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Film-Blog: Früchte der Freude

Von Mit SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES läuft diese Woche deutschlandweit eine kommunistische Komödie an. Regisseur Julian Radlmaier übernimmt darin selbst eine Hauptrolle. Erinnerungen an einen großen Roman werden wach.
Foto: Grandfilm
In Oklahoma wächst endlich wieder was! Die Zeit der Dürre ist vorbei. Wohin man blickt, hängen Äpfel. Saftig rot glänzen sie in den Baumkronen, wollen gepflückt und verputzt werden. So sieht’s aus in Julian Radlmaiers Film SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES (DE 2017). Fleißige Arbeiterhände müssen her für die Saisonarbeit.

In John Steinbecks sozialistisch gefärbtem Jahrhundertroman Grapes Of Wrath (Früchte des Zorns), aus dem Jahr 1939, war das noch anders. Trockenheit, Großgrundbesitzer und Bulldozer terrorisieren darin die Bewohner von Oklahoma. Die Farmerfamilie um Tom Joad muss ihre Heimat verlassen. Der Roman erzählt die selbstzerstörerische Leidensgeschichte der Familie auf ihrem Weg quer durch die Vereinigten Staaten nach Kalifornien. Dort erhofft sie sich Arbeit auf paradiesischen Pfirsich-Plantagen. Doch was sie findet, ist Armut und Ausbeutung. Und irgendwann schlägt die große Depression in Zorn um.

Wenn es nun aber nach Julian Radlmaier ginge, könnten die Joads nach all den Jahren nun den Rückwärtsgang einlegen und von Kalifornien aus in die Heimat zurücktuckern.

Denn in SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES künden an allen Ecken Berlins Plakate von den neuen Möglichkeiten in Oklahoma. Nachwuchs-Regisseur Radlmaier, der sich im Film selbst spielt, könnte einen Neustart gut gebrauchen: Eine Idee für einen Film fehlt ihm genauso wie Fördergeld – und Glück in der Liebe hat er auch keines. Das Arbeitsamt schickt den bemitleidenswerten Berliner Filmemacher kurzerhand auf eine Obstplantage zum Äpfelpflücken in Oklahoma.
Doch wie sich herausstellt führen die Plakate nicht in den US-Bundesstaat. Es ist lediglich der Name eines Hofes in der deutschen Provinz. Und auch hier würden die Joads aus dem Roman ihr Glück nicht finden. Denn wie im Original diktieren auch im deutschen Oklahoma eine Großgrundbesitzerin und der Weltmarkt erbarmungslos die Arbeitsbedingungen. Der Filmemacher auf Abwegen gerät in einen zusammengewürfelten Haufen, der schon bald genug hat von den ausbeuterischen Strukturen.

Doch obwohl Filmsoundtrack und die Figuren immer wieder enthusiastisch die Internationale anstimmen und obwohl Julian und seine Pflückgenossen  einen „Kommunismus ohne Kommunisten“ ersinnen, bringt der Arbeitskampf nicht die erhoffte Revolution.

All das ist so wunderbar aufgesetzt gespielt und als Film-im-Film erzählt, dass das Trauerspiel  schmunzeln lässt.  Ein zweifacher Schluss nimmt dem Ganzen dann noch die letzte Ernsthaftigkeit.

Einen derart unterhaltsamen doppelbödigen Kampf gegen Windmühlen hatte zuletzt Aaron Lehmann mit Kohlhaas oder die Verhältnismässigkeit der Mittel (DE 2012) inszeniert. Darin wird aus einer Low- über Nacht eine No-Budget-Produktion. Und  Kleists Geschichte vom rebellierenden Bauern muss mithilfe der Dorfgemeinschaft improvisiert werden. Wie Radlmaiers Selbstkritik war auch dieser ein Filmhochschul-Abschlussfilm – wenigstens ein System, das Früchte trägt!
 
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