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Film-Blog: Der Charme der Kleinstadt

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Mit drei großen Werbetafeln macht Mildred Hayes auf den ungeklärten Mord an ihrer Tochter und die untätige Polizei aufmerksam. Mit drei großen Werbetafeln macht Mildred Hayes auf den ungeklärten Mord an ihrer Tochter und die untätige Polizei aufmerksam.

Am Straßenrand stehen drei überdimensionale, heruntergekommene Werbetafeln und künden von vergangenen Zeiten -  schemenhaft ist noch eine Werbung für Windeln zu erkennen. Ein einsames Auto fährt die verlassene Straße entlang. Dazu singt eine glockenhelle Stimme den irischen Klassiker „The Last Rose of Summer“.

Im verschlafenen Ebbing, Missouri scheint die Welt noch in Ordnung. Jeder kennt jeden. Die Bürger der Kleinstadt sind selten Zeugen ungewöhnlicher Ereignisse, die über die  alltäglichen Kneipenschlägereien hinausgehen. Daher ist auch niemandem die Tragödie um Angela Hayes entgangen. Die junge Frau aus Ebbing wurde auf dem Heimweg vergewaltigt und ermordet.

Die Polizei hat nie große Anstrengungen unternommen, den Täter zu finden  und Monate nach der Tat scheint die kleine Ortschaft wieder zur Tagesordnung überzugehen. Die Polizisten Ebbings frönen derweil dem Alkohol und drangsalieren die afroamerikanische Minderheit des Ortes.

Mildred Hayes, die Mutter von Angela, ist nicht bereit, das zu akzeptieren. Sie rückt den Mord an ihrer Tochter mithilfe der drei Werbetafeln, die auf die mehr als schleppende Arbeit der Polizei hinweisen, wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit und fordert die Aufklärung des Falles.

THREE BILLOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI (US/UK 2017) heißt Martin McDonaghs neuester Film, in dem sich eine furiose Frances McDormand mit den Gesetzeshütern (Woody Harrelson und Sam Rockwell) anlegt.

Wie schon in seinem ersten Langfilm IN BRUGES (UK 2008), der in der Altstadt Brügges spielt, nutzt McDonagh die Überschaubarkeit der Kleinstadt Ebbing, um eine dichte Atmosphäre zu schaffen, in der die  Charaktere geradezu zwangsläufig miteinander interagieren müssen.

Auch andere Regisseure nutzen den „Kleinstadt-Charme“, um diese ganz spezielle Intensität zu entwickeln. In A HISTORY OF VIOLENCE (US 2005) erzählt David Cronenberg die Geschichte des Diner-Betreibers Tom im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Dessen dunkle Vergangenheit droht ans Tageslicht zu kommen, als zwielichtige Personen in der Kleinstadt Midrock auftauchen. Prompt gerät sein bisheriges Leben  gefährlich ins Wanken.

In Jordan Peeles Horrorthriller GET OUT (US 2017) soll der dunkelhäutige Chris endlich die Eltern seiner weißen Freundin Rose kennenlernen. Der Wochenendausflug in den ländlichen Mikrokosmos einer US-amerikanischen Vorstadt entpuppt sich schnell als Spiel um Leben und Tod, denn Chris muss feststellen, dass die Bewohner des Ortes einer wahnhaft-rassistischen Sekte angehören.

Vor allem die Coen-Brüder scheinen eine Vorliebe für das Kleinstadt-Setting zu haben. Ob das verschneite Fargo im gleichnamigen Film, mit einer wiederum grandiosen Frances McDormand, West-Texas in NO COUNTRY FOR OLD MEN (US 2007) oder die Vorortsiedlung, in der Physikprofessor Larry Gopnik in A SERIOUS MAN (US 2009) mit seiner Familie den Alltag bestreitet– kleine Ortschaften sind regelmäßig Schauplatz ihrer Filme.

Den Anschein einer heilen Welt im Kleinstadt-Idyll scheinen die Regisseure zu nutzen, um ihre Geschichten, die oft von Gewalt und Brutalität erzählen, umso stärker zu kontrastieren und die oberflächlich stabile Fassade, hinter der sich ihre Figuren verstecken, zum Bröckeln zu bringen. Wenn die vermeintliche Unschuld der kleinen Ortschaften fällt und die Gewalt sich Bahn bricht, verwischt oft auch die Grenze zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht. Das Leben in der Großstadt erscheint dann gar nicht mehr so rau, so schmutzig, so kriminell. THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI startet in den deutschen Kinos voraussichtlich am 25. Januar: genug Zeit sich – zum Beispiel mit anderen Kleinstadt-Filmen – schon mal einzustimmen.

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