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FIlmblog: Wenn aus der Mücke ein Elefant wird

Das Kino hat viele große Stars hervorgebracht, doch auch ganz kleine – zuletzt auch bei einem Film der Berlinale.
Keine Mücke, sondern eine Fliege stiehlt in einer Episode von BREAKING BAD den Stars die Show. Keine Mücke, sondern eine Fliege stiehlt in einer Episode von BREAKING BAD den Stars die Show.

Es dauert nur ein paar Sekunden: Eine Stechmücke landet auf dem Unterarm der Protagonistin und stakst mit ihren langen Beinen umher. Die Kamera bemerkt sie und richtet den Fokus auf sie. Wann wird sie ihren Stechrüssel in das gefundene Fressen rammen und lossaugen? Die Sekunden verstreichen ... Plötzlich schwirrt die Mücke unverrichteter Dinge ab – der Film geht weiter.

„Der Film“ ist in diesem Fall der Horrortrip Utøya 22. juli (U – July 22, NO 2018) von Erik Poppe. Bei der kürzlich zu Ende gegangenen 68. Berlinale lief er im Wettbewerb und ließ seine Zuschauer verstört zurück. Es ist eine atemlose Rekonstruktion des rechtsterroristischen Massakers während eines Sommercamps der sozialdemokratischen Jugend Norwegens auf einer Insel nahe Oslo. Sein Hauptteil besteht aus einer sogenannten Plansequenz: 72 Minuten lang kommt die Kamera, die sich ganz auf die Perspektive der Opfer konzentriert, ohne einen einzigen Schnitt aus.

Die Kamera folgt dabei, ähnlich wie in Sebastian Schippers VICTORIA (DE 2015), einer jungen Frau. Dabei agiert sie meist als Begleiter, mal als eigenständiges Subjekt, das sich weggeduckt und versteckt, und andermal als ein stiller Beobachter – so auch beim Augenblick mit der Stechmücke.

Mit ihr drängt der Zufall ins Filmbild, die Realität in das Gemachte. Für den Zuschauer ist es die Chance, für einige Sekunden den unbegreiflichen Schrecken auszublenden.

Doch was muss das für eine Situation für den Kameramann Martin Otterbeck gewesen sein? Die Einstellung bzw. der Film war zu dem Zeitpunkt zu gut zwei Dritteln im Kasten und dann landet diese Stechmücke auf dem Arm der Protagonistin. Doch Otterbeck macht etwas daraus: Er schwenkt die Kamera auf sie und stellt scharf. So schenkt er dem Film einen Moment, der herausragt, da er der Hölle auf Erden etwas Banales und Friedliches entgegensetzt.

Dass Insekten auch ein bewusstes filmisches Gestaltungsmittel sein können, zeigt der Film Sierra de Teruel (Hoffnung, ES/FR 1939-1945, R: André Malraux, Boris Peskine). Er wurde im Spanischen Bürgerkrieg von republikanischen Kämpfern unter schwierigen Bedingungen gedreht und erzählt vom Abschuss eines republikanischen Bombenflugzeugs. Als franquistische Jagdmaschinen das Flugzeug durchlöchern und die Besatzung nach und nach umkommt, krabbelt plötzlich eine winzige Ameise prominent durchs Bild. In einer dreisekündigen Detailaufnahme sieht man sie, scheinbar völlig gleichgültig, über ein Geschütz wandern.

Zu unfreiwilligem Ruhm hingegen schaffte es eine Fliege in Raiders of the Lost Ark (Jäger des verlorenen Schatzes, US 1981, R: Steven Spielberg). Darin zielt Indiana Jones (Harrison Ford) mit einem Raketenwerfer auf ein wertvolles Artefakt, das ein Nazitrupp wegschaffen will. Das erschrockene Gesicht des Bösewichts (Paul Freeman) wird in einer Großaufnahme gezeigt: plötzlich landet eine Fliege auf seiner Lippe und ist auf einmal wie vom Schauspieler verschluckt. Ein kurzer, versteckter Moment, aber für Fans der Reihe ein kultiger. Lange wurde spekuliert, ob Freeman sie wirklich gegessen hatte, doch später kam heraus: Um die Fliege zu verbergen, wurden im Schnitt ein paar Frames herausgenommen. Geklappt hat es nicht.

Sich etwas einfallen lassen mussten auch die Macher von BREAKING BAD (US 2008-2013), als sie in der dritten Staffel hoffnungslos über dem Budget lagen. Kurzerhand entwickelten die Schreiber eine sogenannte bottle episode, eine Episode, die möglichst kostengünstig produziert wird. Der Meth-Mischer Walter White (Bryan Cranston) schließt sich darin mit seinem Gehilfen Jessie (Aaron Paul) in der Drogenküche ein. Der Grund: eine Fliege. Durch ihre Anwesenheit, droht das Labor und damit die neueste Drogenladung kontaminiert zu werden. Es beginnt eine epische Jagd auf den Plagegeist. Die Episode, die nur FLY (US 2010) heißt, zeigt die zum Gegenspieler gewordene Fliege immer wieder groß in Detailaufnahmen. Wegen seiner ungewöhnlichen Erzählart sorgte sie bei den einen für Begeisterung und bei den anderen für Geringschätzung.

Wer auch trotz dieser Filmmomente kein Freund von Mücke, Fliege und Ameise mehr wird, dem sei zumindest noch folgender Tipp für den fernen Sommer mit an die Hand gegeben. US-Forscher haben kürzlich herausgefunden: Mücken meiden Menschen, die nach ihnen schlagen.

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