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Filmblog: Auf ins wilde Ungewisse

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Seltsame Stille herrscht zurzeit bei der Arbeit. Viele sind im Urlaub, ein paar krank. Etliche größere Veranstaltungen grad vorbei. Das Wetter: trüb. Die Tage: immer kürzer. Da setzt man sich am Wochenende in einen Film. Und sieht: gelbe, südfranzösische Strände mit knallbunten Sonnenschirmen und rotbraunen Menschen, dunkelblaues Meer, gleißende Sonne.

Einen glitschigen Steg und darauf einen pechschwarzen Hund, der einem Mädchen kalte Pommes wegfrisst. Und plötzlich regt sich da so ein Gefühl: Sehnsucht.
 
AVA (FR 2017) ist in diesem Jahr der Gewinnerfilm von LUCAS, dem Kinder- und Jugendfilmfestival, das letzte Woche seine 40. Ausgabe feierte. Das Debüt der Französin Léa Mysius erzählt von einem dreizehnjährigen Mädchen, das allmählich sein Augenlicht verliert und in diesem Sommer am Atlantik unheimlich viel Neues entdeckt. Teenagermäßig mault sie zu Beginn des Films über ihre Krankheit: „Das schlimmste ist, dass ich bisher überhaupt nur Hässliches gesehen habe“ und meint damit natürlich vor allem ihre nervige Familie: die jugendlich-aufgekratzte Mutter und die plärrende Säuglingsschwester, die gehütet werden soll, während Mama mit einer Strandbekanntschaft unterwegs ist.
 
Und damit ist der Rahmen gesetzt für das, worum es in diesem ziemlich bildgewaltigen Film geht: Augen auf und marschiert ins wilde Ungewisse. Die Augen, ja die werden ihr bald versagen, deshalb macht sich Ava daran, ihre anderen Sinne zu schärfen und übt mit dem entführten pechschwarzen Hund das Laufen mit verbundenen Augen – auf Mauern zum Beispiel, die metertief abfallen. Und dann erst all die anderen Sinne, die es noch zu entdecken gibt … Wir erleben mit ihr einen geradezu schmerzhaft schönen letzten Sommer, der vom Licht satter Sonnentage, leuchtend blauer Dämmerungen und Lagerfeuern in schwarzblauer Dunkelheit durchflutet ist.
 
Der Film hinterlässt ein ziependes Gefühl von Tagen, die nicht mehr zurückkehren und vom mutigen Aufbruch nach vorne, ohne zu wissen, wohin.
Bilder und Figuren bewegen sich in einer brutalen Atlantikhitze, in der große Probleme sehr nah an großen Abenteuern liegen und Regeln nicht so wichtig sind.
Und da ist es wieder, das Gefühl, das so schön in die herbstliche Stille platzt: Sehnsucht nach Sommer! Sehnsucht nach Hitze, Freiheit und Abenteuer!
 
Also raus aus den Alltagszwängen und … was, eine Nacktparty à la TONI ERDMANN (DE/AT/MC 2016, R: Maren Ade) schmeißen? Vielleicht nehme ich mir auch ein Beispiel an Opa Royal in THE ROYAL TENENBAUMS (US 2001, R: Wes Anderson) – einem meiner absoluten Lieblingsfilme – und nehme meine kleinen Neffen zum Klauen, Wasserbomben schmeißen und Trittbrettfahren auf Müllwägen mit. Eines animiert dazu jedenfalls ungemein: Paul Simons Soundtrack Me & Julio Down By The Schoolyard: “It's against the la-haaaw. It was aga-aainst the law. What the mama saw, it was against the law!”
 
Es wird warm, wärmer. Was aber noch fehlt, ist Sommerhitze. Dazu ein bisschen Anarchie, eine ordentliche Portion Absurdität, jede Menge Blasinstrumente – ein Fall für Emir Kusturica. So ein „Zigeunerleben“ wie in SCHWARZE KATZE, WEIßER KATER (DE/FR/YU 1998), das wär mal was, oder?
 
Wenn die nächsten freien Tage für ein Reiseabenteuer in den Balkan jedoch zu weit weg sind, dann haben wir zum Glück noch Filme. Als Inspiration, und manchmal auch als echtes Abenteuer im Kinosessel.
Auf filmische Reisen in den Süden kann man sich jedenfalls auch in der kälteren Jahreszeit freuen. In genau drei Wochen beginnen zum Beispiel die Días de Cine und zeigen ein Wochenende lang aktuelles Lateinamerikanisches Kino. Ihr wisst, wo ihr mich findet …
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