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Film-Blog: Dahoam is dahoam

Von Zum Weihnachtsfest fahren viele nach Hause: der perfekte Moment – mag sich CSU-Shooting-Star Markus Söder gedacht haben –, um ein neues Filmfestival anzukündigen, dass die Heimat ins Zentrum stellt. Braucht’s das?
Der Mann der Stunde: CSU-Politiker Markus Söder steht gerne im Mittelpunkt – auch vor der Kamera. Foto: BR Der Mann der Stunde: CSU-Politiker Markus Söder steht gerne im Mittelpunkt – auch vor der Kamera.


Ja, is denn heut schon Weihnachten?! Für den Bayern der Stunde, Markus Söder (CSU), muss es sich wenige Tage vor dem großen Fest so anfühlen. Denn am Wochenende wurde er auf dem Parteitag der Christsozialen in Nürnberg mit dem Parteivorsitz beschenkt und strahlte wie der Weihnachtsstern. Zwar ist Rivale Horst Seehofer noch mit dabei, doch – so viel ist gewiss – schon bald wird Söder Ministerpräsident anstelle des Ministerpräsidenten werden.

Und wer reich beschenkt wird, der schenkt auch gern. Deswegen ist der Söder Markus am Dienstag mal ganz fix ins (imaginäre) Christkindl-Kostüm gestiegen, um selbst ein Geschenk zu machen: Das von ihm geführte bayerische Heimatministerium (ja, das gibt es wirklich…) gab bekannt, die Umsetzung des Internationalen Festivals des Neuen Heimatfilms 2019 zu fördern! 28.500 Euro fließen „im Rahmen der Heimatstrategie“ (ja, die gibt es wirklich…) in die Kassen jenes Vereins, der das Festival organisiert.

In den Provinznestern Burghausen, Altötting, Trostberg, Haag, Mühldorf und Traunstein soll 2019 an mehr als 25 Spielstätten der Heimatfilm gefeiert werden. „Sie [die Heimatfilme, Anm. d. Verf.] zeigen, dass es nirgends schöner ist als daheim“, so Söder.

Da fragt man sich doch: Wie desaströs steht es um unsere Welt, wenn nun auch der längst verdrängte gruselige Heimatfilm aus der Nachkriegszeit womöglich wieder gesellschaftsfähig wird? Passt das nicht viel zu gut zum traurigen Trend, dass Nationalstaaten, Protektionismus, Volkstümelei und Lokalpatriotismus wieder en vogue sind?

„America first!“ plärrt Trump in Washington, D.C., „Für ein starkes Österreich!“ plärren Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache aus Wien zurück – in München läuft unterdessen die Heimat-Propaganda-Maschine aus Söders Ministerium auf Hochtouren. Und das nicht erst seit Dienstag.

2015 schockierte Markus Söder mit einem perfide inszenierten Gastauftritt in der beliebten BR-Vorabendsendung DAHOAM IS DAHOAM (DE 2007). Eine schwarze Audi-Limousine bleibt da mitten in der bayerischen Pampa mit einer Panne am Straßenrand liegen. Zum Glück kommt die Protagonistin mit ihrem roten (ausgerechnet!) Kleinbus vorbeigefahren und rettet den Tag – auch wenn sie sich zunächst als widerspenstig erweist: „Müssen die Großkopferten a mal biseln [dt.: urinieren, Anm. d. Verf.], ha?“, muckt sie. Auftritt Heimatminister Söder: „Des hab i fei ghört!“

Und dann wird es erst richtig beschämend.

Söder begibt sich mit seiner Retterin auf einen Roadtrip zurück in die Landeshauptstadt. Locker-lässig darf er vom Beifahrersitz aus erklären, was typisch bayerisch sei und warum die Bayern ach so erfolgreich seien im Kampf gegen die Landflucht – dabei zitiert er stellenweise wörtlich aus dem hauseigenen Papier zur „Heimatstrategie“. Das alles selbstverständlich nach der Devise: „800.000 Zuschauer – dafür müssen Sie 800 Bierzelte füllen.“
Und ein Tiefpunkt in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens war erreicht.

Dass Söder gerne Schauspieler/in wäre, zeigt er regelmäßig beim Fasching: Als Gandalf, Homer Simpson, Shrek und Marilyn Monroe war er da schon unterwegs. Wer weiß, vielleicht springt ja beim neuen Filmfestival mal wieder etwas für ihn heraus.

Auf die Leinwand schafft er es zurzeit aber auch ohne eigentliche Rolle: In Josef Vilsmaiers blau-weiß-heile-Welt-Doku BAYERN – SAGENHAFT (DE 2017), die Ende Oktober im Freistaat Kinostart hatte, darf der Heimatminister natürlich nicht fehlen: „Bayern ist das schönste Land der Welt und da sind wir froh, dass das unsere Heimat ist“, frohlockt er in die Kamera. Dazu gibt es Helikopteraufnahmen von Alpenseen und mitreißende Bilder von Brauchtümern wie Kuhrennen oder Böllerschießen, auf die man stolz sein kann.

Wie es geht, ohne Kitsch von zu Hause zu erzählen, zeigte zuletzt der Österreicher Adrian Goiginger mit seinem autobiographischen Film DIE BESTE ALLER WELTEN (AT/DE 2017). Verspricht der Titel noch eine weitere Verklärung der Heimat, entpuppt sich der Film als etwas gänzlich anderes. Die Kinobesucher/innen werden Zeugen der schwierigen Kindheit des Filmemachers im Salzburg der 90er Jahre. Seine alleinerziehende Mutter ringt mit ihrer Heroinabhängigkeit, zieht den Jungen trotz allem aber liebevoll groß. Harter Realismus wie bei den Dardenne-Brüdern trifft auf kindliche Phantasie wie bei Ben Zeitlins BEAST OF THE SOUTHERN WILD (US 2012). Dem erst 26-jährigen Filmemacher ist auch dank seines außergewöhnlichen Schauspieler-Ensembles einer der besten Filme des Jahres gelungen. Und das ganz ohne Politiker-Stargast.

DIE BESTE ALLER WELTEN hatte bereits Ende September Kinostart in Deutschland. Im März 2018 erscheint der Film auf DVD. Vielleicht sind die Heimatfilmfestivalmacher ja so subversiv, dass sie Filmen wie dem von Goiginger, und zwar Filmen von allen Kontinenten, auf ihrem Festival eine Plattform bieten. Das wäre doch bestimmt ganz im Söder‘schen Sinne.

 

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