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Film-Blog: Gut Ding soll Eile haben

Von Von nächstem Mittwoch an geht es wieder rund an der Côte d’Azur: Unzählige hoch gehandelte Filme feiern Weltpremiere in Cannes. Und für uns einfaches Kinovolk beginnt dann das alljährliche Moratorium.
Hier hat das Warten kein Ende: Cristi Puius Film SIERANEVADA. Foto: Festival de Cannes. Hier hat das Warten kein Ende: Cristi Puius Film SIERANEVADA.


Auf der offiziellen Webseite des Festival de Cannes, den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, läuft ein Countdown. Exakt fünf Tage, zwölf Stunden, 50 Minuten und 27, 26, 25 Sekunden stehen dort noch auf der Uhr – dann hat das Warten ein Ende. Die Filmszene fiebert dem ersten roten Teppich entgegen. LES FANTOMES D’ISMAEL (FR 2017) heißt der diesjährige Eröffnungsfilm. Prominente Festival-Dauergäste wie Marion Cotil-lard, Mathieu Almaric und Charlotte Gainsbourg flanieren dann am Blitzlichtgewitter vorbei ins Kino, um den neuen Film zusammen mit Regisseur Arnaud Desplechin vorzustellen. Bestimmt ein ganz toller Film. Doch bis er bei uns in den Kinos läuft, vergehen wohl eher noch fünf Jahre, zwölf Monate, 50 Tage und 27, 26, 25 Stunden. . .
Denn auf die vielen Festivalfilme, die beim exklusiven Treff der Festivalbranche an der noch viel exklusiveren Mittelmeerküste Frankreichs zum ersten Mal gezeigt werden, müssen wir erfahrungsgemäß noch lange warten.

Der Gewinnerfilm im vergangenen Jahr, I, DANIEL BLAKE (UK/FR/BE 2016) von Ken Loach, lief beispielsweise erst ein gutes halbes Jahr nach seiner Premiere in Deutschland an. Zugegeben: Ende November passte er dann mit seiner Tristesse auch besser als im Sommer. Aber trotzdem: Muss das eigentlich so lange dauern?

Wenn es nach mir ginge, könnte das Motto in diesem Fall auch heißen: Gut Ding soll Eile haben!
Doch manchmal kommt es sogar noch ärgerlicher: Arnaud Desplechin, der Regisseur des Eröffnungsfilms, hatte schon vor zwei Jahren einen Film in Cannes: TROIS SOUVENIRS DE MA JEUNESSE (FR 2015) lief damals in der Quinzaine des Réalisateurs, einer unabhängigen Nebensektion, die parallel zum großen Festivalbetrieb veranstaltet wird. Ein Coming-of-Age-Drama ist das. Von den Kritiker/innen in den Himmel gelobt. „Drei Erinnerungen aus meiner Jugend“ – so könnte man den Titel übersetzen. Wurde aber nie gemacht: Mehr als der kitschige internationale Verleihtitel MY GOLDEN DAYS wurde es nicht – trotz Auszeichnung und Lobeshymnen hat es der Film nie zu uns geschafft. Aus Vorfreude auf Cannes wird: En attendant Cannes – Warten auf Cannes.

Doch zum Glück gibt es auch etwas kleinere Filmfestivals als das große Cannes. Das Filmfest München Ende Juni oder das Filmfest Hamburg Anfang Oktober zeigen schon etwas früher viele der heiß erwarteten Beiträge aus den großen vier Festivals: Berlin, Cannes, Venedig und Toronto. Ein Besuch lohnt sich (eigentlich) immer.

Eine Wartezeit, die wie bei Ken Loachs Film im vergangenen Jahr begonnen hatte, ging vor knapp zwei Wochen dank eines weiteren Festivals zu Ende. Auf dem goEast in Wiesbaden, das sich auf mittel- und osteuropäischen Film spezialisiert, wurde Cristi Puius SIERANEVADA (RU/FR/BA/HR/MK 2016) gezeigt. Noch einer dieser hoch gebenedeiten und mit Preisen übersäten Filme aus einem Cannes-Wettbewerb. Fast ein Jahr nach der Weltpremiere hatte also auch ich armes Würstchen, letztes Glied einer scheinbar endlos langen Kino-Nahrungskette, die Chance, den Film zu sehen.
Und was für eine Qual war das: Da wartet man so lange auf einen Film, und wird dann ironischerweise damit belohnt, einer Familie beim Warten zuzusehen –drei nervenzehrende Stunden nur Warten. Der Familienvater ist gestorben und die Angehörigen finden sich in der viel zu engen Wohnung ein, um Abschied zu nehmen. Es soll Leichenschmaus gehalten werden. Doch ganz buñuelesk will und will das nicht hinhauen mit dem Abschiedsessen: Erst lässt der Priester auf sich warten, dann ist der Trauer-Anzug zu weit und muss umgenäht werden. Plötzlich steht die Jüngste der Familie mit der Ins-Koma-gesoffenen Freundin vor der Tür. Und dann poltert auch noch der cholerische Onkel, der seine Frau mit notorischem Fremdgehen in den Wahnsinn treibt, in die Wohnung.

Der liebevoll gedeckte Tisch samt Tellern, Schüsseln und Weingläsern muss unterdessen warten.

Selten hatte ein Film wohl einen so festen Griff um die Hälse seiner Zuschauer/innen und hat derart skrupellos mit beiden Händen nicht von seinem Opfer abgelassen. Regelrecht erdrosselt wird man im Kinosessel von der Klaustrophobie der winzigen und komplett überfüllten Wohnung. Von den ewigen Streitereien und den immer gleichen halbnahen Kameraein-stellungen.

Auch so kann es einem also ergehen beim Warten. Da nützt all die Ungeduld nichts.

 

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