeigt: wie aufgeblasen und heuchlerisch die US-amerikanische Medien- und Politiklandschaft ist.

Ob dieser Film jedoch ein goldenes Zeitalter eröffnet, wird sich zeigen. Das Prager Festival mit seinem vielseitigen Programm zeigt jedoch, dass es gut tut, den Horizont weit zu halten. Es gibt nicht nur US-amerikanisches Kino und den einen Kanon vermeintlicher Meisterwerke, sondern eben eine ganze Welt voller bemerkenswerter Filme. Darunter auch PLASTIC CHINA (CH 2017) – eine Dokumentation still und  anklagend, die ihren Blick anstatt nach oben, nach ganz unten richtet: auf ein ärmliches chinesisches Dorf, in dem Lastwagen containerweise Plastikmüll aus dem Westen abladen und Familien das recyceln, was wir wegwerfen. Dabei verdienen sie gerade genug Geld, der Schulbesuch der Kinder ist Luxus. Zwischen Müllbergen und in der verpesteten Luft holen sie sich dabei den Tod. Der Filmemacher Jiu-liang Wang wurde beim Festival dafür als bester Regisseur ausgezeichnet.

Anstatt also ein Goldenes Zeitalter goldener Zeitalter auszurufen und unseren Blickwinkel mit dieser Metapher krampfhaft eng zu halten, sollten die Augen offen bleiben für andere Perspektiven und Geschichten. Was Gold ist, strahlt nicht immer im blendenden Blockbuster-Glanz. Manches Meiserstück glänzt von innen.
 
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