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Filmblog: Das Kino der Freiheit

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Neulich kam mir auf dem Zebrastreifen ein Auto entgegen. Kein kleiner Hüpfer, sondern ein großer alter Kombi, sehr raumgreifend. Am Steuer kein testosteronsgesteuerter junger Kerl, sondern ein möchtegerntestosterongesteuerter, vermutlich in den rebellischen Spät-70ern sozialisierter älterer Knacker (also so ungefähr mein Jahrgang).

Immerhin war für Fußgänger gerade Grün (und ich die einzige Person im Weg). Leider steuerte der Mann danach (es handelte sich um die Kreuzung Hans-Thoma-Straße/Schweizer Straße) nach links auf die Schweizer Straße, in die er nach rechts einbog (definitiv hatte er hier aus der Hans-Thoma-Straße kommend noch vollrot!). Ich stand und schaute und kratzte mich am Kopf: Da nahm sich einer aber ganz schön viele Freiheiten, um es einmal freundlich auszudrücken. Freiheit – atmosphärisches Motiv noch jeden Road Movies seit EASY RIDER (US 1969, R: Dennis Hopper) und THELMA & LOUISE (US 1991, R: Ridley Scott). Filme, die das Publikum liebte und liebt, und nach deren Besuch man immer mit diesem besonderen Gefühl der Leichtigkeit aus dem Kino zu schweben scheint. Getragen von einer Illusionswolke, auf der man sein Leben in ewiger Jugend in rollenden Thunderbirds auf von roten Felsen gesäumten Highways verbringt – immer auf den blauen, blauen Ozean zu... oder so ähnlich.

Dieses Gefühl des Aufbruchs, der absoluten, bedingungslosen Freiheit bringen so einige Filme aus der jüngeren Vergangenheit mit sich, abgesehen von TSCHICK (DE 2016, R: Fatih Akin), auch VICTORIA (DE 2015, R: Sebastian Schipper), AMERICAN HONEY (UK/US 2016, R: Andrea Arnold) und jüngst TIGER GIRL (DE 2017, R: Jakob Lass). Interessant dabei ist ja, dass der Wunsch nach absoluter Freiheit nicht nur mit Regelverletzung und Gesetzesübertretung einhergeht, sondern im Kino fast immer in Verbrechen, Gewalt oder verheerende Unglücksfälle mündet. Als wolle dieses Kino der Freiheit nicht nur das Glück versprechen, sondern gleichzeitig auch immer den mahnenden Zeigefinger erheben. Die schmerzhafte Moral aus der Geschicht‘ zieht bei TIGER GIRL ausgerechnet die scheinbar völlig losgelöste Tiger, die praktisch ohne Geld mit zwei Jungs auf einem (von ihnen heimlich besetzten) Dachboden lebt. Als sie die stets defensive Margarethe eines Abends ungefragt vor einem voraussichtlich fatal für diese endenden One-Night-Stand bewahrt, fragt Margarethe (noch immer betrunken): „Warum hast Du das getan?“ Worauf Tiger ihr in einer langen Litanei die Folgen aufzählt, die garantiert eingetreten wären, wäre sie nicht eingeschritten: Schwangerschaft, unglückliche Ehe, sechs Kinder, Scheiß-Wohnung in Marzahn, ein verpfuschtes Leben. Was Margarethe nicht begreift.

Doch Tiger wird im Folgenden zum Zauberlehrling, der sein „Werk“ Margarethe „Vanilla“ tauft und schon bald nicht mehr einfangen kann.

Tiger: "Du bist viel zu lieb."

Vanilla: "Hmm?"

Tiger: "Du bist die ganze Zeit so oberhöflich. Höflichkeit ist eigentlich auch so ne Art Gewalt, aber's ist 'ne Gewalt gegen Dich."

Die Lektion nimmt Vanilla leider zu ernst. Und Tiger verliert am Ende erst einmal ihre ersehnte Freiheit, genau wie Vanilla selbst, wie Thelma  und Louise (tot), Billy und Wyatt (tot), Boxer, Blinker und Sonne (tot).

Führt das Kino der Freiheit mit seiner moralischen Botschaft am Ende womöglich dazu, dass wir unser Freiheitsstreben auf eine Fahrt durch den Taunus kleinkochen? Oder noch schlimmer: Dass wir uns die Freiheit nehmen, mal ganz mutig und regelwidrig bei Fußgängergrün mit dem dicken Kombi über den Zebrastreifen zu walzen, um danach bei Vollrot über die Ampel zu fahren? (Aber nur, wenn’s keiner sieht…)? Das wäre schlimm.

Natürlich ist das Kino eine Traummaschine, aber seine Glücksversprechen sollten uns idealerweise im Alltag dazu bringen, immer das Maximale anzustreben: Peace and Freedom. Auch wenn das manchmal nur krümelweise funktioniert. Am Sonntag scheint zum Beispiel die Sonne: Machen Sie das Beste draus!
 
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