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Film-Blog: Kirschkuchen oder Ahornsirup

Von Im Mai ist es soweit: Nach 25 Jahren fiebern Fans der Rückkehr von Agent Cooper & Co. in der dritten Staffel von TWIN PEAKS entgegen. Wie einflussreich David Lynchs Kultklassiker noch heute ist, zeigen zwei aktuelle TV-Serien. Damn good coffee oder doch lieber Milkshake?
Charaktere aus TWIN PEAKS (links) und RIVERDALE (rechts) im American Diner. Foto: Vanity Fair Charaktere aus TWIN PEAKS (links) und RIVERDALE (rechts) im American Diner.

Durch dunkles Synthie-Dickicht kämpft sich zielstrebig eine Klavier-Melodie zum emotionalen Höhepunkt – das Thema der Laura Palmer. Die blonde Schönheit hatte das verschlafene Nest namens Twin Peaks mit einem Zauber belegt und wurde dann am Flussufer in Plastik gehüllt gefunden.

Eine kurze Tonfolge stiftet Unruhe, Fingerschnippen gibt den Takt vor und ein sanfter Snare-Teppich senkt den Puls. Düsterer Jazz kündet in David Lynchs TWIN PEAKS (US 1990) meist vom Auftritt der bezaubernden Störenfriedin Audrey Horne.
In diesen Tagen vor 27 Jahren beglückten die beiden Damen und ihr Soundtrack zum ersten Mal die klobigen Flimmerkästen der 90er Jahre. Das kollektive TV-Gedächtnis haben sie seither nicht mehr verlassen. Gemeinsam mit fast all den Figuren von früher kehren sie nun zurück. TWIN PEAKS im Jahr 2017 – es wird ein Fest.

Doch die Kleinstadt und ihre Bewohner/innen, die stets zwischen liebenswürdig und verhaltensauffällig changieren, sind nie wirklich von der Bildfläche verschwunden. Der Geist von Twin Peaks lebte in etlichen anderen Serien als Zitat oder Referenz weiter. So auch in zwei sehr jungen Premierenstaffeln: in der (zum Glück) superheldenlosen Comic-Adaption RIVERDALE (US 2017) auf Netflix und in Donald Glovers Rapper-Dramedy ATLANTA (US 2016) des aufstrebenden US-Kabelsender FX. Diese könnten unterschiedlicher kaum sein und haben dennoch das große Vorbild TWIN PEAKS gemeinsam.

Riverdale ist die Live-Action-Umsetzung der uramerikanischen „Archie Comics“ und wie Lynchs US-(Alb)Traumwelt ein Genremix aus Mord-Mysterium und Melodram. Gekocht wird nach gleichem Grundrezept: ein High-School-Sternchen als Wasserleiche, eine Handvoll attraktiver Teenies, die herumschnüffeln, gebettet auf einer Fehde zwielichtiger Geschäftsleute. Dazu gibt es ganz, ganz viel Ahornsirup und Americana-Feeling samt Diner, Football und Bikergang.

RIVERDALE ist vor allen Dingen eines: ein postmodernes Feuerwerk. Mädchen Amick als Helikopter-Mutter Alice ist ein wandelndes TWIN-PEAKS-Zitat. Einst servierte sie als hübsche Kellnerin Shelly Johnson heißgeliebten Kaffee und Kirschkuchen. In einer Szene darf sie das natürlich auch in RIVERDALE noch einmal tun. Nicht nur TWIN PEAKS muss für den Zitier-Spaß herhalten: Die Episodentitel verweisen auf Filmgrößen wie Orson Welles, Peter Bogdanovic, Francis Ford Coppola und sogar Jean Renoir. Doch letztlich ist RIVERDALE damit kein Stück wirksamer als bunte Explosionen am Nachthimmel: leeres Spektakel für den Augenblick – nichts, das überdauern wird.

Komplizierter ist es bei Glovers ATLANTA: Diese Serie will mehr sein: mehr als bloßes Rapper-Drama, mehr als Studie eines sozialen Brennpunkts, mehr als Loser-Story – mehr als so einiges also. Im Mittelpunkt steht underachiever und College-Abbrecher Earn (Donald Glover), der trotz seines verheißungsvollen Vornamens nicht mehr als Mindestlohn verdient. Abends muss er den Bus durch die Vororte Atlantas nehmen. Mit dabei seine junge Tochter im Strampler und dicken Kopfhörern auf den Ohren. Und in so einem Moment setzt sich dann eben ein (komisch bekannt vorkommender) Hüne in Anzug und Fliege zu ihm. Er schmiert ihm ein Nutella-Brot und rät ihm: „Let the path push you like a broken branch in a river's current.“ Dann steigt er aus und verschwindet im dunklen Wald.

Mit einem schweifenden Blick für das Abseitige offenbart sich die Serie zunehmend als höchstunterhaltsame Ansammlung absurder, ja surrealer Szenen – genau als das also, was TWIN PEAKS so unvergesslich werden ließ. Es folgen unter anderem der Auftritt eines schwarzen Sängers namens Justin Bieber, eine ganze Folge in Gestalt eines fiktiven Fernsehprogramms und ein unsichtbarer Sportwagen in einem entsetzlichen Unfall.

Donald Glover selbst bezeichnet seine Serie als „Twin Peaks with Rappers“. Wer sich bis zur Rückkehr des Originals kaum noch gedulden kann, sollte sich das nicht entgehen lassen.
 

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