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Film-Blog: Filmgenuss in vollen Zügen

Was macht Züge zu den besten Schauplätzen für Filme? Wes Anderson sagte über die Idee zu THE DARJEELING LIMITED (US 2007): “I’d always wanted to make a movie on a train because I like the idea of a moving location. It goes forward as the story goes forward.” Klar. Zeit und Raum sind in Zügen aufs Engste verbunden und machen den Zug quasi ganz von allein zum Träger einer Erzählung.

Das merkt man ja selbst, wenn man – wie ich gerade – im Zug sitzt und die Landschaft oder die anderen Menschen beobachtet. Man fährt irgendwo los und kommt irgendwo an, und dazwischen liegt ganz oft eine Geschichte. Eine Begegnung oder auch ein Gedanke, die während der Fahrt ihren Lauf nehmen und dafür sorgen, dass man nicht nur physisch, sondern auch, sagen wir, philosophisch „weitergekommen“ ist.

Der Zug ist ein Ort voller Gegensätze, irgendwie aufregend als solcher. Stillstand und Bewegung, Enge und Weite, Drinnen und Draußen und auch Privates und Öffentliches berühren sich hier permanent. Perfekte Bedingungen für rasante Handlungsentwicklungen: Komödiantische Verwirrspiele wie in SOME LIKE IT HOT (US 1959, R: Billy Wilder) – Vorhang auf, gefühlt dreißig Frauen in den Schlafwagen, Vorhang zu – nehmen in Zügen genauso ihren Lauf wie einige der besten Verfolgungsjagden, die man aus etlichen JAMES BOND-Filmen kennt.

Das ist die eine Seite des Spektrums. Die andere sind schönste Momente der Beobachtung, Begegnung und des Gesprächs zwischen Fremden. Man ist gleichzeitig losgelöst von der Bestimmtheit bekannter Orte und doch mittendrin, im Leben. Das Unterwegssein schickt auch die Gedanken auf die Reise. Also, wo sonst kann man so gut über Gott und die Welt reden wie in einem fahrenden Zug? Kein Wunder, dass die Geschichte von Jesse und Céline in BEFORE SUNRISE (US 1995, R: Richard Linklater) auf einer Zugfahrt beginnt (auch noch von Budapest nach Paris, Romantik!). Nach so ein paar Stunden philosophischen Gesprächs ist der Schritt ganz klein, in Wien auszusteigen, den Tag und schließlich sogar die Nacht miteinander zu verbringen, oder?

Aber auch ganze Gesellschaftspanoramen sind schon in Zügen entworfen und diskutiert worden. Wie meisterlich lässt Tolstoi in seiner Kreutzersonate die verschiedenen Standpunkte, Generationen, Geschlechter, Schichten in Dialog treten! Das ist es doch, nebenbei bemerkt, bei „den Russen“ (ich rede von der Literatur), dass sie das Wesen der Dinge so auf den Punkt bringen können, dass es zeitlos und für immer gültig scheint. Verfilmt hat das Ganze unter anderem Éric Rohmer (LA SONATE À KREUTZER, FR 1956), muss ich mir mal anschauen…

Dann ist da die Architektur der Züge. Monster aus Metall und Kunststoff mit ihrer eigentümlichen und ökonomischen Anordnung aus Aufenthaltsbereichen, Gepäckablagen, unmöglich schmalen Gängen, sanitären Anlagen, Restaurants, Waggonzwischenräumen. Jeder einzelne davon erzählt schon durch seine Funktion eine eigene Geschichte. Das Gepäck, das mit fremder Hilfe hochgehievt oder mit diebischen Augen beobachtet wird. Die Gänge, in denen sich angerempelt, verfolgt, oder – in alten Tagen - rauchend nebeneinander gesellt wird. Waggonzwischenräume und die Übergänge aufs Zugdach, natürlich beliebt für Schießereien und Handgemenge. Eisenbahnen, allein das Wort! Von außen gefilmt, machen vor allem Dampfloks auf Brücken durch grüne Täler etwas her – deshalb auch heute noch unabdingbar für die Fahrt nach Hogwarts in sämtlichen HARRY POTTER-Filmen. Und die Abteile selbst – das Herzstück der Filmzüge. Auf langen Zugfahrten – wie in SHANGHAI EXPRESS (US 1932, R: Josef von Sternberg) oder THE DARJEELING LIMITED (US 2007, R: Wes Anderson) erhalten sie die Eigenschaft von Privatgemächern samt liebevollster Inneneinrichtung, in denen man sich besuchen oder auch bewusst allein zurückziehen kann.

Wäre da nur nicht die Anfälligkeit für Straftaten, die Zügen ebenso anhaftet… Von der realen und traurigen Gefahr der Schienen, von Schmuggel und Diebstahl mal abgesehen, wird in Filmzügen ungemütlich viel gemordet. Wenn man sich wie der Geschäftsmann Ratchett etwas Schwerwiegendes hat zuschulden kommen lassen und das Pech hat, mit allen Betroffenen in einem Zug zu sitzen, kann es im Film schonmal zum 12-fach Mord im Orient-Expreß (MURDER ON THE ORIENT-EXPRESS, US 1974, R: Sidney Lumet) kommen. Bleibt zu prüfen, ob sich die Neuverfilmung von Kenneth Brannagh (2017) lohnt… Da Züge aus irgendeinem Grund auch fantastisch zu Weihnachten passen (alle sind selbst mit Zügen unterwegs) – warum nicht?

Achso, was gab es bei der ersten öffentlichen Kinovorstellung aller Zeiten zu sehen? Eine Zugfahrt auf Film – radikaler Angriff auf die Begrenzung der Leinwand: DIE ANKUNFT EINES ZUGES AUF DEM BAHNHOF IN LA CIOTAT (FR 1895) der Brüder Lumière. Besucher/innen verließen angeblich fluchtartig das Café, in dem die Vorführung stattfand, weil sie glaubten, der Zug rase wirklich auf sie zu.

Filmgenuss in vollen Zügen!

Trailer THE DARJEELING LIMITED

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