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Film-Blog: Kleiner Streifzug durch das polnische Kino

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Filmstill aus "Sirenengesang" Filmstill aus "Sirenengesang"

Wer ist die Golden-Globe-gekrönte, House Of Cards drehende Regisseurin von Filmen wie BITTERE ERNTE (1985), HITLERJUNGE SALOMON (1990) oder der DER GEHEIME GARTEN (1993), die für ihren neuesten Film gerade den Alfred-Bauer-Preis auf der Berlinale erhielt? Agnieszka Holland. Nicht nur eine der erfolgreichsten europäischen Regisseurinnen, sondern auch eine der wichtigsten Figuren des (neueren) polnischen Kinos. Für etliche herausragende Filme ihrer teils noch berühmteren männlichen Kollegen Andrzej Wajda, Krzysztof Kieslowski, Ryszard Bugajski und andere schrieb sie die Drehbücher, darunter den „blauen“ Teil der wunderbaren DREI-FARBEN-Trilogie (1993). Ihr Handwerk lernte sie zunächst bei Andrzej Wajda und Krzysztof Zanussi, und lieferte mit EINE ALLEINSTEHENDE FRAU (1981) ein Schlüsselwerk der polnischen Vorwendezeit, bevor sie aus Polen emigrierte.

DIE SPUR (2017) ist ihr neuester Streich, eine Art ökofeministischer Thriller, der erneut eine „alleinstehende Frau“ in den Mittelpunkt rückt: Die pensionierte Ingenieurin und Hobby-Astrologin Janina Duszejko geht darin auf eigene Faust einer Mordserie an Jägern des kleinen Sudetendorfes nach. Der Bären-Gewinner ist von Januar an auch in deutschen Kinos zu sehen.

Trailer DIE SPUR:

 

Europäische Geschichtenerzähler

Ja, polnische Filme sind nicht nur, aber auch, große Erzähler deutsch-polnischer und europäischer Geschichte, zeigen den Blickwinkel auf gemeinsame Vergangenheit quasi aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Wajda-Filme von DER KANAL (1957) über ASCHE UND DIAMANT (1958) und EINE LIEBE IN DEUTSCHLAND (1983, Drehbuch: Agnieszka Holland) bis hin zu DAS MASSAKER VON KATYN beackern meist historische Themen, allen voran den Zweiten Weltkrieg. Das unvergessliche Porträt eines berühmt gewordenen Warschauer Häuserblocks und einer ganzen Gesellschaft im Umbruch erzählt hingegen Kieslowski in den zehn Episoden seines Meisterwerks DEKALOG. Aber polnische Filme begeistern natürlich auch durch ihre visuelle Gestaltung und faszinierenden Figuren. Wer mal eine polnische Hochzeit als surrealen farb-, rhythmen- und klang-berauschten Ritt quer durch polnische Nationalmythen sehen möchte, der sollte sich Wajdas meisterhafte Theaterverfilmung DIE HOCHZEIT (1972) anschauen.

 

Mit Rührei verführt

In den 1960er Jahren begannen polnische Regisseure, sich privateren Themen zuzuwenden.

Zu den absoluten Wahnsinns-Filmen, unfassbar scharf in schwarz-weiß realisiert, zählt für mich Roman Polanskis psychologische Dreiecksgeschichte DAS MESSER IM WASSER (1962), nach Meinung Wajdas der „Beginn des neuen polnischen Kinos“. Einen Wajda muss ich auch noch nennen, weil DIE UNSCHULDIGEN ZAUBERER (1960) nun mal wunderbar diese neue Generation junger Pol/innen in Szene setzt. Aus der Liebesgeschichte zwischen Jacek und „Pelagia“, die einen Tag und eine Nacht miteinander verbringen, blieb mir besonders die Szene in Erinnerung, in der Jacek in seiner kleinen Einzimmerwohnung ein morgendliches Rührei zubereitet, und dabei versucht, nicht verliebt zu wirken.

 

Männerfressende Meerjungfrauen

Im aktuellen polnischen Kino kommt man an einer nicht vorbei: Malgorzata Szumowska verhandelt in ihren Filmen auf absolut unterhaltsame Weise Beziehungsmodelle und Themen, die im heutigen Polen sehr kontrovers diskutiert werden. Abtreibung und (Homo)Sexualität beispielsweise. Der eigene Körper ist dabei häufig ein Ort der Auseinandersetzung mit der Welt. Nach LEBEN IN MIR (2004), IM NAMEN DES… (2013) und BODY (2015), ihrem schwarzhumorigen Film über eine magersüchtige junge Frau, die sich einer exzentrischen Therapeutin mit den Fähigkeiten eines Mediums anvertraut, ist ihr neuestes Projekt TWARZ (FACE) schon in der Pipeline…

Exzentrisch ist auch einer der polnischen Filme, die mir in jüngster Zeit am meisten Spaß gemacht haben: In einer gruselig-poppig-verrückten Mischung aus düsterem Märchen und schriller Hommage an die wilde 1980er-Jahre Nachtclubszene treiben blutrünstige Meerjungfrauen (Symbol der Hauptstadt) in Warschau ihr Unwesen. SIRENENGESANG (2015) ist das Spielfilmdebüt von Agata Smoczynska – to be continued …

 

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